Manuel Fenn © Sophia Fenn

Manuel Fenn: "Wir wollten uns abgrenzen von der Bilderflut überfüllter Krankenhäuser ..."

Interview mit dem Filmemacher zu "Die Welt jenseits der Stille"

Der Beginn des Projekts war denkbar kurzfristig: unmittelbar mit Beginn des ersten Lock Downs im März 2020. Was war der Auslöser, dennoch in dieser bisher ungekannten Situation das Wagnis eines langen Filmprojekts einzugehen?

Der erste Lockdown in Deutschland war für die Produzenten von Sundayfilm und mich eine vollkommen neue, beängstigende und zugleich faszinierende Situation. Eine Pandemie, die nach und nach die ganze Welt erfasst und alle Menschen vor dieselben Probleme stellt. Keiner von uns konnte ahnen, wie lange uns dieses Virus in seinen Bann ziehen wird, deshalb hatten wir das Gefühl, schnellstmöglich mit den Dreharbeiten beginnen zu müssen. Wir wollten ein globales Phänomen global abbilden und uns dabei nicht auf Zahlen oder Fakten, sondern auf die Menschen, die dahinter stehen, konzentrieren. Selbst wenn uns mittlerweile die vierte oder gar fünfte Welle der Pandemie erfasst hat und die Menschen sich an mehr oder minder strenge Maßnahmen zur Eindämmung des Virus fast gewöhnt haben, wird der erste Lockdown im Gedächtnis bleiben.

 

Nach welchen Kriterien hast Du und das Produktionsteam die RegisseurInnen ausgewählt, die ihr weltweit angefragt habt?

Da wir aufgrund der Reisebeschränkungen selbst nicht in den unterschiedlichen Ländern drehen konnten, mussten wir Kollegen vor Ort finden, die bereit waren, für diesen Film einen Beitrag zu leisten. Da wir zunächst nur ein kleines Budget anbieten konnten und zudem die Vorgabe war, dass uns die RegisseurInnen für den Schnitt das gesamte Rohmaterial zur Verfügung stellen, war uns klar, dass zwischen uns und den weltweiten RegisseurInnen von Anfang an ein großes Vertrauensverhältnis existieren muss. Aus diesen Gründen haben wir - zusammen mit den Regiekollegen Michele Cinque und Andreas Pichler - RegisseurInnen angefragt, mit denen wir befreundet sind oder die uns von diesen empfohlen wurden. Bei der endgültigen Auswahl spielten aber auch andere Kriterien eine Rolle, wie die Verteilung der Drehorte auf der ganzen Welt, ein Querschnitt durch die Generationen und Gesellschaftsschichten der Protagonisten und nicht zuletzt die Geschichten, die uns die RegisseurInnen für den Film angeboten haben.

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Gab es Vorgaben für die Dreharbeiten der weltweiten Teams, damit die Materialien überhaupt verknüpft werden konnten, und wurde aus diesen Gründen auch auf Episoden verzichtet?

Neben den technischen Vorgaben und dem Wunsch, möglichst professionell gefilmtes Material von den Drehteams zu erhalten, waren die inhaltlichen Vorgaben vor allem an die Protagonisten geknüpft. Wir wollten jedem einzelnen Protagonisten möglichst nah kommen, ihn oder sie ein halbes bis ein dreiviertel Jahr lang eng mit der Kamera begleiten und mit ihnen diese Krisensituation möglichst authentisch durchleben. Sie sollten sich von Anfang an öffnen und uns an ihren Sorgen und Ängsten teilhaben lassen. Sie sollten sich nur zu ihren eigenen persönlichen Erfahrungen mit der Pandemie äußern, nicht andere mit einer politischen Meinung o.ä. bewerten. Nach dem Ende der Drehzeit haben wir bei zwei Episoden gemerkt, dass das nicht in Erfüllung gegangen ist, weshalb wir sie dann nicht in den Film montiert haben.

 

Wie lief der Montageprozess ab? Mit wie vielen Stunden Material hast Du und Deine Cutterin (und Frau) Antonia Fenn gearbeitet?

Wir haben uns den insgesamten 160 Stunden Rohmaterial Episode für Episode angenähert. D.h. wir haben zunächst von jeder Geschichten einen Vorschnitt erstellt, sozusagen die Essenz aus dem jeweiligen Material. Da wir wussten, dass wir die Geschichten im Film parallel bzw. miteinander verschachtelt und nicht hintereinander erzählen wollen, haben wir diese Vorschnitte bereits in zwei oder drei Teile unterteilt, die die Dramaturgie oder auch die Zeitsprünge innerhalb der Episode berücksichtigt haben. Erst als alle - von ursprünglich 14 Episoden - Vorschnitte erstellt waren, haben wir begonnen, sie miteinander zu verweben. Dieser Prozess war äußerst kompliziert, da wir circa 40 Puzzleteile so arrangieren mussten, dass sie ein dramaturgisch schlüssiges, einzelnes Filmwerk ergeben.

 

Gab es Aspekte der Corona-Pandemie, die ihr unbedingt hervorheben wolltet, und solche, die ihr bewusst ausgeblendet habt?

Im Unterschied zu anderen Filmproduktionen zur Corona - Pandemie wollten wir uns auf die Schicksale von Menschen konzentrieren, die in den Medien zumindest zu Beginn der Pandemie nicht berücksichtigt wurden, weil deren Geschichten vermeintlich nicht spektakulär genug sind. Doch die Einblicke in das Leben einer Schuhputzerin und ihrer Tochter in Kenia, einem bolivianischen Ehepaar, das sich trennen will, oder einem Pizzalieferanten in New York mit Migrationshintergrund sind universell, wodurch die Protagonisten des Films starke Identifikationsfiguren für die meisten Zuschauer sind - mit vergleichbaren Nöten und Ängsten, aber auch Erkenntnissen und Hoffnungen, die mit den gemeinsamen Erfahrungen der Pandemie einher gehen. Um diese nachdenkliche - manchmal auch poetische - Ebene unseres Filmes nicht zu unterlaufen, haben wir uns bewusst dagegen entschieden, den Film mit Zahlen und Fakten oder Expertenmeinungen zum Verlauf der Pandemie in den jeweiligen Ländern zu überfrachten. Wir wollten uns abgrenzen von der Bilderflut überfüllter Krankenhäuser oder von Querdenker-Demonstrationen, die tagtäglich die Medien bestimmte, und stattdessen einen persönlichen, weniger journalistischen Zugang zum Thema finden.

 

Das Interview führte Redakteur Udo Bremer.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 06. September 2021
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