Wladimir Kaminer auf Tuchfühlung mit einer Herde Simmentaler Kühe: "Überall, wo wir in der Schweiz waren, standen Kühe oder es liefen Kühe vorbei, oder es hatte irgendwas mit Kühen zu tun. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Kühe gesehen." (c) ZDF und SRF

"Kulturzeit"-Interview mit Wladimir Kaminer

Philipp Rimmele hat für 3sat-"Kulturzeit" mit Wladimir Kaminer ein Interview zur Reihe "Kaminer Inside: Auf der Suche nach Heimat" (Mittwoch, 21. August, ab 20.15 Uhr) geführt. Lesen Sie hier einen Auszug. Der Beitrag wird am Mittwoch, 21. August, ab 19.20 Uhr in "Kulturzeit" zu sehen sein.

Kultur
Mi 21. Aug
19:20 Uhr
Interview

Philipp Rimmele: Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat Anfang der 1970er Jahre einen Fragebogen zum Thema "Heimat" ausgearbeitet. Ich würde gerne mit Fragen daraus beginnen. Die erste lautet: "Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen, befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?"

Wladimir Kaminer: Das ist eine schwierige Frage. Da kommt es auf die Landsleute an. Gerade haben so viele begabte Menschen Russland verlassen, fast alle Journalisten, weil sie in einer unfreien Presse nicht arbeiten wollen. Die sind alle im Ausland, in Tschechien, in Deutschland, in England. Ich treffe sehr oft auf russische Schriftstellerkollegen, die die russische Bestsellerliste zusammensetzen; sie sind alle im Ausland, nicht wenige hier in Deutschland. Insofern: Ich glaube, gerade ist die russische Migration sehr positiv repräsentiert. Es gibt natürlich auch komische Russen im Ausland. Meine Tochter kellnert hier in einem Biergarten. Gestern hat sie mir erzählt, dass dort ein Vater mit seinem Sohn dermaßen betrunken ankam, dass sie auf keine Sprache reagierten. Daher wurde sie geschickt, sie sollte sie auf Russisch ansprechen und fragen, was sie wollen: Sie wollten Hering mit Zwiebeln. Eigentlich mag ich meine Landsleute.

 

Die zweite Frage ist auch nicht ganz einfach: "Wieviel Heimat brauchen Sie?"

Heimat scheint jetzt groß im Trend zu liegen – und das passiert immer, wenn Menschen etwas vermissen. Diese schöne neue Welt, so global und wunderbar sie ist, gefällt vielen. Sie fliegen so ganz wurzellos nach dem besseren Arbeitsplatz durch die Luft und lassen sich immer dorthin fallen, wo es am besten ist. Und dann merken sie: Irgendwas ist nicht da, irgendwas ist verloren gegangen. Heimat. War da nicht eine Heimat, irgendwo? Wo ist sie? Und plötzlich vermissen alle diese Heimat und suchen sie überall. Ist sie unterm Schrank? Nein. Unterm Bett? Auch nicht. Wo ist die Heimat? Und daraufhin bekomme ich, als beruflicher Heimatloser, quasi ganz viele Aufträge, unter anderem auch von 3sat, und gehe auf die Suche nach einer Heimat, die nicht meine ist.

 

Wo wäre denn Ihre Heimat?

Meine Heimat ist die Sowjetunion. Das ist ein Imperium aus dem vorigen Jahrhundert, das sich quasi überall auf der Welt breit machte. Eine Zeit lang, glaube ich, sprach die halbe Welt russisch, oder musste russisch lernen. Ich habe es leicht, über meine Heimat zu reden, weil sie auf natürliche Weise untergegangen ist. Im Grunde genommen, wird sie so in Erinnerung bleiben, wie sie beschrieben wird. Meine Heimat gehört heute der Literatur. Und Menschen, die am interessantesten, am spannendsten über die Sowjetunion berichten, werden auch die Heimatbestimmer sein: So war’s und nicht anders.

Meine Heimat, die Sowjetunion, war aber nicht nur eine Diktatur, die jede Freiheit untergraben wollte, sondern auch ein Kulturphänomen, wo junge Menschen davon träumten, Kosmonauten zu werden statt Jura oder Finanzwesen zu studieren. Das war absolut nebensächlich. Das war ein Land der Träumer und der Zyniker gleichzeitig. Ich glaube, die Russen haben sich mehr Mühe im Weltall gegeben als auf Erden. Sie wussten: Auf Erden wird es eh nicht klappen. Besser Weltall.

 

Wenn wir jetzt schon in der Sowjetunion sind: Kann denn auch Ideologie eine Heimat sein?

