Leben mit vermischten Sinnen - Die Welt der Synästhetiker

Film von Gerald Teufel
Sa 22. Aug
01:16 Uhr
(Erstsendung: 16.11.2015)
Wer Farben "hört" oder Klänge "sieht", galt früher als "krank". Heute sind synästhetische Fähigkeiten interessant für die Hirnforschung und für Künstlerinnen und Künstler Inspirationsquelle.

"Synästhetiker" fühlen sich dadurch ernstgenommen und wagen zunehmend den Schritt in die Öffentlichkeit. Im Film berichten sie unter anderem von farbig wahrgenommenen Buchstaben oder von diversen Geruchs- und Tasterlebnissen.

Zu Wort kommen unter anderen Marc Jacques Mächler, Pflanzenökologe aus Zürich und Autor des Kinderbuches "Wenn die Vögel violett singen", der Psychiater Markus Zedler von der Medizinischen Hochschule Hannover und der Synästhetiker Eckhard Freuwört. Freuwört erinnert daran, dass es im Nationalsozialismus sogar lebensgefährlich für Synästhetiker sein konnte, sich zu ihren besonderen Fähigkeit zu bekennen: Eine seiner Verwandten wurde nach ihrem Bekenntnis von den Nationalsozialisten ermordet.

Ewald Moser vom Exzellenzzentrum für Hochfeld-Magnetresonanz in Wien und Jürgen Sandkühler vom Zentrum für Hirnforschung, ebenfalls in Wien, stellen die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeit vor, und Christian Meyer vom Arnold Schönberg Center in Wien erzählt vom Briefwechsel zwischen dem Musiker Schönberg und dem Maler Wassily Kandinsky, in dem Synästhesie ein wiederkehrendes Thema war.

Pit Noack arbeitet an einer eigenen Programmiersprache, in der algorithmische Zahlenfolgen musikalisch interpretiert werden sollen. Vom selben Ansatz geht auch die Medienwissenschaftlerin Katharina Gsöllpointner bei ihrem Projekt "Digital Synesthesia" aus. Auf großes Interesse stößt auch die interaktive Installation "E.E.G. Kiss" von Karen Lancel und Hermen Maat, bei der die Gehirnaktivitäten zweier Küssender gemessen und für ein Publikum anschaulich gemacht werden.

Schließlich "übersetzt" der österreichische Haubenkoch Heinz Hanner einen Sauvignon Blanc in ein Dessert, indem er die verschiedenen Geruchselemente des Weines herauslöst und zu neuen Texturen verarbeitet.

So vielfältig und einzigartig Synästhetiker auch empfinden, ein Ergebnis der Synästhesie-Forschung fasst Markus Zedler zusammen: "Was jetzt zunehmend in den Fokus gerät, sind die zusätzlichen Eigenschaften, die Synästhetiker mit sich bringen: die sozialen Funktionen, wie sie miteinander interagieren; was haben sie, das dazu beiträgt, dass sie zum Beispiel weniger psychisch krank werden als andere? Bei der Synästhesie im Kopf, so stellen wir uns das vor, hat jemand ganz andere Möglichkeiten, auch einmal über die üblichen Gedankenschleifen hinauszudenken."

ORF
Dokumentation
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