Blick auf das Hauptgebäude der Bauhausschule in Dessau-Rosslau (c) dpa/Zentralbild/Hendrik Schmidt

"Die Bauhäusler waren eine verschworene Gemeinschaft"

Interview mit Kultur- und Designhistorikerin Anja Baumhof

2019 feiert das Bauhaus seinen 100. Geburtstag. Die Dokumentation "Bauhaus. Die vergessenen Pionierinnen einer Kunstbewegung" (Samstag, 13. April, 19.20 Uhr, Erstausstrahlung) von Nico Weber stellt die Frauen am Bauhaus in den Fokus. Lesen Sie hier ein Interview mit Kultur- und Designhistorikerin Anja Baumhoff, Mitherausgeberin des Buchs "Mythos Bauhaus" und eine der Expertinnen in der Dokumentation.

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Das Thema "Bauhaus" hat ja gerade Hochkonjunktur, und auch die Frauen am Bauhaus finden immer mehr Beachtung. Können Sie erklären, was sich in der öffentlichen Wahrnehmung verändert hat?

Veränderungen kann man vermutlich am besten nach Abschluss der 100-Jahr-Feiern sehen. Momentan ist das Bild vom Bauhaus noch recht klischeehaft. Bauhaus-Design wird als ein moralisch gutes, international erfolgreiches Design angesehen, welches das Antlitz des 20 Jahrhunderts prägte und das uns heute noch begleitet. Weshalb man sich jetzt gerade für die Frauen am Bauhaus interessiert? Vermutlich, weil es eines jener Gebiete ist, über das bisher wenig in der breiten Öffentlichkeit bekannt war. Das erste Buch zum Thema kam von Magdalena Droste, die im Bauhaus Archiv eine Ausstellung zu den Werberinnen am Bauhaus gemacht hat. Darauf aufbauend kam im Jahre 2001 mein Buch "The Gendered World of the Bauhaus". Heute gibt es endlich ein breiteres öffentliches Interesse an dem Thema, vermutlich wegen der "#MeToo-Debatte". Dadurch erhöhte sich das Interesse für das Thema Frauen und Gleichberechtigung in der Öffentlichkeit spürbar. Als ich vor vielen Jahren anfing, zu Frauen am Bauhaus zu forschen, wurde mir öfter gesagt, das Thema sei nicht relevant. Ich habe damals gut zwei Dutzend Bauhäusler interviewt und auch versucht, mit Max Bill darüber ins Gespräch zu kommen. Bill hatte am Bauhaus studiert und war von 1985 bis 1994 Vorsitzender des Bauhaus-Archivs in Berlin. Als ich ihn dann im Bauhaus-Archiv traf, hat er mir persönlich gesagt, dass er mir davon abrät, über Frauen am Bauhaus zu promovieren.

 

Das Bauhaus verfolgte den Ansatz, Kunst und Handwerk zusammenzubringen. Wie sah es denn mit den Frauen im Handwerk aus?

Am Bauhaus absolvierten alle Studierenden zuerst einen Vorkurs. Erst danach gingen sie in eine der Werkstätten. Idealerweise erwarben sie hier einen Gesellenbrief und später, am Bauhaus in Dessau, ein Diplom. Die Kombination von Kunst und Handwerk war für die Frauen damals schwierig, weil sie von den meisten Innungen nicht zugelassen wurden. Meistens konnten sie deshalb keine Lehre machen. Das Handwerkskonzept, auf dem das Bauhaus beruhte, war für Frauen also kaum durchführbar. Die Arbeitsbereiche in Kunst und Handwerk mussten sie zuerst einmal erobern.

 

Anfänglich durften Frauen am Bauhaus noch in allen Bereichen arbeiten, später wurden sie sukzessive in die Weberei "verbannt", die den niedrigsten Status unter den Werkstätten hatte. Was war der Grund dafür? Und warum haben die Frauen sich das gefallen lassen?

