Moderator Dirk Steffens geht der Frage nach, warum Ungleichverteilung die Welt auszeichnet ©  Christian Godau

Dirk Steffens: "Wir denken schlau und handeln blöd"

Interview mit dem Moderator der "Terra X"-Reihe "Wem gehört die Welt?"

Herr Steffens, Sie haben ja die ganze Welt gesehen, kennen also die aktuelle Situation von Arm und Reich in der Welt. Was hat Sie bei der neuen Reihe am meisten überrascht?

Dass der Konflikt zwischen Arm und Reich im Grunde seit mehr als 10.000 Jahren, seit der Neolithischen Revolution, seit der Sesshaftwerdung, niemals gelöst werden konnte. Zwar stützte sich Reichtum mal auf Vieh, mal auf Land, mal auf Gold und heute eher auf Aktien. Aber durch alle Zeiten und alle Systeme hindurch ist die Ungerechtigkeit ein Wesensmerkmal menschlicher Gesellschaften. Aktuell ist die Zahl der absolut Armen zwar so gering wie noch nie in der neueren Geschichte, gleichzeitig hat die Ungleichheit aber zugenommen, weil die Reichen noch schneller reich werden als die Armen weniger arm. Man könnte fast befürchten, wir seien prinzipiell unfähig, Besitz halbwegs gleichmäßig zu verteilen. Vielleicht sind ja Gier und Neid die wahren Geißeln der Menschheit.

Sowohl individueller als nationaler Erfolg werden an Wohlstand, Bruttosozialprodukt und dergleichen gemessen. Ist das noch zeitgemäß?

Ich würde sagen: Nein. Das Bruttosozialprodukt misst ja lediglich den Wert von Waren und Dienstleistungen, also eine Geldmenge. Wenn ich morgens mein Auto volltanke und anschließend eine Stunde im Stau stehe, ist das Wirtschaftswachstum. Lege ich die gleiche Strecke in der gleichen Zeit entspannt zu Fuß zurück, zählt das nichts. Obwohl ich dadurch Abgase einspare, Lärm vermeide, Flächenverbrauch verhindere, niemanden gefährde und meine Gesundheit fördere, also objektiv eine Menge für die Volkswirtschaft leiste. Wir messen also das Falsche. Seit 1970 ist der individuelle Wohlstand in Deutschland ungefähr um das Fünffache gestiegen, wir sind aber dabei kein bisschen glücklicher geworden, sagt die Sozialforschung. Wieso also diese Fixierung auf einen Wert, der unser Leben nicht besser macht?

Haben andere Kulturen andere Bemessungsgrundlagen für Reichtum?

Bhutan beispielsweise versucht, das Bruttonationalglück zu messen und seine Entscheidungen daran auszurichten. Schöne Idee, aber in der Praxis gilt halt auch: Bis zu einer gewissen Grenze, in Deutschland ungefähr 60.000 Euro pro Jahr, macht Geld tatsächlich glücklicher, weil Armut eben auch mit vielen Sorgen einhergeht. Erst jenseits dieser Zahl bringt mehr Geld keine zusätzliche Zufriedenheit mehr. Es sieht also so aus, als müssten wir den goldenen Mittelweg finden: genug Besitz, um halbwegs sorgenfrei zu leben, aber dann auch aufhören mit dem Immer-mehr-Mantra, weil es dann eher unglücklich macht.

Steckt unser kapitalistisches System, das auf permanentes Wachstum baut, in einer Sackgasse?

Prinzipiell ist endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten kein logischer Ansatz. Und dass ein Rekordverdienst in diesem Jahr im nächsten unbedingt nochmal getoppt werden muss, macht auch keinen Sinn, wird aber von Anlegern und offenbar gar nicht so weisen Wirtschaftsweisen trotzdem gefordert. Ich würde aber dennoch nicht gleich eine Kapitalismus-Krise ausrufen, denn es ist ja gerade die Stärke einer freien Marktwirtschaft, sich an die Bedürfnisse der Menschen anpassen zu können. Wir sollten also vielleicht besser unsere Ziele verändern und nicht unser System. Also etwa umweltfreundlicher statt immer mehr produzieren, und nicht mehr diejenigen belohnen, die besonders rücksichtslos und gierig sind, sondern die, die sozial und verantwortungsbewusst handeln. Wir setzen im Moment vielleicht nur die falschen Anreize.

Unternehmensstrategien und wirtschaftliche Abläufe werden häufig mit Begriffen aus der Evolutionsbiologie belegt wie beispielsweise "Überleben der Stärksten" oder "Nischen besetzen". Sind wir als handelnde Menschen Opfer unseres evolutionären Erbes?

Unbedingt. Den biologischen Aspekt unserer Existenz zu verleugnen, wäre naiv. Wir können uns zwar CumEx-Betrügereien ausdenken oder über die falsche Neun im Fußball diskutieren, aber am Ende sind wir immer noch instinktgesteuert. Wir denken schlau und handeln blöd, könnte man sagen. Und es sieht auch nicht so aus, als würde sich daran demnächst etwas ändern.

Können wir im Hinblick auf ökonomische Zusammenhänge etwas von der Natur lernen?

Wir müssen sogar! In der Natur endet jede Lebensform, die ihre Ressourcen dauerhaft übernutzt, in der Katastrophe. Und die Natur ist unerbittlich: Wenn wir es nicht besser machen, werden wir enden wie die Saurier – mit dem Unterschied, dass die keine Schuld hatten an dem Asteroiden, der sie ausgelöscht hat.

Welche Rolle spielt Geld für Ihr persönliches Lebensglück?

Es verschafft mir Freiheiten. Armut macht unfrei, das ist unbestreitbar. Wer jeden Tag um seine schiere Existenz kämpfen muss, hat kaum Möglichkeiten, Talenten und Neigungen zu folgen, er oder sie kann sich als Mensch also nicht voll entfalten. Deshalb bin ich unendlich froh über den unverdienten Zufall, in ein wohlhabendes Land und eine freie Gesellschaft hineingeboren zu sein. Wäre ich arm, hätte ich niemals meinen Traumberuf ergreifen können. Andererseits hat ein übertriebenes Streben nach Wohlstand auch das Potenzial, ein Leben zu ruinieren. Die Balance ist wichtig.

Der Dalai Lama hat einmal gesagt: "Der Besitz sollte der Menschheit dienen, nicht anders herum". Wie würden Sie die Bedeutung von Geld, Reichtum oder Besitz für sich in einen Sinnspruch fassen?

Erst wenn Du nicht mehr willst, als Du brauchst, bist Du wirklich frei.

 

Die Fragen stellte Georg Graffe, Redaktion "Terra X".

 

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