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Ein atemberaubender Marathon: Ein Interview mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Interview mit Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Dieter Kosslick ist seit 2001 Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Energiegeladen, humorvoll und politisch ambitioniert hat er ihr zu einem immer wieder überraschenden Programm und rekordverdächtigen Besucherzahlen verholfen. Mit der Berlinale 2019 geht die Ära Kosslick zu Ende. Im Interview verrät der Mann mit dem roten Schal, wie er Weltstars nach Berlin geholt hat, welche Momente er nie vergisst und was er nach seiner Zeit als Berlinale-Chef vorhat.

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Interview

Herr Kosslick, mit der 69. Berlinale verabschieden Sie sich nach 18 Jahren von Ihrem Posten als Festivalleiter. Wie fühlen Sie sich?

Diese Berlinale ist der Abschluss einer großartigen Zeit. Ich habe gemischte Gefühle. Es ist auch ein Abschied. Aber ich bin glücklich und zufrieden, so wie es gelaufen ist.

 

Jedes Jahr bilden sich endlose Schlangen vor den Ticketschaltern. Was macht die Berlinale zum Publikumsmagneten?

Wir unterschätzen das Publikum nicht und zeigen anspruchsvolle Filme, die auch ein großes Publikum erreichen – und die Berlinale-Fans genießen das.

 

Typisch für die Berlinale ist, dass man statt in einem Hollywood-Blockbuster eher in einem mongolischen Sozialdrama landet.

Der Blick nach draußen ist die Stärke der Berlinale. Wir kuratieren ein vielfältiges Programm mit zwölf unterschiedlichen Reihen, und die Zuschauer verlassen sich darauf, dass sie Qualität zu sehen bekommen. Bei der letzten Berlinale haben sich fast 340.000 Leute eine Karte gekauft. Zusammen mit den Fachbesuchern ergibt das rund 500.000 Kinobesuche. Seit 2001 sind die Zahlen enorm angestiegen.

 

Dennoch wird immer wieder kritisiert, das Festival sei zu groß und zu unübersichtlich.

Das Interessante ist: Wir haben die Berlinale-Besucher befragt, und die finden weder, dass die Berlinale zu groß ist, noch, dass sie sich im Programm nicht zurechtfinden. Im Gegenteil, alle beklagen sich über zu wenig Kinokarten.

 

Die Berlinale wurde 1951, also mitten im Kalten Krieg, gegründet. Sie war schon immer politisch ambitioniert. Ist diese Tendenz stärker geworden?

Selbstverständlich. Wir machen mit unserem 400 Filme umfassenden Programm ja nicht L’art pour l’art, sondern stellen Filme vor, die die Wirklichkeit widerspiegeln und einen klaren Standpunkt haben. Sie sind politisch, weil sie etwas zeigen, das man sonst vielleicht nicht zu sehen bekommen würde. Das können auch fiktionale Geschichten sein. Die Realität und die Fantasie liefern die Grundlage für diese Geschichten.

 

Als Sie die Leitung im Mai 2001 übernommen haben, haben Sie auf die Frage, wie die Berlinale Ihrer Ansicht nach sein solle, geantwortet: "Ein bisschen wie der Potsdamer Platz, der Hamburger Hafen, der Viktualienmarkt in München, die Thomaskirche in Leipzig, die Maultaschen in Stuttgart und der Karneval in Köln." Hat das geklappt?

Genau so ist die Berlinale geworden! Wir sind nicht elitär, sondern zeigen die Unterschiede. Wir pflegen einen normalen Umgang mit den Stars und haben viel Spaß mit den Fans am roten Teppich.

 

Sie sind berühmt als der Mann mit dem roten Schal. Und ohne schwarzen Hut sieht man Sie ebenfalls selten.

Beides notwendige Accessoires! Es ist nun mal sehr kalt zur Berlinale-Zeit im Februar, und ich stehe fünfmal am Tag auf dem roten Teppich. Das sind ungefähr zweieinhalb Stunden im Freien. Ohne Kopfbedeckung hätte ich mir bestimmt so einige Erkältungen geholt, vor allem, seitdem mein Haar etwas schütterer wird.

 

Da haben Sie es besser als die Stars, die meistens leicht bekleidet über den roten Teppich laufen.

Die Stars möchten in ihren schönen Roben über den Teppich gehen. Was allerdings kaum jemand weiß: Es gibt ein paar Wärmestrahler am roten Teppich, dort, wo die Künstler für die Fotografen posieren. Da ist es also nicht ganz so schlimm. Trotzdem, wir sind nicht an der Côte d’Azur …

 

Ist Ihr Talent für Showeinlagen eigentlich angeboren oder mussten Sie üben?