Die Frauen durften etwa ein Jahr lang in allen Bereichen arbeiten, weil sie hier bereits vertreten waren, in der Holzbildhauerei zum Beispiel. Die Schule existierte ja bereits und wurde nur in Bauhaus umbenannt. Ab 1920 wurden die Frauen dann in die Weberei gedrängt. Ein Talent wie Anni Albers beispielsweise, wäre nicht am Bauhaus aufgenommen worden, wenn sie nicht in diese Werkstatt gegangen wäre. Frauen am Bauhaus wurden tendenziell auf das Kunsthandwerk beschränkt. So hatte sich Walter Gropius persönlich dagegen ausgesprochen, Frauen Architektur studieren zu lassen. Vermutlich hatte man damals nicht erwartet, dass Frauen später berufstätig sein könnten, denn die Rolle der bürgerlichen Frau war damals noch auf Haushalt und Mutterschaft festgelegt. Die relativ wenigen Werkplätze wollte man deshalb den Männern vorbehalten. Zudem befürchtete Gropius, dass zu viele Frauen dem Ruf des Bauhauses schaden könnten, denn ein hoher Anteil an weiblichen Studierenden hätte die Schule als Kunstgewerbeschule etikettiert. Die Feinde des Bauhauses – zum einen das traditionelle Handwerk, zum anderen die aufkeimende nationalsozialistische Bewegung – versuchten trotzdem, die Schule gezielt als kunstgewerblich und linkslastig zu diffamieren. Das aus der Einheit von Kunst und Technik einmal DESIGN werden könnte, wusste man damals noch nicht. Der englische Begriff des Designs wanderte erst nach dem Zweiten Weltkrieg in das westdeutsche Vokabular ein. Dass die Bauhäuslerinnen vor allem in der Weberei arbeiteten, erschien damals wie ein Rückschritt: Man hatte das Weben ja gerade erst mechanisiert und industrialisiert und dann kamen diese Frauen und machten wieder alles von Hand. Das war schwer als avantgardistisch zu vermitteln. Erst in Dessau gelang es, zwischen dem Weben und der Industrieproduktion eine Verbindung herzustellen. Die Weberei war ökonomisch übrigens immer sehr erfolgreich, obwohl sie in der Schule den niedrigsten Status hatte. Es war dem Bauhaus unangenehm, dass eine kunstgewerbliche Werkstätte so viel öffentlichen Zuspruch fand. Und man deutete das als ein Zeichen dafür, dass die Produkte der Werkstatt zu gefällig und geschmackskonform waren – und somit nicht avantgardistisch genug. Kunsthandwerk eben – diesen Verdacht gab es auch innerhalb des Bauhauses. Die Frauen selbst haben diese Zuschreibung in den knapp 14 Jahren die das Bauhaus bestand, nicht aufbrechen können. Die meisten waren eher bescheiden und froh, in der Weberei einen Bereich gefunden zu haben, in dem sie nicht mit den Männern konkurrieren mussten. Sie hatten hier ihren legitimen Platz. Und das war damals das Wichtigste. Wer weiß, wie sich der Status der Weberei entwickelt hätte, wenn die Bauhaus Geschichte nicht so kurz gewesen wäre.

 

Kann man sagen, wie viele Frauen am Bauhaus gearbeitet bzw. studiert haben?

Etwa ein Drittel der Bauhäusler waren weiblichen Geschlechts. Gerade am Anfang gab es sogar sehr viel mehr Frauen als Männer. Das Bauhaus fing mit einem Frauenüberschuss an, denn die Schule wurde ja nach Köpfen bezahlt, und viele Männer kamen erst langsam aus dem Krieg zurück. Um die nötigen Gelder für die Einrichtung der leeren Werkstätten zu bekommen, brauchte das Bauhaus also so viel Studierende wie möglich – egal ob Mann oder Frau. Später wurde dann versucht, die Anzahl der Frauen zu reduzieren, was auch gelang. Als Mies van der Rohe 1930 die Leitung der Schule übernahm, gab es nur noch wenige Frauen, die dort studierten.

 

Warum hat man den Frauenanteil so stark reduziert?

