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Judith Keil und Antje Kruska: "Corona hat diese Rückkehr dann umso schockartiger vollzogen"

Interview mit den Filmemacherinnen zu "Ab 18! - Karls Freiheit"

Zunächst wolltet ihr einen Film über einen jungen Mann auf Reisen machen. Dann kam Corona und Karl Luis musste ins Elternhaus zurückkehren. Was hat euch am Zustand seiner Stagnation als Filmthema interessiert?

Auch als wir noch vorhatten, ihn während seiner Reise zu begleiten, war uns die Rückkehr nachhause als Erzählbewegung schon sehr wichtig. Wie würde er die existentiellen Erfahrungen, die er in diesem Reise-Ausnahmezustand gesammelt hat und die Eigenständigkeit und Weltgewandtheit, die er gefunden hat, in seiner deutschen Wirklichkeit umsetzen? Es gab ja bei allen - bei ihm sowie bei seinen Eltern - die Hoffnung, die Reise würde einen Knoten lösen, der in dem Jahr davor schon Sorgen bereitet hatte, dass Karl Louis nicht wusste, welche Schritte er nach dem Abi gehen sollte und einen Hang hatte, mit Computerspielen die Tage zu verdaddeln. Und gleichzeitig gab es die Angst, es könne alles wieder sein wie davor. Corona hat diese Rückkehr dann umso schockartiger vollzogen. Dass wir dadurch nicht mehr den Teil seiner Reise drehen konnten, haben wir zwar bedauert, aber die Fragen, wie er die Reiseerfahrungen hier würde umsetzen können und wie sein Weg weiter gehen würde, blieben die gleichen. Wir waren froh, dass wir durch seine Reisevideos diese andere Wirklichkeit und seine andere Energie mit in den Film nehmen konnten. So blieb diese Kluft zwischen dem abenteuerlichen Trampen auf den Straßen der Welt und dem Festsitzen im Kinderzimmer vor dem Computer Bestandteil des Films. Dass sein Feststecken ungelöst blieb, während der Druck von Seiten der Eltern weiter stieg, war die Ausgangslage unserer Erzählung. Diese "Gemengelage" hat uns berührt, weil wir selber viel Potential in Karl Louis sehen konnten. Dass die Stagnation während der ganzen Drehzeit anhalten sollte, war uns nicht klar. Doch es erscheint uns als ein verbreitetes Phänomen, vornehmlich bei jungen Männern, dass sich die Schritte in die Selbstständigkeit schwierig gestalten, bei all den Wegen, die einem offen stehen, den gleichzeitigen Zerstreuungsmöglichkeiten mit Suchtpotential und einem wohlständigen Elternhaus, das einem Geborgenheit und Verständnis vermittelt, und dadurch den „Sprung aus dem Nest“ nicht forciert.

 

Der Film erzählt von fast einem Jahr aus Karls Leben. Wie habt ihr die Dreharbeiten über einen so langen Zeitraum geplant?

Da Karl Louis in unserer Nachbarschaft wohnt, war es zum Glück auch zu Corona-Lockdown-Zeiten einfach, ihn regelmäßig zu treffen zu längeren Spaziergängen auf dem Tempelhofer Feld. Dabei konnten wir uns tiefer kennenlernen, Vertrauen fassen und von ihm erfahren, was gerade in ihm vorgeht und in seinem Leben passiert oder auch nicht passiert. Ausgehend von diesen Spaziergängen und Gesprächen haben wir Drehpläne entwickelt, auch mit ihm gemeinsam. So war es ihm selber auch sehr wichtig, dass seine besten Freunde zum Teil des Films werden. Die Hürde, mit seinen Eltern zu drehen, was uns als elementarer Bestandteil seiner Lebenswirklichkeit extrem wichtig war, war etwas höher. Auch da hat der Prozess des Vertrauenfassens geholfen und auch Gespräche mit seinen Eltern, die zum Glück trotz Kamerascheu bereit waren, für Karl mitzumachen.

Dokumentarfilm
Interview

Wann habt ihr Kenntnis von Karls selbstgedrehten Reiseaufnahmen bekommen und euch entschieden, sie im Film zu verwenden?

