Unsere Boulevards - Der Riebeckplatz in Halle

Film von Anja Waclzak und Sven Stephan
Mi 14. Aug
19:29 Uhr
(Erstsendung: 29.08.2017)
"Der Platz war die schönste Arbeitsaufgabe in meinem Leben", sagt Bauingenieur Reiner Halle und meint den Riebeckplatz in Halle an der Saale im Süden von Sachsen-Anhalt.

Vor 100 Jahren ist er ein strahlend schöner Stadtplatz, das gründerzeitliche Eingangstor zu Halles Innenstadt. Doch später, in der DDR, erlebt der Platz einen radikalen Wandel. Nur Geldmangel verhindert die vollständige Umsetzung der Pläne.

Die Industriestadt Halle an der Saale, Zentrum des mitteldeutschen Chemiedreiecks, will sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit Macht zur sozialistischen Vorzeigestadt umbauen. Hochhausscheiben und breite Alleen statt mittelalterlicher Struktur - so stellen sich die Stadtplaner das moderne Halle vor.

Ab 1965 wird der Riebeckplatz - der längst Ernst-Thälmann-Platz heißt - umgestaltet. Bis zur Unkenntlichkeit, wie selbst ein DDR-Dokumentarfilm aus dem Jahr 1969 verkündet. Freilich gilt das damals als positives Zeichen. Am Thälmannplatz laufen alle wichtigen Fernverkehrsstraßen der Chemie-Region zusammen. Schon in den 1960er-Jahren gilt er als verkehrsreichster Knotenpunkt der DDR. Staus sind an der Tagesordnung. "Kraftfahrer, meide den Alkohol - und den Thälmannplatz in Halle", ist ein gängiger Spruch jener Tage. Die Antwort der Planer darauf: ein gigantischer Kreisverkehr, unterquert von einem langen Fußgängertunnel und überspannt von der ersten Hochstraße der DDR.

"Eine Herausforderung für uns junge Ingenieure damals", erinnert sich Reiner Halle, "und eine Ehre". Er leitet, gerade mal 28 Jahre alt, den Bau des Brückenpaares über den Thälmannplatz. Nach dem Umbau säumen Hochhäuser den Platz und bieten Wohnraum für mehr als 750 Menschen. Als erstes fertiggestellt wird das Interhotel "Stadt Halle" - das erste Großhotel der Stadt und das beste Haus am Platz mit Gästen aus aller Welt.

"Wir waren komplett ausgebucht und hätten das Hotel zu 300 oder 400 Prozent auslasten können", sagt Bertram Thieme. 1977 wird er Direktor des Interhotels; auch er blutjung und mit 27 Jahren einer der jüngsten Hoteldirektoren der DDR. Bauingenieur Reiner Halle erinnert sich: "Da war Leben in der Bude" - und meint auch die Fußgängerzone, die am Thälmannplatz ihren Ausgang nimmt. Die Leipziger Straße zieht Hallenser und jede Menge Leute aus dem Umland an - mit ihren vielen Geschäften. Im Volksmund heißt die populäre Einkaufsmeile bald nur noch "der Boulevard". Man kommt zum Flanieren oder wenn man etwas Besonderes sucht.

Heute heißt der Thälmannplatz wieder Riebeckplatz. Die Hochhäuser sind längst verschwunden, viele Läden auf dem "Boulevard" geschlossen. Und erneut ist der Platz im Wandel: Er soll neu bebaut werden und wieder Menschen Raum zum Arbeiten und zum Leben bieten.

ARD/MDR
Dokumentation
Kultur: Architektur, Städtebau, Denkmalschutz

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