Regisseurin Elke Lehrenkrauss (c) Uli Gaulke

Elke Margarete Lehrenkrauss: "... ich wünsche mir, dass die Zuschauer*innen in diese Welt eintauchen können"

Interview mit der Filmemacherin zu "Ab 18! – Fehler und Irritation"

Was hat für Dich den Ausschlag für die Arbeit an diesem Film gegeben: der ungewöhnliche Charakter von Ferdinand und seinem Bruder Milan oder das Interesse, einen Film über den Prozess künstlerischer Arbeit zu machen?

Beides. Im Film geht es unter anderem darum, dass sich künstlerische Prozesse und Persönliches oft nicht klar voneinander trennen lassen. Und dies ist nicht immer schmerzfrei. Beeindruckend fand ich, dass Ferdinand mit 22 Jahren bereits kompromisslos weiß, was er im Leben will. Aus dieser Klarheit heraus ist Ferdinand - ebenso wie sein Bruder Milan - in allem, was er tut, authentisch. Dies gilt für ihre unkonventionellen Lebensentwürfe ebenso wie für ihre Werke. Diese beinhalten eine Gesellschaftskritik, welche die beiden privat auch leben. Deshalb ist „Fehler und Irritation“ auch ein Film, der zeigt, dass es möglich ist, sich einer Gesellschaft, die auf Ökonomie und Automatismus getrimmt scheint, zu entziehen.

 

Inwieweit haben die Kunstaktionen der „Popkornbrüder“ Dich zu „Inszenierungen“ innerhalb Deines dokumentarischen Konzepts angeregt?

In ihren Kunstaktionen inszenieren sich die beiden Brüder selbst. Anfänglich fand ich es schwer, mich an dieser Stelle voll auf ihre Welt einzulassen, zum Beispiel auf ihren fiktiven Raketenstart. Was soll das, es macht keinen Sinn, ist nur Spiel und nicht - real. Darin bestand für mich aber schlussendlich auch der Reiz: Etwas zu begleiten und filmisch aufzubereiten, was auf den ersten Blick keinen Sinn macht. Doch auf den zweiten umso mehr, denn es reflektiert die Weltanschauung und Lebenseinstellung meiner Protagonisten. Es ist ihre Realität. Und ihre Aktionen haben visuelle Kraft, sie kommunizieren etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Da ich es interessant finde, im Dokumentieren mit der Kamera auch nach filmischer Qualität in ästhetischer Hinsicht zu streben, war es auch eine willkommene Herausforderung, ihre Ebene als Künstlerduo mit meiner Erzählebene zu verbinden. Durch Arrangements kann ich besondere Räume und Situationen schaffen, in denen unsere Protagonisten frei aus ihrem Inneren erzählen und sie selbst sein können.

Dokumentarfilm
Interview

Gab es Vorüberlegungen mit Deinem Kameramann Christoph Rohrscheidt, wie ihr die Kunstwerke im Raum zur Geltung bringt?

Die Farbgebung unseres Films orientiert sich an den Farbtönen von Ferdinands Bildern. Die Überlegung der visuellen Präsentation seiner Bilder verknüpft sich mit einer dramaturgischen: Im Film wollte ich den Entstehungsprozess eines Bildes miterleben. Vom Aufziehen der Leinwand bis hin zur Ausstellungssituation, und dazwischen und drum herum passiert Ferdinands Leben. So wollte ich am Anfang sehen, wie seine Hände die Kreide verreiben, das Kratzen der Kohle auf Leinwand hören, und spüren, wie sich dabei Ferdinands Gedanken entwickeln. Dieser gesamte Prozess findet im Atelier statt. Am Ende des Films haben wir dann Zeit, seine Werke in einer Ausstellungssituation ganz in Ruhe zu betrachten, und Ferdinand sagt „in einer Ausstellung wirken die Bilder nochmal ganz anders, als im Atelier“. Ich erlebe als Zuschauer*in also einen Perspektivwechsel. Als Betrachter*in der Ausstellung habe ich vorher miterlebt, wie das Werk entsteht, und die Persönlichkeit dahinter kennengelernt.

 

Wie war das Verhältnis zu Ferdinand und Milan während der Dreharbeiten? Haben Sie die Präsenz der Kamera eher genossen und Dir vertraut oder wollten sie als angehende Künstler Einfluss auf das Bild nehmen, das Du von ihnen gibst?

Wir - Protagonisten & Filmteam - hatten bei der Arbeit echt viel Spaß. Es war eine schöne und erfrischende Zusammenarbeit. Anfangs wurde besprochen, was gezeigt werden soll und was nicht; was ich will und was sie wollen. Damit war die Richtung grundsätzlich klar. Am Set selber wurden dann einzelne Szenen oder Momente geklärt. Milan und Ferdinand wussten genau, was sie von sich preisgeben wollen und wo ihre Privatsphäre beginnt. Diese Klarheit war für mich auch gut, da ich immer wusste, dass sie mit dem Gedrehten einverstanden waren. Was das Filmische betrifft, so gab es ein großes Grundvertrauen der beiden, dass ich den „richtigen Ton“ schon treffen werde, da sie auch meine früheren Arbeiten kannten. Sie haben uns großen Freiraum gelassen. Vor der Veröffentlichung haben sie den Film gesehen - und dabei ziemlich viel gelacht.

 

Hat Dich Ferdinands spezieller Malstil auch formal interessiert und herausgefordert oder ging es Dir mehr um die Charakterzeichnung des jungen Talents?

Natürlich gefallen mir Ferdinands Werke, sie waren aber nicht der einzige Grund, einen Film über ihn zu machen. Mir ging es um die filmische Herausforderung, die verschiedenen Ebenen - Malerei, Performance, Lebenswelt, künstlerische Perspektiven und vor allem der besondere Charakter der beiden - zu einer Geschichte zu verweben, und sie formal zu verknüpfen. Denn die zwei Brüder gestalten nicht nur ihre Bilder, sondern auch ihr Leben mit viel Phantasie. Und ich wünsche mir, dass die Zuschauer*innen in diese Welt eintauchen können.

 

Das Interview führte Redakteur Udo Bremer.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 29. September 2021
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