Filmemacher und Produzent Aljoscha Pause (c) Robert Schramm

"Popmusik war für mich schon immer ein großes Herzensthema": Aljoscha Pause über "Wie ein Fremder"

Regiestatement zur Dok-Serie, die 3sat ab am Samstag, 17. April, ab 20.15 Uhr, ausstrahlt

Als ich im Sommer 2013 mit "Trainer!" einen weiteren langfristig angelegten Fußball-Dokumentarfilm fertig gestellt hatte, überkam mich das deutliche Gefühl, im Fußball erstmal alles erzählt zu haben. Also aus meiner Sicht. Dieser Zeitpunkt war ohnehin eine Zäsur in meinem Leben. Ich fing an, mehr nach innen zu schauen und mir viele Lebensfragen neu zu stellen. Und ich wollte als Filmemacher etwas anderes machen, eine Geschichte aus einem Bereich erzählen, den ich bislang noch nicht bearbeitet und dementsprechend intensiv durchdrungen hatte. Ich wollte mir ein neues Feld mit seiner ganzen Magie und all seinen offenen Fragen erschließen. Und Popmusik war für mich - privat - schon immer ein großes Herzensthema gewesen. Vielleicht sogar noch größer als der Fußball.

 

Als mir dann in dieser Phase Roland Meyer de Voltaire erzählte, er sei pleite, würde demnächst seine Wohnung aufgeben und - ohne festen Wohnsitz - in Berlin einen Neuanfang versuchen, hat es bei mir Klick gemacht. Ich hatte bereits mehrfach mit ihm zusammen gearbeitet, schätzte ihn sehr als außergewöhnlichen Musiker und Mensch, kannte seine Voltaire-Vergangenheit und eben insbesondere auch die großartigen neuen Songs, die er damals schon mit sich herumtrug. In dieser Grund-Konstellation lag für mich eine unglaubliche Spannung und irgendwie auch ein Paradoxon: da sitzt jemand auf einem Schatz, ist aber wirtschaftlich - und eigentlich auch mit seinem ganzen Lebensentwurf - am Ende. Und er war bereit, alles auf eine Karte zu setzen. Ein total kompromissloser Ansatz. Das hat mich sofort gepackt.

Interview

In den ersten Januartagen 2014 habe ich Roland dann bei einem Treffen in Bonn mit meiner Idee konfrontiert. Zunächst war er ziemlich überrascht, erbat sich Bedenkzeit, sagte dann aber wenige Tage später zu. Der Plan war eine Langzeit-Dokumentation "über ein paar Jahre", Ende offen. Ich war der festen Überzeugung, dass es sehr lohnenswert sein könnte, diesen Weg in eine ungewisse Zukunft filmisch zu begleiten, dabei auf die so viel versprechende aber letztlich erfolglose Zeit mit seiner Band Voltaire zurückzublicken und im Zuge dessen Wesentliches über das Musik-Geschäft und über das Leben zu erfahren. Ich schätze diese Möglichkeit sehr, bei all meinen Projekten: die kleinen Geschichten zu erzählen, um die großen Zusammenhänge besser verstehen zu können.

 

Am Anfang wusste ich wenig über die tatsächlichen Mechanismen des Musik-Business. Wegen meiner privaten Leidenschaft habe ich die Musik und das ganze Drumherum eher romantisiert. Was dann folgte, war eine extrem intensive Reise über insgesamt 6 Jahre: Rolands erstaunliche Entwicklung als Musiker und Mensch - und darüber hinaus ein wirkliches "Learning by telling" und ein Reality-Check mit vielen Aha-Effekten. Natürlich beinhaltet ein solcher Trip auch schmerzliche Momente und schwierige Phasen. Für den "Hauptdarsteller" und sein Leben - aber auch für die Produktion einer Dokumentarfilm-Serie. Das liegt bei einem derartigen Projekt in der Natur der Sache. Sich auf so ein Abenteuer einzulassen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt, ist sowohl für den Protagonisten als auch für den Filmemacher ein durchaus grenzwertiges Unterfangen – und manchmal auch ein völliger Wahnsinns-Ritt.

