Die Regisseurin Maria Teresa Cuzio bei den Dreharbeiten für den Film "Wikipedia – Die Schwarmoffensive" © ZDF/Markus Lenz

"Wikipedia ist eine übriggebliebene Utopie aus den Anfangstagen des Internets": Maria Teresa Curzio im Interview

Interview mit der Filmemacherin Maria Teresa Curzio zu ihrem Dokumentarfilm "Wikipedia - Die Schwarmoffensive"

Die Wikipedia – das ist ein großes Thema. Was war der Ausgangspunkt für das Filmprojekt?

Der Ausgangspunkt war meine Faszination für eine der letzten "Wildwiesen" im Internet. Meine ersten Filmideen gehen auf das Jahr 2012 zurück, und das Projekt begann mit einem kurzen Text, in dem ich versuchte, das Phänomen Wikipedia bildlich zu erklären, indem ich sie mit einer Arche Noah verglich, an der noch gebaut wird, während die Tiere schon an Bord kommen, sich gleichzeitig Verschwörer einschleichen, die das Schiff beschädigen und das Unternehmen verhindern wollen und die Besatzung selbst sich über vieles nicht einer Meinung ist. Wikipedia ist eine übriggebliebene Utopie aus den Anfangstagen des Internets, von der die Wikipedianer anfangs selbstironisch behaupteten, dass sie nur in der Praxis funktioniert, aber eben nicht in der Theorie. Das haben sie in den vergangenen Jahren eindrucksvoll widerlegt.

 

Die Dreharbeiten wurden, wie Du im Film thematisierst, durch die Corona-Beschränkungen erschwert. Wie hast Du Dir die Teams zusammengestellt, die für Dich an den internationalen Drehorten gearbeitet haben, und wie konntest Du diese Dreharbeiten beeinflussen oder steuern?

Ich arbeite seit vielen Jahren mit einem großen, internationalen Netzwerk und hatte gleich zu Beginn der Pandemie eine Filmreihe für den KiKa realisiert, für die ich aufgrund der Umstände auf kreatives Personal in aller Welt zurückgreifen musste. Meine Hoffnung, für diesen Film wieder selbst reisen zu können, zerstreuten sich leider wegen des Lockdowns nach den ersten Drehs in Österreich und Schweden. Zusammen mit meinen Produzenten stellte ich für die folgenden Drehs in Frankreich, USA, Kamerun, den Philippinen und Peru Teams vor Ort auf, die von mir mit Drehplänen, Interviewfragen bis hin zu den Kameraeinstellungen sehr detailliert instruiert wurden. In Zoom-Briefings sind wir alle Einzelheiten für die Drehs intensiv durchgegangen. Sofern die Internet-Verbindungen gut waren, konnte ich über WhatsApp live dabei sein und die Interviews selbst führen. In Europa konnte ich aufgrund der zeitweise gelockerten Einreisebestimmungen selbst drehen. Das Verfahren war mitunter zeitraubend und mühsam, und auch die unterschiedliche, vor Ort in Kamerun oder auf den Philippinen verfügbare technische Ausstattung stellte uns vor Probleme, die aber alle mit den wunderbaren Akteuren und Teams vor Ort gelöst werden konnten.

Dokumentarfilm
Interview

Eine Stärke des Films ist, dass Du Wikipedianer nicht nur hast interviewen, sondern sie bei ihrer Mission hast begleiten können. War das Teil des Konzepts oder entstand das bei den Dreharbeiten?

Die Nähe zu den Protagonisten und die filmische Begleitung ihrer Arbeit war von Anfang an Teil des Konzepts, um das Prozesshafte der Wikipedia zeigen zu können. Ein Problem war, die Wikipedianer vor die Kamera zu locken, denn den meisten geht es nicht ums Rampenlicht, sondern darum, in Ruhe und ungestört ihrer ehrenamtlichen Arbeit für die Wissensplattform nachzugehen. Viele arbeiten deshalb auch mit Pseudonymen, um – insbesondere bei umstrittenen Themen - nicht den Angriffen anderer ausgesetzt zu sein.

 

Wie bist Du bei der Montage vorgegangen, um Sachinformationen und Protagonistengeschichten zu verknüpfen?

Der Film ist so konzipiert, dass jeder meine Protagonisten für eine konkrete Sachfrage innerhalb des Films steht. Daraus ergibt sich, im Zusammenhang mit den Experten, eine sich aufbauende Struktur, die nach und nach Sachfragen klärt, und den Zuschauer parallel zu den für Wikipedia wichtigen Zukunftsfragen führt. Darüber hinaus habe ich versucht, mich in den Zuschauer hinein zu versetzen: was kann ich an Wissen über die Wikipedia voraussetzen, was möchte er möglicherweise wissen und welche Zusammenhänge benötigen eine detailliertere Form der Erzählung, zum Beispiel anhand von Animation und Soundeffekten.

 

Hast Du, nach allen Recherchen, eher mehr Vertrauen in die auf Wikipedia gebotenen Informationen oder ist Dein Misstrauen gewachsen?

Gewachsen ist die Klarheit, dass die Wikipedia eine erste Rampe, ein Startpunkt ist. Weitergehende Recherchen kann sie nicht ersetzen. Sie ist Ort der Anregung, um sich weiter zu entwickeln und den kritischen Umgang mit Information zu schärfen. Darin hat sie mein volles Vertrauen. Ich habe auch erfahren, wieviel Arbeit und Engagement hinter der Wikipedia stecken, und dass die Wikipedia nichts anderes als ein Abbild der realen Welt ist. Nur rund 100.000 aktive Autoren bestimmen, was potenzielle vier Milliarden Internetnutzer weltweit zu den unterschiedlichsten Sachverhalten lesen können. Frauen sind mit 10 Prozent der Autoren völlig unterrepräsentiert, aber die Wikipedia kann nur so gut sein, wie die Vielfalt ihrer Autoren. Aber es braucht MitstreiterInnen weltweit, um diese Qualität auf Dauer aufrecht zu erhalten. Ich habe gelernt, dass es mit der Wikipedia ähnlich ist wie mit der Demokratie. Wenn keiner sich mehr dafür einsetzt, kann es ganz schnell schwierig werden.

 

Das Interview führte Redakteur Udo Bremer.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 25. August 2021
Sendetermine
Das könnte Sie auch interessieren