Wladmimir Kaminer am Bodensee © ZDF/SRF

Heimat ist ein Gefühl - Ein Interview mit Wladmir Kaminer

Am Mittwoch, 21. August, ab 20.15 Uhr begibt sich der Schriftsteller in der Reihe "Kaminer Inside" auf die Suche nach dem Heimatgefühl in den 3sat-Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz

ab
Mi 21. Aug
20:15 Uhr

Herr Kaminer, was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Heimat scheint jetzt groß im Trend zu liegen. Das passiert immer, wenn Menschen etwas vermissen. Weil diese schöne neue Welt, die global und wunderbar ist, vielen gefallen hat, fliegen sie jetzt ganz wurzellos auf der Suche nach dem besseren Arbeitsplatz durch die Luft und dann lassen wir uns immer da fallen, wo es am besten ist. Und dann merken sie, irgendetwas ist nicht da und ist verloren gegangen. Heimat. War da nicht irgendwo eine Heimat? Wo ist sie? Und plötzlich vermissen alle diese Heimat und suchen sie überall. Ist sie unter dem Schrank? Nein. Unter dem Bett? Auch nicht. Wo ist die Heimat? Und daraufhin bekomme ich, als beruflicher Heimatloser ganz viele Aufträge, unter anderem auch von 3sat, und gehe auf die Suche nach einer Heimat, die nicht meine ist.

 

Was ist denn Ihre Heimat?

Meine Heimat ist die Sowjetunion. Das ist ein Imperium aus dem vorigen Jahrhundert, das sich quasi überall auf der Welt breit machte. Eine Zeit lang, glaube ich, sprach die halbe Erde russisch oder musste beziehungsweise russisch lernen. Und ich habe es leicht über meine Heimat zu reden, weil sie auf natürliche Weise untergegangen ist. Man kann jetzt nur spekulieren, wie sie wirklich war. Im Grunde genommen wird sie so in Erinnerung bleiben, wie sie geschrieben wird. Meine Heimat gehört im Grunde genommen heute der Literatur.


Konnten Sie auf Ihren Reisen diese drei Länder neu entdecken?

Es gibt besondere Merkmale, die das ein oder andere Land sofort erkennbar machen. In der Schweiz zum Beispiel waren es die Kühe. Überall wo wir waren standen Kühe oder liefen Kühe vorbei und es hatte immer irgendetwas mit Kühen zu tun. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viele Kühe gesehen. Alle wollten uns immer ihre Kühe zeigen. Diese Schweizer Kühe, die wirklich etwas ganz besonderes sind. Die mit ihren Riesenglocken durch die Gegend laufen und die ganze Schweiz als eine Art Mittagsessen betrachten.

 

Was ist Heimat eigentlich? Ein Geruch? Ein Geschmack? Ein Gefühl? Wie würden Sie es beschreiben?

Die Heimat ist ein Gefühl. Ja, ja. Was ist das für ein Gefühl? Also es schmerzt, das ist eine Art Scheinweh. Also etwas fehlt. Weil die Welt verändert sich so rabiat vor unseren Augen. Die Menschen fühlen sich auf Reisen, selbst wenn sie ihre Häuser gar nicht verlassen haben. Sie können ihre Straße nicht wiedererkennen, wenn sie aus dem Fenster schauen. Also irgendetwas fehlt. Aber was genau das ist, glaube ich, kann nur jeder für sich formulieren. Und so suchen sie nach dieser Heimat und ich kann da gute Filme drehen.

 

Der Heimatbegriff wird heute wieder mehr diskutiert. Politisch wird er teilweise sogar instrumentalisiert. Wie beobachten Sie das?

Heimat wird, glaube ich, von allen Seiten instrumentalisiert. Es werden zumindest Versuche unternommen, den Begriff Heimat zu nutzen, um Menschen für bestimmte politische Strömungen zu gewinnen. Aber eine Ideologie hat mit der wahren Heimat, glaube ich, nichts zu tun. Es wäre eine schöne Vorstellung für mich, wenn Menschen diesen kleinen Fleck, an dem sie wohnen, nicht als Untermieter sehen, sondern in gewisser Weise ein Stück Verantwortung dafür übernehmen und das pflegen, lieben, sauber halten. Ich glaube, das ist nicht zu viel verlangt.

 

Kann man Ihrer Meinung nach eigentlich auch eine zweite oder sogar dritte Heimat haben?

Ja, kann man, natürlich. Das geht super. Wir haben in dem deutschen Film die Deutschen erlebt, die ein Stück deutsche Heimat in London nachgebaut haben, und das ist jetzt der Biergarten Londons. Alle Engländer stehen Schlange, um dort ein Bierchen zu trinken. Dabei haben sich diese Menschen wirklich Mühe gegeben und haben alles aus Deutschland importiert. Sogar die Tischdecken haben sie aus Deutschland. Das trauen sie den Engländern in keiner Weise zu. Sie mögen England, aber sie haben ihre Heimat da wie einen bayrischen Biergarten aufgebaut. Schön.

 

Sind Klischees eigentlich wichtig, um den Begriff Heimat zu definieren?

Absolut. Meine Erfahrung mit Klischees ist, dass sie alle stimmen. Die Deutschen trinken alle Bier, die Österreicher sind übertrieben höflich, meinen es aber nicht so, und in der Schweiz laufen die Kühe herum. Stimmt. Was erzählen uns diese Klischees über das Land? Das ist eine andere Frage. Man darf natürlich kein Land auf Kühe und Bier reduzieren, das ist klar, aber man darf diese Klischees nicht außer Acht lassen. Ich bin einfach mutig in diese Klischees reingegangen. Ich habe die Kühe gestreichelt, ich habe mit den Deutschen in Bamberg bei diesem Volksfest aus diesen Zwei-Liter-Gläsern getrunken, die man eigentlich nur als Aquarium wahrnehmen kann. Wenn ich dieses Glas sehe, dann möchte ich reinspringen und nicht daraus trinken. Aber ich habe es gemacht.

 

Sie leben bereits seit fast 30 Jahren in Berlin. Würden Sie das auch als Ihre Heimat beschreiben?

Auf jeden Fall. Also der Prenzlauer Berg ist meine Heimat. Ich kann hier mit geschlossenen Augen mich gut orientieren. Normalerweise verliere ich mich sofort, ich verlaufe mich ständig. Aber hier kenne ich irgendwie jeden Stein. 

 

Ein Interview von all4radio. Hier finden Sie die Audio-Datei

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 05. Juli 2019