Chronische Einsamkeit kann krank machen @ ZDF und Ralf Heinze

"Bruder, die Einsamkeit bringt mich um"

Freundschaftsforscher Janosch Schobin erklärt im Interview, warum soziale Kontakte so wichtig sind

Interview mit Freundschaftsforscher Janosch Schobin "Bruder, die Einsamkeit bringt mich um" Freundschaftsforscher Janosch Schobin ist einer der Experten in der Dokumentation "Epidemie Einsamkeit" und zu Gast bei "scobel" (Donnerstag, 14. Februar, ab 20.15 Uhr, Erstausstrahlungen). Lesen Sie hier ein Interview mit dem Soziologen.

Wissenschaft
Interview

Herr Schobin, Sie forschen zu den Themen Freundschaft und Einsamkeit. Wie definieren Sie Einsamkeit und worin liegt der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein?

Einsamkeit und Alleinsein sind ja zunächst Alltagsbegriffe, die ganz unterschiedlich aufgefasst werden. Wir sprechen in der Soziologie eher von sozialer Isolation und von Einsamkeitsempfindungen. Soziale Isolation bedeutet ein langandauerndes, intensives Alleinsein: eine Person ist sozial isoliert, wenn ihre Kontaktfrequenz zu relevanten Nahpersonen dauerhaft unter eine bestimmte Schwelle fällt. Etwas salopp formuliert: Soziale Isolation liegt vor, wenn jemand über eine längere Zeitspanne sehr selten Menschen trifft, zu denen er oder sie eine echte Bindung hat. Unter dem Begriff der Einsamkeit verstehen Soziologen dagegen ein negatives Gefühl des Mangels an positiven affektiven Bindungen, also eine negative Einsamkeitsempfindung. Meist ermitteln wir das, indem wir den Menschen Fragen stellen, die auf einen empfundenen Bindungsmangel schließen lassen. Etwa "Fühlen Sie sich sozial eingebunden?" Oder, ganz direkt: "Fühlen Sie sich (oft) einsam?"

 

Sind Menschen heute einsamer als früher? Hat sich da in Zeiten von Facebook und Co etwas verändert?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt praktisch keine verlässlichen und über längere Zeiträume vergleichbaren Daten zur Veränderung von Einsamkeitsempfindungen und sozialer Isolation. Die wenigen Zeitreihen, die wir haben, deuten jedoch nicht auf eine sprunghafte Zu- oder Abnahme hin. Man muss aber betonen, dass die Datenlage nicht sehr stichhaltig ist.

 

Was zeichnet eine gute Freundschaft aus? Und hat sich unser Verständnis von Freundschaft in den letzten Jahren verändert?

Zumindest das öffentliche Bild der Freundschaft hat sich sehr verändert. Etwas zugespitzt formuliert: Das Idealbild der Freundschaft ist in den letzten Jahrzehnten zugleich fürsorglicher und weiblicher geworden. Das erkennt man etwa an der Ratgeberliteratur: Bis in die 1990er-Jahre hinein wurden Freundschaftsratgeber fast ausschließlich von Männern geschrieben. In den Büchern ging es dann auch eher um Männer und Themen wie Konkurrenz in Freundschaften oder Erfolg im Beruf durch gute Beziehungen. Mittlerweile werden die Ratgeber vermehrt von Frauen geschrieben. Sie sind daher fast immer die Protagonistinnen dieser Bücher. Oft geht es sogar nur noch um Freundschaften unter Frauen. Damit ändert sich aber auch das Freundschaftsbild sehr stark, in den Ratgebern geht es heute primär um emotionale Unterstützung in Freundschaften. Das spiegelt sich zum Teil auch in der Praxis wieder: Seit Mitte der 1980er-Jahre ist der Prozentsatz an Personen, die sagen, dass sie eine zumindest auf kommunikativer Ebene intime Freundschaft haben, stark gestiegen.

