Neuanfang in der Universitätsstadt Cordoba. Micaela lebt das erste Mal in ihrem Leben allein © ZDF/Verena Kuri

Ab 18! - "Die eigene Stimme finden": Interview zu "Die Tochter von …"

Mit Filmautor Joakim Demmer und Filmautorin Verena Kuri sprach Redakteurin Nicole Baum (ZDF/3sat-Filmredaktion)

Als Micaela drei Jahre alt war, wurde ihre Mutter Marita Verón von Menschenhändlern verschleppt. Ihre Kindheit in Argentinien war geprägt von der Suche nach ihr. Nun lebt die 19-Jährige erstmals allein und ohne Personenschutz. Am Dienstag, 5. November, 22.25 Uhr, zeigt 3sat den Dokumentarfilm "Ab 18! – Die Tochter von ...".

Dokumentarfilm
Di 05. Nov
22:25 Uhr
Interview

Wie kam der Kontakt mit Eurer Protagonistin, Micaela, zustande?

Wir kannten die Geschichte von Micaelas Familie aus den argentinischen Medien. Über einen guten Freund erhielten wir Kontakt zu ihrer Großmutter Susana Trimarco, die schnell zu einem Gespräch bereit war. Micaela selbst hatte jedoch zunächst große Vorbehalte und wollte nichts von uns wissen. Sie hatte in ihrem Leben bereits viele schlechte Erfahrungen mit Medien gemacht und sich infolgedessen immer weiter von ihrer Rolle als "öffentliche Person" distanziert. Micaela wollte deshalb zunächst auf gar keinen Fall wieder über die Vergangenheit sprechen. Wir waren uns daher lange nicht sicher, ob es uns überhaupt gelingen würde, ihr Vertrauen zu gewinnen. Erst als Micaela verstand, dass wir sie in die Entwicklung des Films einbeziehen wollten, änderte sich die Situation. Unsere Gespräche zogen sich dann über Monate hinweg, und bald schon kam es zu einem tagtäglichen Austausch. Es gab viel Redebedarf von beiden Seiten. Darüber bauten wir langsam Vertrauen auf, und das wurde zur Voraussetzung für den gemeinsamen Dreh.

 

Wie viel Mut musste die junge Frau sammeln, um sich in einem Dokfilm zu präsentieren? Bis vor kurzem stand sie ja noch unter Polizeischutz.

Kurz zuvor war Micaela aus Túcuman, wo ihre Großmutter immer noch lebt, nach Córdoba gezogen, und dies hatte bereits viel verändert. Ihre Entscheidung, dort nun ohne Polizeischutz zu leben, war sehr wichtig für sie und hatte ihr ein neues Gefühl der Selbstermächtigung gegeben. Sie fand die Möglichkeit, fortan anders mit ihrer Angst umzugehen und sich nicht weiter zu verstecken. In ihrer Heimatstadt wäre das nicht möglich gewesen - wenn sie ihre Großmutter dort besucht, geht dies nach wie vor nur mit Polizeischutz. Durch die neue Erfahrung wurde Micaela klar, dass auch der Film ihr dabei würde helfen können, einen anderen Umgang mit dem Erlebten zu finden. Das hat sie schließlich dann auch ermutigt mitzumachen.

 

Was waren die größten Schwierigkeiten während des Drehs?

Micaela wollte im Film auf keinen Fall nur "die Tochter bzw. Enkelin von…" sein. Dennoch war ihr natürlich klar, dass wir genau aus diesem Grund auf sie aufmerksam geworden sind und dieser Aspekt ihres Lebens auch in den Film würde einfließen müssen. Dies führte von Seiten Micaelas immer wieder zu einer ambivalenten Haltung gegenüber dem Projekt. Uns war es wichtig, genau dies auch in den Film einfließen zu lassen. Von Anfang an, konkret im Prolog, wollten wir die inneren Konflikte Micaelas abbilden und das Widersprüchliche selbst somit auch zum Motor des Films machen. Es bedurfte unsererseits einer ständigen inhaltlichen Reflexion und kritischen Selbstüberprüfung, um zwar Micaelas Bedürfnis nach Grenzen der Intimität vor den Augen der Öffentlichkeit zu wahren und zugleich einen persönlichen und authentischen Einblick in ihre Gefühlswelt zu ermöglichen. Diese Gratwanderung ist mit viel Verantwortung gegenüber unserer Protagonistin verbunden, und wir fragen uns immer noch, ob wir es geschafft haben, dieser Herausforderung gerecht zu werden.

 

Wie geht Micaela in ihrem Freundeskreis mit ihrer "Berühmtheit" um?

Mica hat einmal gesagt: "Ich bin Maritas Tochter und Susanas Enkelin, und das ist eine Einschränkung. Aber da ich nicht mehr davon abhänge (…) fange ich an, ich zu sein". Mica wird von ihren Freunden "Inti" genannt, und viele Bekannte in Córdoba kennen ihren echten Namen nicht. Den Spitznamen hat sie damals von ihrer Mutter bekommen. Der Name schützt sie vor der Öffentlichkeit, und sie wird nicht automatisch mit Marita Verón und Susana Trimarco in Verbindung gebracht. Ihre engen Freunde verstehen, dass es für Micaela schwierig ist, sich von ihrer Geschichte zu distanzieren, sich selbst zu finden und dabei ihre Vergangenheit nicht zu verleugnen.

 

Wird diese "Berühmtheit" auch weiterhin ihr Leben bestimmen?

In ihrem bisherigen Leben war Micaela immer nur die Tochter von "der Entführten", "der Gesuchten" oder "der Hure". Sie ist auch die Enkelin einer Großmutter, die einen unaufhörlichen Kampf gegen den Menschenhandel führt und Hunderte von Frauen befreite. Sie lebte in dieser Situation seit ihrer frühen Kindheit und begleitete ihre Großmutter bei deren Suche auf Schritt und Tritt. Ihre Mutter Marita Verón ist vor 17 Jahren verschwunden, und es gab über die Jahre hinweg mehrere Ausgrabungen, Knochenanalysen, Dutzende Anrufe und Geldanfragen von Personen, die angeblich wussten, wo sich Marita befindet, aber sie wurde nie gefunden. Micaela versucht all dem nun vorerst aus dem Weg zu gehen, um, wie sie selbst sagt, nicht verrückt zu werden. Die Hoffnung ist, dass dieser Film für sie ein Instrument bedeuten kann, mit dem sie ihre eigene Stimme findet, ihre eigene Erzählung formuliert.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 25. Oktober 2019
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