3satKulturdoku zeigt die Blütezeit der Discotheken in Deutschland, New York, Italien und Spanien

Mo, 09.11.2020, 14:28 Uhr
Gesamtkunstwerk: Die Projektionen des Künstlers Ferdinand Kriwet zielten auf das Publikum. Club Creamcheese, Düsseldorf, 1967 © ZDF/Hanns Hemann

Die Diskotheken und Clubs der 1960er- und 1970er-Jahre waren künstlerische Gesamtkunstwerke. Es waren Orte intensiver, multimedialer Erfahrungen, die auch in den politischen Raum wirkten. Als Orte der Entgrenzung und Enttabuisierung trugen sie entscheidend zur Emanzipation von Minderheiten wie Homosexuellen und Schwarzen bei. Die 3satKulturdoku "Radical Disco – Die frühen Jahre der Clubs" von Susanne Müller und Andreas Coerper erzählt am Samstag, 14. November 2020, um 22.45 Uhr in Erstausstrahlung von der kurzen Blütezeit der frühen Nachtclubs und Discotheken in Deutschland, New York, Italien und Spanien. Die Doku beleuchtet jene Zeit bevor die rasante Kommerzialisierung der Diskomusik die experimentellen Clubs zwang aufzugeben.

Die Gesellschaft in den 1960er- und 1970er-Jahren befand sich im Umbruch: Die Jugend revoltierte, brach mit alten Vorstellungen – ob es um Sex ging, um Drogen oder Politik. Sie wollte raus aus dem Korsett gesellschaftlicher Normen und Dogmen. Ihre Experimentierfelder waren die neu entstandenen Nachtclubs und Diskotheken. Unter den Lichtorgeln futuristischer Tanzclubs versammelten sich die Nachtschwärmer, um in Räumen aus Sound, Licht, Plexiglas und Plüsch von uneingeschränkter Freiheit zu träumen. Heterotopien nannte der französische Philosoph Michel Foucault solche tatsächlich realisierten Utopien inmitten der Gesellschaft. An der Entstehung dieser Gesamtkunstwerke beteiligten sich renommierte Künstlerinnen und Künstler, Architektinnen und Architekten, Designerinnen und Designer.

Die Gruppe ZERO um Günther Uecker, Heinz Mack und Otto Piene etwa machte aus dem Düsseldorfer Club Creamcheese ein permanentes Happening. ZERO experimentierte schon seit Anfang der 1960er-Jahre mit dem Medium Licht. Die Künstler der Gruppe wollten die Gesellschaft mit Stroboskopen und Tonexperimenten aus ihrem Wohlstandstiefschlaf wachrütteln. 1964 stellten sie in New York aus und sahen dort Andy Warhols Lichtshow. Die Amerikanerinnen und Amerikaner bestaunten im Gegenzug die europäischen Experimente.

Auch in Italien boten die Nachtclubs jungen Künstlerinnen und Künstlern und Designerinnen und Designern die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Gruppen wie Archizoom, Gruppo 9999 und Gruppo 65 erfanden gemeinsam mit ihnen legendäre Clubs wie das Space Electronic in Florenz und das Mach2 in Rimini. Selbst in Spanien leistete sich die Franco-Diktatur liberale Clubs an der Costa Brava, um das außenpolitische Image aufzupolieren.

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Jessica Zobel
zobel.jwhatever@zdf.de
Mainz, 09. November 2020