Anna Bergmann © Thorsten Wulff

„Konflikte müssen sein!“

Interview mit Regisseurin und Schauspieldirektorin Anna Bergmann

Zwei starke Schauspielerinnen, ein Rollentausch, ein Ringen um Identität und Sinn: Anna Bergmanns Inszenierung von „Persona“ hat die Jury des 56. Theatertreffens in Berlin begeistert. Viel Wind hatte es allerdings schon Monate vorher um Bergmann gegeben: Als erste Schauspieldirektorin in Karlsruhe kündigte sie an, in ihrer ersten Spielzeit an ihrem Haus nur Frauen Regie führen zu lassen.

Das Stück „Persona“ ist eine Adaption des gleichnamigen Filmklassikers von Ingmar Bergman und eine Koproduktion des Deutschen Theaters in Berlin mit dem Stadsteater Malmö. In der schwedischen Variante spielt Corinna Harfouch die Rolle der Schauspielerin Elisabet Vogler, die plötzlich das Reden verweigert. Gepflegt wird sie von der jungen, redseligen Krankenschwester Alma, gespielt von der Schwedin Karin Lithman. In der deutschen Fassung sind die Rollen getauscht.

Theater
Interview

Frau Bergmann, Sie wollen beim Theatertreffen sowohl die schwedische als auch die deutsche Fassung von „Persona“ zeigen. Wie genau wird das vor sich gehen?

Am Ende der deutschen Fassung setzt sich Karin Lithman als verstummte Schauspielerin ins Publikum – diese Rolle legt sie also ab. Hier lassen wir den Rollentausch beginnen: Corinna Harfouch bleibt auf der Bühne zurück und wird von Schwester Alma zur stummen Elisabet. Karin kommt als neue Alma zurück.

Wie endet denn die schwedische Fassung?
Da ist Corinna Harfouch in der Rolle der Schauspielerin depressiv und lebensmüde. Die Krankenschwester erlöst sie von diesem Leben – Euthanasie als Akt der Liebe.

Und welchen Mehrwert hat es, beide Fassungen zu sehen?
Jede Variante funktioniert ja für sich genommen. Ich habe selbst erst in der Praxis gemerkt: Hintereinander gezeigt eröffnet sich eine weitere Dimension. Die Frage, wer bin ich als Frau, welche Rollen spiele ich, in welcher Realität leben wir – das wird klarer, wenn sich Karin ins Publikum setzt und man den Kreislauf des Rollenwechsels mit Corinna einfach weiterspielt!

Ingmar Bergmans Filme beschäftigen sich auch mit der Rolle der Frau. Warum also Ihre Theater-Kopie anschauen, wenn’s das Original im Kino gibt?
Bei „Persona“" haben wir uns andere Fragen gestellt als der Film. Den Rollentausch zum Beispiel vollzieht der Film nicht. Und auf der Bühne stehen bei uns zwei Frauen, die ein Altersunterschied von 20 Jahren trennt. Was bedeutet das? Bis wann ist man eine junge Frau, ab wann eine alte? Auch die Sinnfrage ist essenziell: Elisabet hält sich für eine schlechte Mutter, sucht ihren Platz im Leben.

Sie selber haben viele Rollen unter einen Hut zu bringen: Sie sind Mutter eines Dreijährigen, Schauspieldirektorin, Regisseurin. Wie geht das?
Mit permanenter Verzweiflung. Permanent das Gefühl, nicht genug Zeit mit meinem Sohn, nicht genug Zeit für das Theater zu haben. Ich bin noch auf der Suche nach der Balance – aber vielleicht gibt’s die gar nicht.

In „Persona“ sehen wir auf der Bühne ein Krankenhaus. Dann legt ein Regenschauer eine große silberne Muschel frei, in der sich die Frauen spiegeln. Wie kamen Sie auf dieses Bild?
Meine Vorgabe an den Bühnenbildner Jo Schramm war: Ich brauche einen klaustrophobischen Hospital-Raum, in den die Natur einbricht. Wasser war naheliegend, weil das Stück am Strand spielt. Irgendwann stand diese Muschel da, und ich fand sie gut! Ein bisschen kitschig vielleicht, aber gut! 

Wie kam eigentlich die Verbindung zum Stadsteater in Malmö zustande?
Ich habe mich schon für die Stoffe von Ingmar Bergman begeistert, seit ich 15 bin. 2013 bekam ich dann eine Einladung ans Stadsteater Malmö. Die damalige Intendantin wollte gern mit jungen deutschen Regisseurinnen arbeiten, und als ich ankam, geriet ich in eine Art Klassenfahrt des Ensembles. Ich war schockverliebt: was für ein Ensemblegeist! Meine neue Inszenierung „The Broken Circle“ ist auch eine schwedische Koproduktion, mit dem Theater in Uppsala. „Broken Circle“ beschäftigt sich mit der Frage nach Gott – die sich auch der Pfarrerssohn Bergman gestellt hat. Ein wichtiges Thema für mich.

Inwiefern? Woran hält man fest, wenn die Welt untergeht?
Ich werde mich am Theater bald mit heutigen, sozusagen „neuen Todsünden“ auseinandersetzen, weil es mir auf der Seele brennt zu untersuchen, welche Werte uns heute wichtig sind. Mich berührt das sehr – und ich habe das Gefühl, dass das auch für viele Zuschauer ein großes Thema ist.

