Nicola Fegg / Copyright: Nicola Fegg

"Ab 18! – Following Valeria" - Sechs Fragen an Filmemacherin Nicola Fegg

3sat zeigt "Ab 18! – Following Valeria" (Deutschland 2022) von Nicola Fegg über Valeria, ein Gesicht der jungen Kriegsgeneration, im Rahmen seines Programms "10 Jahre Ab 18!" am Montag, den 5. Dezember 2022, um 23.35 Uhr.  Nicola Fegg (Jahrgang 1993) studierte vor ihrem Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) Modedesign und arbeitete als Singer/Songwriterin. Auf Valeria ist sie früh durch deren sarkastisch-humorvolle TikTok-Videos aufmerksam geworden und gleich nach Valentinas Flucht mit ihr in Kontakt getreten.

Fotos zur Reihe "Ab 18!" finden Sie hier.

Dokumentarfilm
Mo 05. Dez
23:35 Uhr
Interview

Nicola, Du bist durch die TikTok-Videos von Valeria auf sie aufmerksam geworden. Was gab den Ausschlag für Dich als Filmemacherin, sie zu kontaktieren?

Zu Beginn des Ukraine Krieges hatte ich, wie vermutlich so viele Leute, das Gefühl, nur untätig da zu sitzen, während all diese schlimmen Dinge passieren. Als ich auf Valerias TikTok Videos stieß, empfand ich einen sofortigen Sog, der von ihr als Person ausging. Valerias Art, die schreckliche Realität ins Komische zu ziehen, und ihr oft steinkalter Gesichtsausdruck faszinierten mich. Zu dem Zeitpunkt, Anfang März, befand sich Valeria noch im Luftschutzbunker und postete sehr regelmäßig, etwa zwei Mal täglich. Ich verbrachte einige Tage damit, ihr Profil immer wieder zu durchforsten. In mir kam der Gedanke auf: „Irgendwer muss doch einen Film über sie machen, irgendwer macht bestimmt schon einen Film über sie!“.

Als sie plötzlich vom einen Moment zum Nächsten aufhörte zu posten, komplette Funkstille, machte ich mir, so wie viele ihrer Follower, große Sorgen um sie - um ein Mädchen, das ich noch nie zuvor kennengelernt hatte. Nach drei stillen Tagen postete sie endlich ein neues TikTok: HOW I ESCAPE FROM UKRAINE TO POLAND, und in meiner Erleichterung traf ich die in mir nun heran gewachsene Entscheidung, Valeria auf Instagram zu schreiben und ihr vorzuschlagen, einen Film mit ihr zu machen. Mit Valeria in Kontakt zu treten, gab mir sofort das Gefühl, nicht nur untätig dazusitzen, sondern als Filmemacherin meinen kleinen Teil beizutragen und etwas zu tun, was in meiner Macht stand. Etwas, was ich als ein totales Privileg ansehe: Authentische Geschichten von spannenden Menschen zu erzählen und sich dabei nicht vor Ambivalenz zu fürchten. Bevor ich sie traf, dachte ich, ich könnte einen Film über eine junge, verträumte Frau machen, welche unbeabsichtigt viral ging und nun ihren Weg als Flüchtling bestreiten wird. Als ich Valeria dann zum Abendessen in Warschau traf und sie persönlich kennenlernte, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstkritik sah, verstand ich, dass es in diesem Film um so viel mehr gehen kann: Um den Clash der „alten“ und „neuen“ Welt, um die Frage, was es bedeutet, politisch zu sein, und um die Definition von Heimat. Ich war begeistert von den thematischen Spannungsfeldern, welche ich in ihrer Geschichte entdecken konnte. Um es in TikTok Sprache zusammenzufassen: Ich war „hooked“.

Wie hast Du entschieden, auf welchen Stationen ihres Fluchtwegs Du Valeria triffst und begleitest?

Ich wusste, genauso wenig wie Valeria, wohin ihre Reise gehen wird. Valeria plant nicht gerne, weshalb wir als Team sehr spontan auf ihre Umzüge und Einladungen reagiert haben. Bei manchen Events wollte sie uns unbedingt dabei haben, bei anderen nicht so sehr. Zu Beginn war es mir sehr wichtig, ihre Anfangszeit in Mailand zu dokumentieren. Als ich erfuhr, dass sie plante, ihren Bruder in Nürnberg zu besuchen, versuchte ich Valeria davon zu überzeugen, sie auch dorthin begleiten zu dürfen. Sie wollte jedoch beim ersten Wiedersehen nicht von einer Kamera gestört werden. Sie fuhr im Sommer also zu Jaroslaw, erst blieb sie nur ein paar Tage, dann verlängerte sie ihre Reise, bis sie schließlich einfach in Nürnberg blieb und nicht mehr nach Mailand zurückkehrte und es klar war, dass auch diese Station ihrer Flucht ein wichtiger Teil des Films werden musste. 

