3sat-Dokumentation "Gelbe Wut. Frankreichs Intellektuelle und die Gelbwesten"

Mi, 27.02.2019, 13:00 Uhr
© ZDF/Daniel Böhm

Seit Mitte November 2018 erschüttert der Aufstand der sogenannten Gelbwesten Frankreich in seinen Grundfesten. Für seine Dokumentation "Gelbe Wut. Frankreichs Intellektuelle und die Gelbwesten" spricht Daniel Böhm mit Demonstranten, befragt Intellektuelle und begleitet Präsident Emmanuel Macron bei dem Versuch, mit Bürgern in den Dialog zu treten. Dafür fährt der Autor mit seinem Kamerateam im roten Peugeot 205 quer durch das Land. 3sat zeigt die Dokumentation am Samstag, 2. März 2019, um 19.20 Uhr in Erstausstrahlung.

 

Die Demonstranten protestieren gegen Macrons Politik und möchten unter anderem erreichen, dass der Anstieg der Lebenshaltungskosten gestoppt und die Kaufkraft für die Mittelschicht gestärkt wird. Die Wut, die Frankreichs Straßen erfasst hat, spaltet auch Frankreichs Künstler und Intellektuelle. Während sich renommierte Autoren wie Annie Ernaux mit den "Gelbwesten" solidarisieren, warnen Ex-68er wie Daniel Cohn-Bendit vor einer reaktionären Bewegung. Die antisemitischen Ausfälle gegen den jüdischen Philosophen Alain Finkielkraut scheinen den Politiker und Publizisten Cohn-Bendit zu bestätigen, wenn er sagt: "Sie spüren das ja schon in gewissen Aussagen wie 'Wir sind Franzosen, wir sind hier zu Hause' - da kann man hören, was da dahintersteckt." Die Grande Dame der französischen Arbeiterliteratur Annie Ernaux will das nicht gelten lassen, gibt aber zu: "Es gibt hässliche Szenen und antisemitische Slogans, das stimmt. Aber man fragt sich, ob das nicht auch dazu dient, um die ganze Bewegung zu diskreditieren."

 

Um zu verstehen, warum die Protestbewegung eine solche Durchschlagskraft hat, begibt sich der Film an den Rand des Landes. Auch dort geht es den "Gelbwesten", den Gilets Jaunes, nicht nur um fehlende Jobs. Ihre Wut richtet sich gegen die Elite. In Lothringen trifft das Team den Schriftsteller Nicolas Mathieu. Sein Roman "Leurs enfants apres eux" erhielt im November 2019 den ältesten und wichtigsten französischen Literaturpreis Prix Goncourt. Mathieu beschreibt darin den Niedergang der Industriestadt Hayange - mit Landflucht, De-Industrialisierung und Verarmung. Für den Geographen Christophe Guilluy sind die Proteste das Resultat einer schon lange gespaltenen Gesellschaft.

 

Auch die ehemalige linke Kulturministerin und Autorin Aurélie Filippetti ist der Meinung, Frankreich fehle es an Demokratie. Filippetti, die sich selbst als Arbeiterkind bezeichnet, beklagt die Arroganz der Politiker. An der Universität SciencesPo, wo viele Präsidenten und Minister einst ihre Karrieren begannen, schwanken Schüler und Professoren zwischen Selbstkritik und Verständnis. Welche Auswege aus der anhaltenden Gewalt gibt es? Kann Präsident Macron die Gemüter mit seinem nationalen Dialog beruhigen?

 

Viele "Gelbwesten" wollen weiter demonstrieren. Andere suchen Wege in die Politik, so wie Jacline Mouraud, die den Aufstand mit einem Facebook-Video losgetreten hatte. In Orléans gründet sie jetzt ihre eigene Partei. Auch hier ist das Kamerateam mit vor Ort. Am Ende der Drehreise ist noch immer offen, wohin Frankreich letztendlich steuert. Klar aber ist,: Der Aufstand hat das Land in seinen Grundfesten erschüttert - und wird die Republik verändern.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Jessica Zobel
zobel.jwhatever@3sat.de
Mainz, 27. Februar 2019