Das Bauhaus war ein Schulexperiment - eine Kombination aus Akademie und Kunstgewerbeschule. Das Kunstgewerbe war einer der wenigen Bereiche, die Frauen damals schon länger offen standen. Seit der Jahrhundertwende hatte es verstärkt den Ruf eine weibliche Tätigkeit zu sein. Damit hatte es einen geringen Status – eine Freizeitbeschäftigung für bürgerliche Frauen eben, die dilettierten. Das Bauhaus hat deshalb versucht, seine männliche Seite stärker zu entwickeln, das Design männlicher zu machen. Das hieß damals zum Beispiel auch, sich auf die harten, männlichen Materialien zu fokussieren wie Holz, Stein und Metall – und die weiblichen Materialien weitgehend zurückzudrängen: Papier (Buchbinderei), Textil (Weberei) oder auch Ton (Töpferei) – all das wurde regelrecht liegengelassen, als das Bauhaus 1925 nach Dessau zog. Da nahm man nur noch die Weberei mit, und von diesem Zeitpunkt an wurde es für Frauen noch viel schwerer, aus der Weberei in eine andere Werkstatt zu wechseln. Man hat sich übrigens auch nie darum bemüht, moderne Künstlerinnen ans Bauhaus zu holen: Hannah Höch zum Beispiel, Sophie Taeuber-Arp oder Sonia Delaunay. Die heute bekanntesten Künstlerinnen der damaligen Zeit waren gerade nicht am Bauhaus.

 

Wie muss man sich den Alltag einer Frau am Bauhaus vorstellen?

Das Bauhaus war sehr gesellig. Morgens ging man in die Werkstatt und arbeitete an seinen Projekten. Und Bauhäuslerinnen, wie die Weberin Gunta Stölzl zum Beispiel, halfen in Weimar auch in der Küche mit, um allen eine warme Mahlzeit zu ermöglichen. Es gab einfache Gerichte wie Kartoffelschalen mit Quark oder Knoblauchsuppe. Arbeit und Leben gehörten am Bauhaus zusammen. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass viele Bauhäusler untereinander geheiratet haben, ein Leben lang in Verbindung blieben und einander halfen. Wegen der ganzen Anfeindungen, die das Bauhaus damals erdulden musste, bildeten die Bauhäusler eine verschworene Gemeinschaft. Und teilweise wohnte man auch zusammen im Preller Haus. Privatheit gab es hier kaum, aber das Zusammenleben war eng und offenbar glücklich.

 

Welche Werke von Bauhaus-Frauen sind uns heute noch ein Begriff? Und gibt es eine bisher nur wenig beachtete Bauhaus-Künstlerin, die wir unbedingt wiederentdecken sollten, weil sie ein Werk geschaffen hat, von dem Sie sagen: Das ist wegweisend für die Moderne?

Meistens kennen wir heute das, was noch produziert wird: Marianne Brandts Produkte, Lampen und Geschirr, sind fast alle wegweisend geworden. Die Webereien von Gunta Stölzl, Benita Koch-Otte und Anni Albers ebenso. Auch einschlägig bekannt ist Alma Buscher mit ihrem Spielzeug und ihrer Kinderzimmer-Einrichtung. Lucia Moholy hat mit ihren Fotografien im Stil des Neuen Sehens das Bauhaus und seine Produkte berühmt gemacht. Die Weberin Otti Berger oder die Innenarchitektin Lilly Reich sind zwei Frauen, deren Werk mehr Beachtung verdient hätte. Wenig erforscht ist zudem Gertrud Grunow, die Harmonisierungslehre unterrichtete. Oder Margarete Loebenstein (geb. Heymann) - ein Ausnahmetalent. Sie wirkte am Bauhaus in Dornburg in der Töpferei und ging dann nach Marwitz, wo sie die Haël-Werkstätten aufbaute. Als Jüdin enteignet, musste sie emigrieren und Hedwig Bollhagen übernahm ihre Werkstatt. Heute kaufen wir viele der Entwürfe von Margarete Loebenstein, aber unter dem Namen Bollhagen-Keramik. Wir sollten uns deshalb an sie, die eigentliche Urheberin dieser Töpfereien, wieder stärker erinnern.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 29. Januar 2019