 

Einsamkeit kann Studien zufolge krank machen. Warum sind Familie, Freunde und soziale Kontakte für unser Wohlbefinden so wichtig?

Die genauen kausalen Zusammenhänge zwischen Vereinsamung und Gesundheit sind kompliziert, und wir beginnen gerade erst, sie genauer zu verstehen. Aus der soziologischen Literatur zum subjektiven Wohlbefinden ist allerdings schon seit geraumer Zeit bekannt, dass ein Mangel an sozialer Einbindung das Glücksempfinden erheblich schmälert. Wir zählen in der Soziologie soziale Bedürfnisse nach positiver Anerkennung durch das persönliche Umfeld - genau wie Gesundheit, Sicherheit oder einen materiellen Mindeststandard - deswegen schon lange zu den sogenannten Primärgütern: Sie sind für das individuelle Wohlbefinden unverzichtbar, weil aus ihnen überhaupt erst die Möglichkeit folgt, sich selbst zu entwickeln und zu verwirklichen.

 

Hierzulande hat man eher das Gefühl, sich schämen zu müssen, wenn man einsam ist. Wie sieht das in anderen Ländern aus?

Auch hier sind vergleichende Daten leider Mangelware. Aus qualitativen Studien habe ich jedoch den Eindruck gewonnen, dass die kulturellen Unterschiede sehr groß sind. In Lateinamerika etwa ist es durchaus üblich, Einsamkeitsempfindungen auch vergleichsweise fremden Menschen zu offenbaren - mitunter sogar in öffentlichen Kontexten. Das kam während meiner Feldforschung explizit vor: Einmal hat mir ein Herr, den ich flüchtig kannte, auf offener Straße beim Smalltalk gebeichtet: "Bruder, die Einsamkeit bringt mich um". Das ist in nordeuropäischen Kontexten anders. Da wird bestenfalls gegenüber den engsten Freunden und Verwandten über Einsamkeitsgefühle gesprochen.

 

Früher gab es die Großfamilie, heute gibt es viele Einzelkinder, Singles oder Menschen, die kaum Kontakt zu ihren Angehörigen haben. Können Freunde da eine Art Ersatzfamilie sein?

In vielerlei Hinsicht schon. Für eine Gruppe, deren Größe ich auf etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung schätzen würde, sind Freunde heute schon die primären Bezugspersonen. Sie geben den Großteil der affektiven, praktischen und materiellen Unterstützung und stellen den Lebensmittelpunkt dar. Schwieriger sind unter Freunden jedoch einige spezielle emotionale und praktische Bedürfnisse, die bisher durch Familien und Partner befriedigt werden: Das Bedürfnis nach körperliche Pflege im Alter zum Beispiel. Das ist unter Freunden komplizierter und findet selbst bei Menschen, in deren Leben Freunde die Familie nahezu ersetzt haben, noch immer selten statt.

 

Und falls man keine Freunde hat: Wie findet man welche?

Begehen sie ein kleines Verbrechen mit jemandem zusammen. Nein, im Ernst: Freundschaften entstehen, indem man sich wechselseitig angreifbar und verletzlich macht. In der Jugend passiert das oft, indem man zusammen Regeln und Gesetze bricht und so ein privilegiertes Wissen übereinander entwickelt. Das geht aber auch, indem man sich einer Person Stück für Stück kommunikativ anvertraut, ein System der Geheimniskommunikation - in dem Sinne, dass man in einer besonderen Weise über vertrauliche Dinge spricht − mit jemandem etabliert und so eine besondere Nähe schafft.

 

Janosch Schobin ist Soziologe an der Universität Kassel und forscht über Freundschaft sowie Einsamkeit als soziales Phänomen. Er ist einer der Experten in der "Wissenschaft am Donnerstag"-Dokumentation "Epidemie Einsamkeit" und zu Gast in "scobel", 14. Februar ab 20.15 Uhr.

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Marion Leibrecht
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Mainz, 28. Januar 2019
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