Naja, man spielt den Direktor, und dazu gehört auch meine Neigung, gern und viel zu kommunizieren. Man ist in diesem Job ja auch ein Zampano. Nicht umsonst ist der Zirkusdirektor nach dem Bankdirektor die bekannteste Direktorenfigur. Ich habe die Direktorenfigur, so wie ich mich auf dem roten Teppich präsentiere, für mich dekonstruiert. Angeboren ist mir diese Rolle nicht. Für mich ist jede Berlinale-Eröffnung sehr anstrengend, weil sie das Ende eines atemberaubenden Marathons voller Absagen, Zusagen, Frustrationen und Erfolgserlebnisse ist. Dann beginnt die Party, und ich will als Gastgeber gute Laune haben. Das ist mir, glaube ich, gelungen. Der Titel für meine Autobiografie steht schon fest: "Auf dem Teppich bleiben". Das sagt alles.

 

Wie lockt man eigentlich Weltstars zur Berlinale?

Sie kommen, weil sie ihren aktuellen Film präsentieren. Das ist weniger spektakulär als man sich das vorstellt. Andererseits, und das ist das Geheimnis der Berlinale, fühlen sie sich hier wohl, deshalb kommen sie auch gerne wieder. So haben wir damals auch Meryl Streep gewonnen …

 

… sie bekam 2012 einen Ehrenbären und war 2016 Jury-Präsidentin.

Meryl sagte: Ich bin immer nur so kurz in der Stadt, ich würde gerne mal länger bleiben. Als Jury-Präsidentin verbrachte sie dann zehn Tage hier, das war wunderbar.

 

Rufen Sie einfach bei ihr an und sagen "Hi Meryl, it’s Dieter"?

So ähnlich muss man sich das vorstellen, wir kennen uns ja schon lange. Normalerweise läuft das aber über Agenten, ich bin nicht mit allen Stars privat befreundet, höchstens mit einer Handvoll. So ein Festival ist auch ein Geschäft. Wir bieten das Marketing, einen roten Teppich und eine Projektionsfläche für den Film, die Stars ihre Prominenz. Aber es stimmt schon, es ist besser, wenn ich persönlich frage, ob sie Zeit haben und kommen wollen. Das hilft.

 

Sie kennen die Berlinale seit 1983. Wie war die Stimmung damals?

Ich habe ja noch die Zeiten im Zoo Palast erlebt. Und im Bikinihaus, dort war die Etage mit den Marktständen, das war der Beginn des heute riesigen Filmmarktes, der inzwischen der zweitgrößte der Welt ist. Damals wurde überall geraucht, sogar im Kino, die Luft war zum Schneiden. Und es gab schlechtes Essen. Damals hat Berlin sowieso miserabel gegessen. Eine Currywurst war das höchste der Gefühle. Zum Glück war ich da noch kein Vegetarier, sonst wäre ich wahrscheinlich verhungert.

 

Im Jahr 2000 zog die Berlinale an den Potsdamer Platz. Was hat sich seitdem verändert?

Der Standort in der Mitte der Stadt musste sich erst einmal entwickeln. Seitdem ist die Berlinale als Festivalorganisation riesig geworden, sie ist das größte Publikumsfestival der Welt. Ich glaube, dass die vielen speziellen Reihen wie "Panorama", "Generationen" oder "Kulinarisches Kino" zu ihrem Erfolg beigetragen haben. Und die Tatsache, dass wir Initiativen wie „Berlinale Talents“ für den Nachwuchs gestartet oder den "World Cinema Fund" gegründet haben, mit dem wir internationale Koproduktionen fördern. Heute kommen übrigens zehn Prozent unserer Filme von Berlinale-Leuten, damit meine ich Künstler, die mal in irgendeiner Weise von uns gefördert wurden. Wir sind also auch teilweise Selbstversorger.

 

Sie sind – oder waren – Präsident, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter in einem. Wie schafft man das?

Man schafft es eben nicht mehr. Meine Nachfolger werden das auch als Doppelspitze anders handhaben. Die Dimensionen, die es zu managen gilt, sind einfach zu groß geworden, arbeitstechnisch bin ich an meine Grenzen gekommen. Das Festival kostet circa 26 Millionen Euro, und das Geld zu besorgen, ist nicht einfacher geworden. Während die künstlerischen Direktoren anderer Festivals ausschließlich um die Welt fahren und mit Filmemachern reden, sitze ich auch noch am Schreibtisch und kümmere mich um Kalkulationen und Sponsorenverträge.

 

Grob geschätzt, wie viele Filme schauen Sie pro Jahr?

Für die Programmauswahl schaue ich im Schnitt 250. Wir sehen nicht nur hier in Berlin bei den Auswahlsichtungen Filme, sondern auch auf unseren Reisen.

 

Wenn Sie auf die "Ära Kosslick" zurückschauen, worauf sind Sie besonders stolz?

