Der „Schatz des Priamos“ – Wem gehört das Gold aus Troja?

Heinrich Schliemann zwischen Mythos und Wirklichkeit
Film von Frank Vorpahl
Sa 14. Mai
19:22 Uhr
(Erstsendung: 08.01.2022)
Am 6. Januar 2022 jährt sich zum 200. Mal Heinrich Schliemanns Geburtstag. Seine größte Entdeckung, das mythische Troja mit dem "Schatz des Priamos", ist bis heute heftig umstritten.

Der "Schatz des Priamos": Heinrich Schliemann schenkte ihn den Deutschen "zu ewigem Besitze", doch nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte er als Beutekunst nach Russland. Seitdem streiten nicht nur Russen und Deutsche: Wem gehört das Gold aus Troja?

Der schillernde Ausgräber Heinrich Schliemann, der vom armen Mecklenburger Halbwaisen zum Multimillionär aufstieg, und seine archäologischen Schätze auch mit Tricksereien, Schmuggel und langwierigen Gerichtsprozessen zu heben wusste, wird 2022 vielerorts gefeiert – in Berlin und Moskau, in Athen und Istanbul. Doch zugleich werden überall Ansprüche auf seine goldenen Funde angemeldet.

Wie umgehen mit dem Erbe dieses umstrittenen Helden – dem "Vater der deutschen Archäologie" –, der in seinem rastlosen Leben immer wieder Milieus und Metiers, Sprachen und Länder, Schauplätze und die Menschen an seiner Seite wechselte und gar nicht selten "ohne Zweifel" verkündete, was er nur vermuten durfte?

Dieser Frage geht auch die Jubiläumsausstellung "Schliemanns Welten" nach, die das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte dem Mythomanen Schliemann ab Mai 2022 widmet. Filmemacher Frank Vorpahl, selbst ein Schliemann-Biograf, begleitet Museumsdirektor Matthias Wemhoff auf seinen Recherchereisen nach Troja und Mykene, zu Schliemanns spektakulärsten Funden in Moskau und Athen und zu Begegnungen mit kompetenten Schliemann-Nachfolgern wie dem heutigem Chefausgräber in Troja, Rüstem Aslan.

Zugleich rücken bislang unterbelichtete Stationen auf Schliemanns Suche nach Gold und Ruhm in den Fokus: Schliemanns 20-jährige Karriere im russischen St. Petersburg und sein Aufstieg zum Multimillionär im Krimkrieg, sein abenteuerliches Geschäftstreiben an der Seite der Rothschilds im kalifornischen Goldrausch und seine Studienanfänge als Mittvierziger in Frankreich. Die Lebensstationen werden im Film anschaulich geschildert von Michail Piotrowski, dem Direktor der Petersburger Eremitage, Marcia Eymann, Stadthistorikerin von Sacramento, und Bénédicte Savoy, Professorin am Collège de France in Paris. Der Film geht damit auch den Mythen um Schliemanns akademische Karriere nach – und der Frage: Was bleibt von Schliemann, 200 Jahre nach seiner Geburt?

Der Streit um sein aus Troja mitgebrachtes Gold hält – wie schon zu seinen Lebzeiten – an: Bei der letzten gemeinsamen Staatsvisite Angela Merkels und Wladimir Putins in der Eremitage drohte der deutsch-russische Beutestreit fast aus dem diplomatischen Ruder zu laufen. Nun fordert auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan anlässlich der jüngsten Troja-Ausstellung in Istanbul vehement das Schliemann-Gold zurück. Währenddessen wirbt der Präsident der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, für pragmatische Lösungen jenseits nationalen Besitzdenkens, damit Schliemanns erstaunliche Funde wieder Forschern und Besuchern gleichermaßen zugänglich werden.

Auch die Debatte darüber, inwieweit das Troja der "Ilias" – der Schauplatz des Trojanischen Krieges des antiken Epen-Dichters Homer – und Schliemanns Grabungshügel in der Troas übereinstimmen, hält seit Schliemanns Zeiten an. Fest steht: Mit seiner Vision vom realen Troja und seinen spektakulären Ausgrabungen hat Heinrich Schliemann vor anderthalb Jahrhunderten die Archäologie aus einer trockenen Gelehrten-Domäne in eine spannende Disziplin mit Rekord-Ausstellungen verwandelt. Das wird wohl auch 2022 wieder der Fall sein.

3sat
Dokumentation
Kultur: Archäologie

Erweiterte Bildfunktionen im ZDF Programmdienst