Valeria fühlte sich auch vor unserer Kamera nicht immer wohl und entschied in manchen Momenten, dass sie nicht weiter gefilmt werden wollte, und hatte Sorge, dass wir sie in einem falschen Licht darstellen könnten. Da musste ich immer wieder Überzeugungsarbeit leisten. Im Endeffekt wurde mein Plan-Of-Action: Immer wenn Valeria es uns erlaubt, sie zu begleiten und mit ihr zu drehen, dann drehen wir auch mit ihr. In diesem Prinzip wurde dann auch entschieden, welche Stationen wir begleiten. Viel Kommunikation und Vertrauensaufbau waren darum enorm wichtig.

Im Film wird deutlich, dass Valeria gerne selbst die Kontrolle über ihr Bild behalten möchte. Wieso hat sie sich dann dennoch Dir und Deinem Kameramann anvertraut?

Valeria und ich kamen uns während der Entstehung des Films persönlich recht nah, ich würde sagen, wir entwickelten ein freundschaftlich/fast geschwisterliches Verhältnis. Wir beide sind ähnlichen Alters - ich bin sieben Jahre älter als sie -, und uns beschäftigen oft ähnliche Themen, wodurch immer wieder ein reger Austausch stattfand. In den Phasen, in welchen Valeria auch mit uns nicht mehr weiterdrehen wollte, verbrachten wir dennoch Zeit miteinander. Ich hatte das Gefühl, dass Valeria nach einer Weile ein Vertrauen darin entwickelte, dass es unser Ziel war, sie authentisch darzustellen, wodurch sie es im Endeffekt doch schaffte, sich vor der Kamera ein wenig zu öffnen. Es gab aber trotzdem ganz oft genervte Blicke direkt in die Kamera.

Hast Du Absprachen mit ihr über Szenen getroffen, die Du plantest oder die sie sich wünschte?
Mit den inszenierten Zwischenbildern, bei welchen sie direkt in die Kamera guckt, habe ich Valeria bewusst in die Gestaltung mit eingebunden. Sie fand die Idee toll, eine inszenierte, stilisierte Ebene im Film zu etablieren, und brachte deshalb eifrig Ideen ein. Auch das letzte Bild, in welchem sie über das Feld tanzt, war ihre Idee. Ansonsten gab es relativ wenige Absprachen. Wir filmten die Ereignisse, die uns vor die Linse kamen, wir brachen die Szenen ab, wenn Valeria genug hatte. Wir versuchten, alles so organisch und unaufdringlich wie möglich zu halten, um größtmögliche Authentizität einzufangen.

Wie entstand die Dramaturgie des Films? Dass er so endet, war ja zu Beginn der Dreharbeiten noch nicht abzusehen.

Die Dramaturgie des Films entstand großteils im Schneideraum, wobei sich während der Dreharbeiten natürlich schon abzeichnete, dass sie sich anhand der Stationen ihres Fluchtweges entlang hangeln wird. Valeria kehrte erst kurz vor Fertigstellung des Films in die Ukraine zurück, worauf wir im Schnitt sehr flexibel reagierten. Es war aber ein Schritt, mit dem wir immer auch rechneten.  Es gab inhaltliche „rote Fäden“, die uns wichtig waren im Blick zu behalten. Spannungsfelder in und um Valeria, die uns interessierten. Dazu gehörte Valerias Umgang mit Privatem und mit Öffentlichkeit, mit der zunehmenden Kritik und den negativen Kommentaren auf TikTok, bei denen sie immer mehr zur Projektionsfläche wird, und ihr Umgang mit ihrer von den Medien zugeteilten Rolle als politische Aktivistin im Gegensatz zu ihrer ganz eigenen Motivation und ihren Wünschen als junge Frau.

Hast Du weitere Projekte, die sich mit dem Kriegsthema befassen?

Ich arbeite im Moment an einem Konzept für einen Dokumentarfilm, in welchem es um eine Skateboardschule für Mädchen in Kabul in Afghanistan gehen soll. Ich liebe es, Menschen begleiten zu dürfen, die trotz der großen und kleinen Dinge, welche um sie herum passieren, weiter kämpfen und so filmisch auf Missstände aufmerksam zu machen.

Die Fragen stellte Udo Bremer, Dokumentarfilm ZDF/3sat.

Hauptabteilung Kommunikation
Dokumentation und Reportage

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@zdf.de
Mainz, 09. November 2022
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