Ich denke nicht, dass Ideologie eine Heimat sein kann. Bei uns in der Sowjetunion hat die Ideologie niemand wirklich ernst genommen. Weder die Ideologen, noch die Untertanen. Alle wussten, dass das nur BlaBla ist. Das hat natürlich eine gewisse Schizophrenie, eine Zwiespältigkeit ins Leben gebracht. Alle Menschen sagten das Eine und sagten das Andere und taten das Dritte. Das war Normalität.

 

Es gibt ja seit ein paar Jahren eine etwas aufgeheizte Diskussion zum Begriff "Heimat". Ist "Heimat" ein "rechter" Begriff? Ein „rechts-konservativer" Begriff? Ist es überhaupt ein politischer Begriff?

Ich glaube, Heimat wird von allen Seiten instrumentalisiert. Es werden Versuche unternommen, den Begriff zu benutzten, um Menschen für bestimmte politische Strömungen zu gewinnen. Aber es hat mit der wahren Heimat nichts zu tun.

 

Wie sieht denn nun die Heimat in der Schweiz, Österreich und Deutschland aus?

Die Situation in jedem Land ist eine völlig andere und es gibt so besondere Merkmale, die das eine oder andere Land sofort erkennbar machen. In der Schweiz z. B. waren es die Kühe. Überall, wo wir waren, standen Kühe oder es liefen Kühe vorbei, oder es hatte irgendwas mit Kühen zu tun. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Kühe gesehen. Wir kommen zu einem Wettkampf und fragen die dreifache Schwingerkönigin, wie sie sich von dem ganzen Stress befreit, und sie sagt: "Ach, ich zeige Ihnen, wie" – und führt uns zu ihren Kühen, die sie als Preis gewonnen hat. Man gewinnt immer eine Kuh in der Schweiz, wenn man kämpft. Wir gehen zu einem Käsemacher, der stellt sich als Veterinär vor – und er will uns immer seine Kühe zeigen.
Das österreichische Pendant zu den Schweizer Kühen sind Chinesen. Österreich ist voll von Chinesen. Die Chinesen haben Hallstadt nachgebaut, und seitdem kommen sie in die kleine Stadt, um zu gucken, welches Hallstadt besser ist. Im Rosengarten in Wien wollten wir eine kurze Filmsequenz drehen. Aber an jeder Rose standen fünf Chinesen. Ich hatte dort sogar die Theorie entwickelt, dass statt Bienen jetzt Chinesen die Rosen bestäuben: Sie atmeten tief ein, gingen zur nächsten Rose und niesten. Ich glaube, es wird nächstes Jahr in Österreich ganz viele neue Kreuzungen geben.
Und Deutschland … Du siehst in Deutschland ständig Menschen, die auf‘s Land oder auf‘s Wasser schauen und etwas vermissen. An der Saale haben wir an einem künstlichen See gedreht. Das war früher eine große Braunkohle-Zeche, die noch in der DDR-Zeit geflutet wurde. Dafür mussten 16 Dörfer weichen. Und da sitzen heute schon um ein Uhr mittags Rentner, trinken Wein, der "Schwarzes Gold" heißt, schauen auf‘s Wasser und streiten miteinander: Wo war die Garage von Heinrich? Hinter der Schule oder links von der Straße? Da, in diesem See, ist ihre ganze Heimat, untergegangen in der DDR. Aber das ist nicht nur dort so: Ganz Deutschland ist voll von suchenden Menschen, die was verloren haben, aber wissen nicht, was.

 

Wenn wir nach Heimat suchen: Ist das etwas, was man schmecken kann, was man riechen kann, ist es ein Ort, ein Gefühl? Wie würden Sie das beschreiben?

Heimat ist ein Gefühl. Ich glaube, es schmerzt, es ist eine Art "Schein-Weh". Etwas fehlt, denn die Welt verändert sich so rabiat vor unseren Augen. Die Menschen fühlen sich auf Reisen. Selbst wenn sie ihre Häuser nicht verlassen, können sie ihre Straße nicht wiedererkennen, wenn sie aus dem Fenster schauen. Was aber genau fehlt, das kann nur jeder selbst für sich formulieren. Und so suchen die Menschen nach ihrer Heimat – und ich kann gute Filme drehen.