Dass es viele Reisefotos gibt, wussten wir von Anfang an. Denn noch als er auf Reisen war, hat uns seine Mutter mal eingeladen, um uns Bilder zu zeigen, die wir sehr inspirierend fanden - damals noch mit dem festen Plan, zu seiner Reise dazu zu stoßen. Als Karl Louis dann wieder hier gelandet war, dachten wir schon, dass die Bilder uns helfen könnten, im Film seine Reise wachzurufen. Als er uns dann die Festplatte mit seinen Reisebildern anvertraute, was für ihn viel bedeutete, weil er es als etwas sehr Persönliches empfunden hat, haben wir entdeckt, dass es auch diese kurzen Filmaufnahmen gibt. Diese Clips hatten gleich eine große Wirkung auf uns, weil sie einen anderen Karl Louis zum Leben erweckten. Schnell haben wir im Schneideraum damit gearbeitet und uns war klar, dass wir da einen Schatz bekommen haben, der den Film bereichern wird.gegangen ist, weshalb wir sie dann nicht in den Film montiert haben.

 

Wie hat sich Karl Luis als Protagonist euch gegenüber als Filmteam verhalten? Was hat ihm die Mitarbeit an dem Film bedeutet?

Die Zusammenarbeit mit Karl Louis ist sehr ähnlich verlaufen wie mit anderen Protagonisten aus anderen unserer Filme zuvor. Zunächst kann es für Dokumentarfilmprotagonisten sehr schön sein, wenn man Interesse und Begeisterung bei fremden Menschen hervorruft. Der Fokus eines gesamten Filmteams aufs eigene Leben und die eigene Wahrnehmung kann auch als Bestätigung und Wertschätzung empfunden werden. Wenn dieses Interesse aber längere Zeit andauert und beharrlich auch an nicht nur angenehmen Themen dranbleibt, kann es auch Phasen geben, in denen man den filmischen Prozess als anstrengend empfindet. Karl Louis ist dem Filmvorhaben aber ein ganzes Jahr lang treu geblieben und hat auch in schwächeren Momenten immer viel von sich für den Film gegeben. Besonders wichtig waren in diesem Fall auch unsere Filmteams, die jeweils sehr unterstützend, anteilnehmend und solidarisch mit Karl Louis und seiner Perspektive auf die Dinge waren.

 

Und wie hat seine Familie auf den Film reagiert, der ja von einem schwelenden Familienkonflikt erzählt?

Karl Louis` Mutter Heidi war es zwar, die unser dokumentarisches Interesse an ihrem Sohn von Anfang an verstanden und unterstützt hat, die aber zu Drehbeginn den Wunsch geäußert hat, selber lieber wenig bis gar nicht im Film auftauchen zu wollen. Nachdem wir Karl Louis` Lebensumstände und die Themen, an denen er sich abarbeitet, besser verstanden hatten, war aber schnell klar, dass es ohne elterliche Bereicherung des Films nur schwer gehen würde, ein filmisches Portrait umzusetzen. Das haben Heidi und Sebastian auch verstanden und Heidi ist dem Film und auch ihrem Sohn zuliebe mit in den Prozess eingestiegen. Davor können wir als selber Mütter nur den Hut ziehen und Danke sagen, denn ohne die elterliche Ebene hätten wir den Grundkonflikt von Karl Louis nicht so treffend erzählen können. Unsre Hoffnung wäre natürlich, dass die filmische Zusammenarbeit und auch das Ergebnis am Ende beitragen können, die eigene familiäre Situation ein bisschen klarer zu sehen und vielleicht auch über die ein oder andere Verstrickung gemeinsam lachen zu können. Bei Karl Louis und seinen besten Freunden, die auch im Film auftauchen, ist das schonmal gelungen: Sie mochten den Film. Karl Louis fand ihn sogar "voll gut". Mit Heidi und Sebastian werden wir uns den Film voraussichtlich im Fernsehen anschauen.

 

Das Interview führte Redakteur Udo Bremer.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 28. September 2021
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