 

So ein Experiment, ein solches Risiko, geht kein Sender und kein Förderer mit, so dass man – auch in der Finanzierung - ganz auf sich allein gestellt ist. Es ist ein Independent-Projekt, im eigentlichen Sinne des Wortes. Aber genau das bietet eben auch spektakuläre Freiheiten und die Chance zu echter Intimität. Das finde ich nach wie vor faszinierend. Ich spiele gerne mit Grenzen. Mit inhaltlichen Grenzen, Konformitäts-Grenzen und auch mit Formats-Grenzen. In diesem Geist ist "Wie ein Fremder" entstanden. Es ist die Doku-Serie geworden, die ich selber gerne sehen würde.

 

Mit der Wieder- bzw. Neuentdeckung der "Serie" kann man heute auch eine vermeintlich "kleine" Geschichte groß und episch erzählen. Nicht zuletzt, um bei so einer Langzeitstudie auch der erzählten Zeit Rechnung zu tragen und den Prozess so wirklich erlebbar zu machen. Die Möglichkeit, in seriellen Erzählformen ganz in ein Thema einzutauchen, so einen Weg komplett mitzugehen, ihn nachzuvollziehen und sich - zusammen mit dem Protagonisten - mit Haut und Haar reinzustürzen in dieses Abenteuer, das finde ich aufregend. Was mich in diesen Jahren am meisten bewegt hat, war die schmerzliche und ernüchternde Erkenntnis, wie schwierig es tatsächlich ist, von der Musik zu leben. Auch für durchaus namhafte Bands. Und am Schwersten trifft es naturgemäß die, die sich von der Industrie nicht in ein reines Unterhaltungs- oder Konsum-Konstrukt pressen lassen. Natürlich ist eine prekäre Künstlerexistenz in dem Sinne nichts Neues. Das geflügelte Wort vom "armen Künstler" war nie ein Klischee, sondern immer Realität. Und dass das Phänomen Spotify diese Gemengelage nicht verbessert hat, ist ja auch kein Geheimnis. Dass es aber fast unmöglich ist, allein mit der Popmusik, mit der von vielen ja immer noch etwas Glamouröses, ja fast Mystisches assoziiert wird, sein Leben zu bestreiten, dafür fehlt doch den Allermeisten das Bewusstsein. Und so ging es mir auch.

 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses sensible Thema mit Roland, seinen Kollegen, zahlreichen Musikjournalisten und anderen Branchenprofis so rückhaltlos besprechen und auch zeigen konnte. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft in letzter Konsequenz begreifen, dass Kunst einen Wert hat. Dass Popmusik einen Wert hat, den wir ihr aber nicht wirklich beimessen - obwohl wir sie doch für das tägliche Leben so dringend brauchen. Immerhin hat die Corona-Krise, so sehr sie den Künstlern ja finanziell zugesetzt hat, eine zarte Diskussion darüber in Gang gebracht.

 

"Wie ein Fremder" erzählt also vom Leben und Überleben in der Popmusik, von einem sehr mutigen und kompromisslosen Lebensentwurf und von Träumen und Ängsten, die wir vielleicht alle haben. Vor allem aber hat diese Serie einen wunderbaren Soundtrack. Und am Ende geht es doch um die Musik und um das was Musik im allerbesten Falle sein kann … Deshalb wollte ich dieses Projekt unbedingt machen, auch, wenn ich beim Start 2014 nicht wusste, wohin es uns am Ende führen würde.

 

Aljoscha Pause, Jahrgang 1972, begann seine Laufbahn 1996 beim Fernsehen, ehe er sich ganz dem Dokumentarfilm widmete. Sei t vielen Jahren arbeitet er als freier Filmemacher , Regisseur und Produzent . Für seine Trilogie über Homosexualität im Fußball erhielt er 2010 den Adolf-Grimme- Preis. Nach "Tom meets Zizou", einer Langzeitstudie über den Fußballer Thomas Broich und einem Porträt Deutscher Profi-Fußballt rainer ("TRAINER") veröffentlichte er 2018 mit "Being Mario Götze" eine weitere Dokumentation im Fußball-Kosmos. 2019 erschien seine Doku-Serie "Inside Borussia Dortmund".

 

Fotos zur Dokumentar-Serie "Wie ein Fremder" finden Sie hier.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 02. Dezember 2020
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