3satKulturdoku: "Bedrohte Schätze im Depot"/Die dunklen Flecken großer Museen und kleiner Sammlungen

Do, 19.11.2020, 12:05 Uhr
Seit der Kolonialära sind viele ethnologische Sammlungen voll mit Objekten aus aller Welt. Nur das wenigste davon wird öffentlich gezeigt. Und ist schlecht oder gar nicht erfasst © ZDF/MARKK Hamburg

Jahrhundertelang gierte Europa nach exotischen Schätzen aus aller Welt. Der Großteil davon liegt heute im Depot und bekommt nicht die konservatorische Aufmerksamkeit, die den Preziosen in den Ausstellungen zuteilwird. Was ist noch zu retten? Und wie? Die 3satKulturdoku "Bedrohte Schätze im Depot" von Frank Vorpahl, am Samstag, 28. November 2020, 19.20 Uhr in Erstausstrahlung, nimmt eine kritische Bestandsaufnahme der desolaten Lage in den Depots vor. Neben einer kritischen Bestandsaufnahme macht Frank Vorpahl in der 3satKulturdoku deutlich, dass die Gefährdungen für die ethnologischen Sammlungen ein strukturelles Problem sind: eine Überforderungssituation, die einen deutlichen Zuwachs an Ressourcen, Forschung, Austausch, Offenheit und Transparenz erfordert. Sie zeigt aber auch, wie belebend und produktiv Offenheit und Austausch wirken können.

Millionen von Objekten gelangten im Kolonialzeitalter auch in deutsche Museumsdepots. Eine Rückgabe an die Ursprungsländer ist eher die Ausnahme. "Die größte Angst ist es, Begehrlichkeiten zu wecken", so Bénédicte Savoy, Kritikerin des Berliner Humboldt-Forums. "Man will nicht restituieren. Also erzählt man nichts", so Savoy.

Von der Öffentlichkeit abgeschottet werden die Schätze in deutschen Museumsdepots nur selten so gut aufbewahrt, wie man vermuten sollte. Längst herrscht eine Art Notstandsroutine. In Berlin werden von einer halben Million Artefakte demnächst rund 10.000 im neuen Humboldt-Forum öffentlich präsentiert, doch der übergroße Rest, rund 98 Prozent, lagert weiter in Berlin-Dahlem im Depot, wo infolge baulicher Mängel schon einmal knöcheltief Wasser eindrang. Passives Entsammeln – so nennen Experten den andauernden Schwund von Artefakten durch Insektenfraß oder die Konfusion in Depotschränken und Bestandsakten.

Viele Museen wissen nicht einmal, wie viele Kulturzeugnisse sie überhaupt besitzen. Das Münchener Museum Fünf Kontinente hat von seinen schätzungsweise 160.000 Stücken gerade einmal 57.000 erfasst, im Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK), dem früheren Völkerkundemuseum, weiß man nach einem Dachschaden und einer Asbestentsorgung nicht, welche Objekte sich in welchen Kisten befinden.

An eine vollständige Digitalisierung der Artefakte aus aller Welt, wie sie schon vor Jahrzehnten in den Niederlanden oder Frankreich angepackt wurde, ist in Deutschland schon aufgrund des Budget- und Personalmangels in den nächsten Jahren nicht zu denken. Wie gut gerüstet sind die Museen hierzulande dafür, das postkoloniale Erbe der Menschheit für die Herstellungskulturen zugänglich zu machen? Viele Objekte gibt es in den Ursprungsländern oft nicht mehr, sind dort aber für die kulturelle Identität von wachsendem Wert.

Hauptabteilung Kommunikation
Dokumentation und Reportage

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@zdf.de
Mainz, 19. November 2020