Schauspieler Thiemo Strutzenberger ist der 3sat-Preisträger 2021 © Lucia Hunziker

"Auf die filmischen Möglichkeiten bin ich gespannt" - Interview mit 3sat-Preisträger Thiemo Strutzenberger

In Stefan Bachmanns Inszenierung "Graf Öderland" spielt Thiemo Strutzenberger den Staatsanwalt Martin, der einen blutigen Feldzug gegen den gesellschaftspolitischen Status quo führt. Für seine Rolle erhält er beim Berliner Theatertreffen den 3sat-Preis

Sie sind selbst auch Autor von Dramentexten. Welche Thematik beschäftigt Sie gerade?
Bisher hatten die Stücke eher historische Bezugsrahmen. Gerade bin ich daran interessiert, mehr unmittelbare und gegenwärtige Figuren zu kreieren. Dabei spielen für mich Themen wie Herkunft, Familienhintergrund und Zugehörigkeit eine Rolle. Ich würde in der Zukunft auch gern mit anderen Formaten experimentieren.

"Graf Öderland" wurde, noch bevor das Stück vor Publikum präsentiert werden konnte, für die Kameras gespielt. Was bedeutet die Übersetzung einer Theaterarbeit in ein anderes Medium für Sie?
"Das Absurde ist da", wie es zu Stückbeginn heißt. Zwischen den Vorstellungen in Basel und der filmischen Übertragung in München liegt dieses ganze Jahr. Dass es weiterhin keinen atmosphärischen Austausch zwischen Publikum und Spielenden gibt, verwirrt mich zunächst. Auf die filmischen Möglichkeiten bin ich aber gespannt. Es wäre wunderbar, wenn etwas von der Art, wie wir gearbeitet haben und vom konsequent Verspielten der Aufführung auch auf die Bildschirme überspringen könnte.

Denken Sie, dass die momentane Krise auch Chancen für die Theaterlandschaft bietet? Welche Chancen könnten das sein?
Es gibt zunächst so viele existenzielle Lasten und Bedrohungen, so viel Disziplin, dass sich die Chancen, denke ich, noch nicht so recht offenbaren. Aber man hegt doch die Hoffnung, dass sich die Theater als notwendig erweisen werden, um sich in näherer Zukunft gesellschaftlich wieder zu orientieren und um der Sehnsucht nach spielerisch, öffentlich-geistigem Leben Ausdruck zu verleihen, um Widersprüche weiter durchzuarbeiten und zu verstehen. Dafür ist die gleichzeitige körperliche Anwesenheit von Spielenden und Zusehenden meiner Meinung nach zwingend.

Max Frisch hat die erste Fassung von "Graf Öderland" im Jahr 1946 verfasst. Wo sehen Sie Parallelen des Stückes zu unserer Gesellschaft und unserer heutigen Zeit?
Dieser Staatsanwalt wird in jeder Szene in eine neue Welt hineingeboren oder vielmehr hineingeträumt. Wieder und wieder, bis so ein Traumgewebe entsteht. Stefan, der Regisseur, hat in dem Zusammenhang eine Formulierung verwendet, die uns viel bedeutet hat: „der nicht zu Ende geborene Mensch“. Das erzeugt auch im Stücktext einen existenzialistischen Drive, eine Unruhe, die vermutlich gut zu unserer Gegenwart passt. Es geht also um das Unsicher- und Ungreifbarwerden von Wirklichkeit überhaupt. Zeitlos und aktuell scheint mir am Stück auch dieses Thematisieren des Traums von Omnipotenz und Freiheit zu sein – der düstere Konformismus, der dem zugrunde liegt. Im Zuge seiner Verwirklichung wird eine eher dumpfe, gewaltbereite Rebellion angeheizt. Die "Gespenster der Verantwortung", die Frisch heraufbeschwört, stellen eine deutliche Parallele dar.

Einladung zum Berliner Theatertreffen, 3sat-Preis: Wie erklären Sie sich, dass die Inszenierung von "Graf Öderland" trotz der wenigen Aufführungen bisher so starken Widerhall gefunden hat?
Ich erkläre es mir eigentlich nicht. Es ist vor allem eine schöne Arbeit geworden und traf offenbar schon vor der Pandemie einige Themen der Zeit. Wir hoffen, dass die Aufführung bald in München gezeigt werden kann. Vielleicht findet sie hier auch so fabelhaften Widerhall.

 

Das Interview führte Wolfgang Horn, ZDF-Redaktion Musik und Theater

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HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Jessica Zobel
zobel.jwhatever@3sat.de
Mainz, 30. März 2021
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