 

Kann man sich denn eine Heimat auch willentlich aussuchen? Man spricht ja auch gerne von der "zweiten Heimat" …

Ja, ja, kann man, natürlich. Wir haben Deutsche erlebt, die ein Stück deutsche Heimat in London nachgebaut haben. Das ist jetzt DER Biergarten in London. Alle Engländer stehen Schlange, um dort ein Bierchen zu trinken. Die Besitzer haben alles aus Deutschland importiert, sogar die Tischdecken. Sie mögen England, aber sie haben ihre Heimat in einem bayerischen Biergarten in London aufgebaut.

 

Wie ist das denn in einem Land, beispielsweise der Schweiz, wo nicht eine Sprache alle zusammenhält, wo es große Minderheitengruppen gibt. Wie funktioniert der Heimatbegriff da?

Die Schweizer sind in dieser Sache ganz geschickt: Sie nehmen die kleinste unbedeutendste Gruppe - und halten sie ganz hoch. Das gibt ein Superbild für alle und es tut niemandem weh. Das macht die Menschen stolz auf ihr Land: "Schau, jeder Einzelne bei uns hat eine solche Bedeutung." Das ist eine ganz kluge Strategie. Überhaupt könnten die Schweizer ein gutes Vorbild für die EU sein: Wie man in einer zusammengeflickten Gesellschaft gut über die Runden kommt. Da kann die EU wirklich was von der Schweiz lernen.

 

Wie wichtig sind Klischees für den Heimatbegriff: Sind das nicht alles überholte Vorstellungen?

Also meine Erfahrung mit Klischees ist: Sie stimmen alle! Sogar in London. Wir kamen nach London, und dort regnete es. Also: Es muss in London immer regnen, die Deutschen trinken immer Bier, die Österreicher sind übertrieben höflich, meinen es aber nicht so, und in der Schweiz laufen überall Kühe herum. Was diese Klischees über das Land erzählen, ist eine andere Frage. Man darf natürlich kein Land auf Kühe und Bier reduzieren, das ist klar. Aber man darf diese Klischees nicht außer Acht lassen. Ich bin einfach mutig in diese Klischees reingegangen: Ich habe die Kühe gestreichelt und ich habe in Bamberg bei einem Volksfest aus Zwei-Liter-Gläsern getrunken, die man eigentlich nur als Aquarium nehmen kann. Ich glaube, diese Klischees sind auch wichtig für das Selbstbewusstsein der Menschen.

 

Wenn wie im Schweizer Film eine Kenianerin zumindest nach zwei, drei Bier mit den Schweizern jodeln durfte: Sollten wir uns alle mit der Vorstellung vertraut machen, dass Heimat kein exklusives Geburtsrecht ist?

Ja, das sollten wir. 25 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben keinen Schweizer Pass, empfinden aber alle die Schweiz als ihre Heimat. Wir haben dort viele Straßeninterviews gemacht, die im Film nicht zu sehen sind. Manchmal dachte ich, die Leute verstehen mich nicht richtig. Ich fragte einen aus Somalia, der in Zürich sauber macht: "Was ist Heimat?" Er sagte: "Schweiz." "Aber Sie sind doch in Somalia geboren." "Ja, ja, aber das war ein Fehler. Meine Heimat ist die Schweiz, hier sind meine Träume in Erfüllung gegangen." So verstehen sie das. Ein Albaner sagte: "Die Schweiz ist meine Heimat. Hier sind meine Freunde, meine Familie." All diese Menschen, die nicht in der Schweiz zur Welt gekommen waren, hielten die Schweiz für ihre Heimat. Auch komisch für mich. Es kann ja nicht allen gleich gefallen, aber irgendwie hat dieses Land das Zeug dazu, die Träume und Vorstellungen eines jeden wahr werden zu lassen.

 

Wie funktioniert das in Berlin Prenzlauer Berg?

Da funktioniert das auch.

 

Würden Sie das als "zweite Heimat" bezeichnen?

Auf jeden Fall. Prenzlauer Berg ist meine Heimat. Ich kann mich hier mit geschlossenen Augen gut orientieren. Normalerweise verliere ich mich sofort, ich verlaufe mich ständig. Aber hier kenne ich jeden Stein.

 

Dann würde ich jetzt mit einer Max-Frisch-Frage aufhören: Wenn Sie eine zweite Heimat haben, könnten Sie sich auch eine dritte oder vierte vorstellen? Oder bleibt es dann bei der ersten?

Ich kann mir durchaus eine dritte oder vierte Heimat vorstellen, weil die Welt so viele schöne Ecken hat, die ich noch nicht kenne. Vielleicht schickt mich 3sat ja noch auf irgendeine Filmreise und ich lerne meine wahre Heimat kennen.

 

Vielen lieben Dank für das Gespräch! 

 

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 15. Juli 2019
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