Stefan (Jürgen Arndt) ist verheiratet mit Magdalena und liebt alle Frauen - wenn sie ihn lassen (Szene aus "Neun Leben hat die Katze") © ZDF/Ula Stoeckl/ Deutsche Kinemathek, Berlin

Das Kino als Spiegel der Gesellschaft

Anmerkungen der ZDF/3sat-Filmredaktion zur Reihe "Deutsch-Deutsches Kino - 40 Jahre Filme in Ost und West"

Das Kino eines Landes ist immer ein Spiegel seiner Gesellschaft, und Filme Seismographen, die politische und soziale Veränderungen anzeigen. Wenn man nun auf die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik blickt, die 40 Jahre lang unabhängig voneinander und anfangs als verfeindete Nachbarn existierten, ergibt ein vergleichender Blick auf ihr jeweiliges Kino ein spannendes Bild.

Filmreihe
Di 30. Apr
20:15 Uhr
Fr 24. Mai
22:25 Uhr
Artikel

Zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes und der Staatsgründung beider Länder zeigt 3sat 21 Spielfilme aus vier Jahrzehnten, in denen in regionalen und historischen Momentaufnahmen die gesellschaftliche Wirklichkeit beider Staaten sichtbar wird. Neben bekannten Klassikern zeigt 3sat zu Unrecht in Vergessenheit geratene Filme, die es wert sind (wieder)entdeckt zu werden.

 

In den Wirtschaftswunderjahren geht es in den Filmen im Westen um einen zum Skandal gewordenen Mordfall und allgemeine Doppelmoral wie in "Das Mädchen Rosemarie" und "Der gläserne Turm". Mit seinem aufsehenerregenden Spielfilmdebüt "Die Halbstarken" über die kriminellen Vorboten einer zukünftigen Jugendkultur machte Regisseur Georg Tressler den damals 23-jährigen Horst Buchholz zum Star. Das DDR-Kino präsentiert in den Jahren vor dem Mauerbau noch ganz freundlich "Eine Berliner Romanze" zwischen Ost und West und antwortet mit "Berlin - Ecke Schönhauser" auf die Jugend- und Straßenfilme aus dem Westen - beide inszeniert von dem früh verstorbenen Regisseur Gerhard Klein.

 

Ebenso leicht und unideologisch dreht Kurt Maetzig mit "Vergesst mir meine Traudel nicht" eine der schönsten DEFA-Komödien - die komisch-tragische Geschichte eines Mädchens aus einem Heim –, der Karrierestart für die damalige Schauspielschülerin Eva-Maria Hagen. In "Der geteilte Himmel" (nach dem Roman von Christa Wolf) gibt es nicht mehr viel zu lachen; die Mauer führt zu einer Trennung und zum Ende einer Liebe. Der Klassiker von Konrad Wolf ist eine der wichtigsten filmischen Auseinandersetzungen mit der deutsch-deutschen Teilung.

 

In der Bundesrepublik sorgt 1969 der junge Filmemacher Peter Fleischmann mit seinen "Jagdszenen aus Niederbayern" für einen Skandal, nachdem er für seine drastische Darstellung von gesellschaftlicher Ausgrenzung die Bewohner eines Dorfes als Schauspieler eingesetzt hat. Das deutsche Publikum ist gespalten, und die Vergabe zweier Bundesfilmpreise ruft heftige Proteste hervor. Der Film, in dem Hanna Schygulla ihre erste Kinorolle spielte, ist erstmals seit über zehn Jahren in der 3sat-Reihe wieder im Fernsehen zu sehen. Ebenfalls 1969 dreht die Filmstudentin Ula Stöckl als Spielfilmdebüt ihren Abschlussfilm am Institut für Filmgestaltung in Ulm. "Neun Leben hat die Katze" ist ein episodisches und spielerisches Porträt von fünf Frauen, das sich – ganz nach dem Motto: Das Private ist politisch – mit unterschiedlichen Auffassungen von persönlichem Glück und beruflichem Erfolg befasst. Der Film steht am Anfang der westdeutschen Frauenbewegung, und nicht zuletzt seine poetische Form und sein Humor machen ihn zu einem Meilenstein des BRD-Kinos.

 

In der DDR der 1960er Jahre fallen bei den ideologischen Richtungskämpfen einige der besten Spielfilme der Zensur zum Opfer und dürfen bis 1989 nicht mehr gezeigt werden, darunter Frank Beyers humorvoll-respektlose "Spur der Steine" (mit Manfred Krug) und Kurt Maetzigs gesellschaftskritisches Drama "Das Kaninchen bin ich".

 

Berührende private Schicksale, die auch ein Stück Zeit- und Sozialgeschichte der beiden Staaten erzählen – das liefern in den 1970er Jahren im Westen Filme wie "Messer im Kopf", Reinhard Hauffs Psycho-Politdrama (mit Bruno Ganz) über die RAF-Terrorismus-Hysterie nach dem sogenannten "Deutschen Herbst", "Rocker" von Klaus Lemke sowie Rainer Werner Fassbinders Melodram "Angst essen Seele auf", in dem eine Witwe (Brigitte Mira) sich in einem feindlich gesinnten Umfeld herausnimmt, ihre Liebe zu einem 20 Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter zu leben.

 

Während in der DDR Heiner Carows romantische Liebesgeschichte "Die Legende von Paul und Paula" mit Angelica Domröse zum Publikumserfolg und Klassiker wird, geben die Behörden die Parabel "Geschlossene Gesellschaft" mit Armin Mueller-Stahl erst nach umfassenden Schnitten frei, weil sie "die gesellschaftlichen Verhältnisse grob entstellt". Regisseur des Films war Frank Beyer, der vorher nach einem Roman von Jurek Becker die allgemein anerkannte und Oscar-nominierte Tragikomödie "Jakob, der Lügner" mit Erwin Geschonneck inszeniert hatte.

 

In den 1980er-Jahren nimmt Doris Dörrie mit "Männer" den Erfolg des Komödienbooms der 1990er vorweg, indem sie vorführt, wie lächerlich in der BRD inzwischen die patriarchalen Geschlechterrollen wirken. Derweil kämpft Marius Müller-Westernhagen als sympathischer Loser in "Theo gegen den Rest der Welt" im Ruhrgebiet für seinen Anteil am Erfolg des Kapitalismus, genau wie die Bankräuber in Dominik Grafs "Die Katze", damals einer der ganz wenigen Genrefilme des bundesdeutschen Kinos.

 

Peter Kahanes "Die Architekten", einer der letzten DDR-Filme, markiert 1990 das Ende der 40-jährigen getrennten Entwicklung der beiden deutschen Kinokulturen - ein eindrucksvoller nachdenklicher Film, der die Geschichte eines Projekts erzählt: Junge Architekten sollen für ein riesiges Neubaugebiet ein gesellschaftliches Zentrum für die Zukunft entwerfen. Als der Film vor dem Mauerfall geschrieben und produziert wird, wissen die Macher noch nicht, dass sie schon sehr bald mit ihren westdeutschen Kollegen gemeinsam am deutschen Kino der Zukunft arbeiten werden.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 27. März 2019
Das könnte Sie auch interessieren