Darauf, dass das Publikum der Berlinale die Treue gehalten hat und in Scharen hierherkommt. Und dass wir ein Team haben, das eigenverantwortlich arbeitet, so eine Firmenkultur ist selten im Kulturbetrieb. Wir sind eine perfekt synchronisierte Maschinerie, die nach außen hin aber so wirkt, als würden wir eine Party im Wohnzimmer steigen lassen. So hat es zumindest mal der bekannte Regisseur Paul Thomas Anderson formuliert. Es stimmt, wir wollten es nie nach Arbeit aussehen lassen.

 

Der Neubesetzung Ihres Postens war 2017 eine Debatte vorausgegangen, in der einige Filmschaffende Kritik an Ihrer Person geübt haben. Hat Sie das verletzt?

Politiker tun ja gerne so, als würde ihnen so etwas nichts ausmachen. Aber ich bin kein Politiker, mir hat es etwas ausgemacht. Mit negativen Dingen sollte man sich nicht endlos beschäftigen. Welcher Berlinale-Moment ist Ihnen als besonders aufregend in Erinnerung geblieben? Als die Rolling Stones und ihre Tournee-Dokumentation "Shine a Light" von Martin Scorsese die Berlinale 2008 eröffneten. Ein eher spezieller Moment war, als wir einen Eröffnungsfilm mit Nicole Kidman, Renée Zellweger und Jude Law präsentierten – "Unterwegs nach Cold Mountain" von Anthony Minghella. Plötzlich stand ich ganz alleine auf dem roten Teppich. Alle drei Stars hatten ein paar Stunden vorher abgesagt.

 

Was macht man in so einer Situation?

Man schaut ziemlich dumm in die Kameras. Das war eine echte Apokalypse, zum Glück ist uns so etwas nicht nochmal passiert. Ich erinnere mich lieber an bewegende Momente, etwa als Fatih Akin 2004 mit "Gegen die Wand" einen Goldenen Bären gewann. Intensiv in Erinnerung geblieben sind mir auch die freudigen Gesichter der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa und des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, die 2009 beziehungsweise 2011 mit Goldenen Bären ausgezeichnet wurden.

 

Streamingdienste wie Netflix haben gigantischen Erfolg. Hat das klassische Kino überhaupt eine Überlebenschance?

Als diese Programmanbieter aufkamen, ging das sicherlich zulasten des Fernsehens und Kinos. Inzwischen gibt es viele Überschneidungen, Alfonso Cuaróns Film "Roma" zum Beispiel läuft sowohl auf Netflix als auch im Kino. Interessant ist, dass auch die Streamingdienste ihre Produktionen auf dem roten Teppich präsentieren möchten. Veranstaltungen mit Eventcharakter, wie Filmfestivals, sind gefragter denn je. Was kann das Kino, was das Internet nicht kann? In einem großen Raum gemeinsam mit vielen anderen Menschen zu sitzen und auf einer riesigen Leinwand mit unglaublichem Sound eine Geschichte erzählt zu bekommen, dieses Erlebnis bietet nur das Kino. In anderen Sparten ist das ähnlich. Ich habe vor Kurzem zusammen mit meinem Sohn versucht, Karten für ein Rap-Konzert zu bekommen. Aber schon drei Monate vorher waren nahezu alle Tickets für die riesige Halle weg – obwohl sie zwischen 70 und 320 Euro kosteten. Das heißt, die Leute sind bereit, viel Geld für ein besonderes Event zu bezahlen.

 

Was werden Sie vermissen, wenn Sie am 31. Mai Ihren Hut nehmen?

Jeden Tag ins Büro zu gehen und dort gemeinsam mit meinem Team kreativ zu werden und Neues auszuhecken. Ganz und gar nicht vermissen werde ich allerdings die Bürokratie und das heillose Chaos am Flughafen. Die vielen Reisen, zum Beispiel nach Mexiko oder Los Angeles, klingen immer so toll, aber meistens war ich doch wieder nicht im Museum, sondern saß mit Verspätung auf irgendwelchen Airports herum.

 

Haben Sie Pläne für ein Leben ohne Berlinale?

Ich freue mich auf ein Paar Wanderschuhe, mit denen ich loslaufen kann, wann immer ich will. Ansonsten werde ich mir Zeit nehmen, im Garten zu arbeiten, zu kochen und meine Wasserfarben zu reaktivieren. Sollte ich Lust haben, könnte ich auch im Filmbereich neue Dinge tun. Am meisten freue ich mich jedoch darauf, mir Filme anzusehen, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob sie für den Wettbewerb taugen. Das ist echter Luxus.

 

Das Interview führte Jenny Hoch. Sie ist freie Journalistin und arbeitet u.a. für die SZ und Die Zeit.

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HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Jessica Zobel
zobel.jwhatever@3sat.de
Mainz, 24. Januar 2019
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