Sind Sie ein religiöser Mensch?
Ich bin gläubig, ja, evangelisch. Aber welcher Institution man angehört, finde ich unwichtig. Ich war mal kurz davor, zum Judentum zu konvertieren, als ich einen jüdischen Mann heiraten wollte. Hauptsache, man hat einen Glauben.

Lassen Sie uns über Frauen am Theater sprechen. Woran liegt es, dass nur 30 Prozent aller Regiearbeiten von Frauen stammen?
Weil ihnen manchmal doch eine gewisse Form des Durchsetzungsvermögens fehlt. Dieser unbedingte Wille, zum Ziel zu kommen, ist bei Männern oft stärker ausgeprägt. Und Männer haben die besseren Netzwerke ausgebildet.

Es liegt also auch an den Frauen?
Naja, Diskussionsbereitschaft hat auch Vorteile. Aber schlussendlich ziehen Männer mehr ihr Ding durch. Regisseurinnen pflegen ein offenes, kollegiales Miteinander, das auf die Bedürfnisse der Spieler eingeht. Bei mir selbst ist das anders. Wenn ich Regie führe, sind mir die Bedürfnisse der Spieler manchmal total egal. Nicht grundsätzlich natürlich, nicht als Schauspieldirektorin – aber für das künstlerische Gesamtergebnis muss man bereit sein, über seine Komfortzone hinauszugehen.

Das hat Sie weitergebracht?
Ich glaube schon. Auch wenn ich das nicht immer gut an mir finde. Aber Konflikte müssen sein, grade am Theater! Man arbeitet doch erst auf Augenhöhe, wenn man seinen Ärger, seine Verzweiflung mitteilt und das auch beim anderen aushält. Erst dann kommt bei der Arbeit was Interessantes raus.

Sie haben bei Regie-Despoten wie Peter Zadek gelernt. Wie haben Sie das erlebt?
Er war unglaublich freundlich zu mir. Ich habe ihn jeden Morgen mit meinem kleinen Auto vom Hotel abgeholt, bin mit ihm zur Probe gefahren und hab ihn gelöchert. Ich wollte alles wissen. Letztlich hat er mit allem Recht behalten. Zum Beispiel: Die Schauspieler sind das Allerwichtigste. Du kannst tausend tolle Ideen haben als Regisseur – wenn die Leute dir nicht vertrauen, kannst du es vergessen.

Woher kommt Ihr Impuls, sich als Direktorin für Regisseurinnen einzusetzen?
Ich habe einfach an vielen von Männern geführten Häusern erlebt, dass dort zu wenige Frauen arbeiten. Schon gar nicht solche mit kleinem Kind. Dabei ist das doch möglich! Das macht mich wahnsinnig. Ich habe auch die eine oder andere Begegnung mit Männern am Theater gehabt, die nicht so schön war. Es ist noch gar nicht lange her, dass ich von einem Intendanten despektierlich behandelt worden bin. Ich habe es angesprochen, und er hat sich entschuldigt. Dann vergesse ich das wieder, weil mir die Arbeit wichtiger ist. Ich möchte mich nicht mit negativen Energien beschweren.

Sie suchen immer die direkte Konfrontation?
Immer. Wenn es Konflikte gibt, möchte ich sie direkt klären. Sonst wird man krank.

Ihre erste Spielzeit mit hundertprozentiger Frauenquote in der Regie ist fast um, das Medienecho war bislang positiv. Wie beurteilen Sie selbst das erste Jahr?
Ich freue mich sehr, dass die Zuschauer die Inszenierungen so gut aufnehmen. Wir schreiben gute Zahlen, ich bin positiv überrascht.

Der Gegenwind kam eher vor Spielzeitbeginn. Da wurde Ihnen Männer-Diskriminierung vorgeworfen.
Klar ist es Diskriminierung! Wie Frauen sie täglich erleben! Es ist ein Statement. Um etwas zu verändern, muss man eben erst mal extreme Dinge tun und ein Bewusstsein schaffen.

Ist Ihr Ensemble zu 50 Prozent mit Frauen besetzt?
Wir arbeiten dran. Ich wollte keinem Mann einfach kündigen. Aber die Stelle eines Kollegen, der in Ruhestand gegangen ist, haben wir weiblich neu besetzt. Es ist halt ein langer Prozess.

Warum spielen Sie dann so wenige Stücke von Frauen?
Umso weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto weniger Auswahl hat man. Nächste Spielzeit bin ich da besser aufgestellt. Aber wir machen nicht nur Feminismus auf der Bühne, wir spielen auch Shakespeare, Goethe, einen Abend übers Grundgesetz.

Ziehen Sie die Quote auch in der nächsten Spielzeit durch?
Da sind wir nicht mehr ganz so streng … Beim Musical setzen wir die frühere tolle Zusammenarbeit mit Ekat Cordes fort. Aber die Hauptstoffe bleiben in Frauenhand!


Das Interview führte Barbara Behrendt. Sie ist Kulturjournalistin in Berlin und arbeitet für „rbb“, „Deutschlandfunk“ und „taz“.