Die beiden "Kulturzeit"-Redakteure Stefan Gagstetter und Lotar Schüler unterwegs auf den Spuren der norwegischen Literatur (c) Lotar Schüler

Unterwegs im Land der Fjorde, Nordlichter und Wikinger

Ein Artikel von „Kulturzeit“-Redakteur Lotar Schüler

Norwegen ist 2019 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Lotar Schüler und Stefan Gagstetter machen sich für „Kulturzeit“ auf in das skandinavische Land und begeben sich auf literarische Spurensuche. Die dabei entstandene Dokumentation „Norwegen lesen!“, ist am Samstag, 12. Oktober, 19.20 Uhr in Erstausstrahlung in 3sat zu sehen. Hier gibt Lotar Schüler Einblicke in die Reise.

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Are Kalvø hat uns gewarnt: „Wenn es um Natur geht, verstehen wir Norweger keinen Spaß“. Kalvø ist Komiker – und er ist Norweger. Als Mitteleuropäer mag man ja glauben, das eine schließe das andere aus. Norwegen besteht schließlich bekanntermaßen vor allem aus Fjorden, Bergen, Nordlichtern und, naja, Wikingern – kurz: Norwegen ist das Land der harten Männer. Und nun: Are Kalvø, Komiker und Schriftsteller aus Norwegen, der sich in seinem ersten Buch „Frei. Luft. Hölle.“ über die Naturbegeisterung seines Landes lustig macht. Und damit, zumindest in Norwegen, unglaublichen Erfolg hat.

Are KalvØ ist nur einer von vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die wir auf unserer Reise treffen. Norwegen ist dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse – und wir, „Kulturzeit“-Kollege Stefan Gagstetter und ich – sind unterwegs, um zu verstehen, was norwegische Literaten umtreibt, wie sie ihr Land sehen. Jeder weiß: Norwegen ist ein reiches Land, nicht nur wegen der Naturschönheiten. Doch ob alles so ist, wie es die Nationalhymne verheißt: „Ja, vi elsker dette landet…“ – „Ja, wir lieben dieses Land…“ – alles nur eine gewaltige Begeisterung für die mal sanfte, mal raue Schönheit einer unendlichen Abfolge von Bergen und Fjorden, Wandergebieten und Angelgründen? Norwegen ist vor allem Natur – auf einer sich nordwärts windenden Länge von fast 1800 Kilometern. Das ist so etwa die Strecke zwischen Hamburg und Athen. Nur wohnen hier ein bisschen weniger Leute. Sehr viel weniger.

Ob es an gefühlt acht Monaten langen Wintern liegen mag, in denen man nun mal viel Zeit zum Schreiben hat, dass Norwegen – trotz vergleichsweise geringer Einwohnerzahl von etwas über fünf Millionen – erstaunlich viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller hat, die überall auf der Welt gelesen werden? Was, nebenbei bemerkt, schon aus Marktgründen für die Schriftsteller ziemlich wichtig ist. Lange Zeit war übrigens Deutschland der größte Lesemarkt. Ob deswegen viele norwegische Schriftsteller sehr gut Deutsch sprechen können?

Roy Jacobsen etwa, der eine Karriere als Fischer und Walfänger hinter sich hat und einer der wichtigsten norwegischen Autoren ist; nicht nur für die Norweger selbst, denen er in packenden Romanen ihre eigene Geschichte erzählt: Für „Die Unsichtbaren“ wurde er für den Man Booker International Prize nominiert. Als wir Jacobsen treffen, erzählt er uns auch viel darüber, wie es war, als Norwegen einmal zusammen mit Albanien das ärmste Land Europas war – heute unvorstellbar.

Das Öl änderte alles. Die Wende kam Anfang der 1960er-Jahre. Da wurden die ersten Plattformen aufs Meer geschleppt. Binnen kürzester Zeit wurde aus dem bitterarmen Land ein sozialdemokratisch geführter Wohlfahrtsstaat. Und heute dreht sich alles, aber wirklich alles, um die Energie, der man seinen Reichtum verdankt. Mittlerweile wird das Öl vor allem an andere Länder verkauft. Norwegen selbst gibt sich umweltbewusst und sattelt mit großer staatlicher Förderung und viel Engagement um auf E-Mobilität. Roller und große Elektro-SUVs gleiten durch die Straßen Oslos. Ist das nicht ein Widerspruch: Öl verkaufen, um sein eigenes Umfeld ökologisch korrekt zu machen? Wenn man ehrlich ist, ist dies zwar das Problem fast aller großen Industriestaaten, doch Geir Gulliksen, Schriftsteller und Literaturförderer, nimmt dies als Anlass zu sagen: „Wenn ich uns Norweger ansehe, wirken wir ein wenig selbstzufrieden.“ Gulliksen ist eine der neuen Stimmen Norwegens. Sein Thema ist die Spezies, die erst mit dem aufkommenden Reichtum entstand: die Mittelschicht. Seine größte Entdeckung als Literaturförderer ist übrigens Karl Ove Knausgård, der so viel über das Leben in seinem Heimatland schrieb, dass er es am Ende sogar verließ. Knausgård hat die von Norwegen schwärmenden Norweger allein zu Hause zurückgelassen und wohnt mittlerweile in England.

Sein Land zu verlassen hat in Norwegen übrigens eine lange Tradition. Wie kaum eine andere Nation stehen die Norweger für Entdeckungsreisende: Große Polforscher wie Fridjof Nansen, Roald Amundsen oder Thor Heyerdahl. In die Phalanx der großen Männer reiht sich nun eine Frau, die auf ganz andere Weise Grenzen überschreitet: Erika Fatland reiste einmal um ganz Russland – zu Fuß, mit dem Bus, dem Kajak, dem Schiff … Auf der Buchmesse in Frankfurt wird Erika Fatland die Eröffnungsrede halten.

Ihre unglaubliche Reise beendete die Schriftstellerin an der russisch-norwegischen Grenze, ganz weit oben in Nordnorwegen. Für sie war es der Schluss einer geradezu wahnwitzigen Rundreise, doch in gewisser Weise kommt in Nordnorwegen auch die norwegische Literatur zu ihrem Ausgangspunkt. Hier, in Nord-Norwegen in der Gemeinde HamarØy, direkt neben den Lofoten, wuchs der größte Romanautor Norwegens, Knut Hamsun, auf. Er kam aus einem sehr armen Elternhaus und konnte gerade mal ein paar Jahre die Schule besuchen, doch Literaturhistoriker sagen: Mit Knut Hamsun begann die Moderne. In HamarØy hat man ihm zu Ehren ein Literaturhaus gebaut, da Hamsun-Center. Ein ultramodernes Gebäude nach Plänen des amerikanischen Stararchitekten Steven Holl, das merkwürdig fremd und gleichzeitig völlig passend in der atemberaubenden Fjordlandschaft steht. Alles, was Norwegen bislang groß und erfolgreich machte, kommt aus der Natur – Are KalvØ hat schon recht: „Wenn es um Natur geht, verstehen wir Norweger keinen Spaß.“

 

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 28. August 2019
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