Gewalt im Kreißsaal

Zwei Frauen brechen das Schweigen

Film von Caterina Woj
Di 22. Sep
22:59 Uhr
(Erstsendung: 27.02.2020)
Eine Geburt ist schmerzhaft, doch am Ende hält man erschöpft und glücklich sein Kind im Arm: So stellen sich Frauen gemeinhin ihre Entbindung vor. Doch die Wirklichkeit kann anders aussehen.

Immer wieder erleben Frauen im Krankenhaus bei dem ohnehin schmerzhaften Geburtsvorgang zusätzlich seelische oder körperliche Gewalt, die sie traumatisiert zurücklassen. In dem Film berichten zwei Frauen über ein Thema, das viel zu lange ein Tabu war.

Sabrina hatte sich auf ihr erstes Kind gefreut. Heute beschreibt sie die Geburt ihrer Tochter vor vier Jahren als "Hölle". Die Entbindung wurde künstlich eingeleitet, dauerte drei Tage - und endete in einem Kaiserschnitt, bei dem die Ärzte operierten, ohne die Wirkung der Narkose abzuwarten: "Es war, als hätten sie mich mit den Händen aufgerissen und wie ein Rudel Wölfe zerfleischt." Seitdem bestimmen Flashbacks, Albträume und Panikattacken Sabrinas Alltag. Das Empfinden, ohnmächtig und ausgeliefert zu sein, geht nicht mehr weg - auch Wochen und Monate nach der Geburt. Sabrina fühlt sich wie ausgeschlossen von der Welt, überfordert, spürt keine Bindung zu ihrem Kind. Sie ist ständig niedergeschlagen, abwesend und aggressiv.

Auch ihr Mann und ihre Mutter leiden unter Sabrinas psychischen Ausnahmezustand. Dann sieht sie im Internet einen Film aus der Reihe "Die Story" und erfährt, dass sie nicht allein ist mit ihrem Leid nach einer traumatischen Geburt. Hunderte Frauen schreiben Kommentare zu diesem Film und stellen eigene Geburtsberichte online. Auch Hebammen melden sich. Sabrina entschließt sich, gegen das Krankenhaus zu klagen. Sie hofft, dass man sie vor Gericht ernst nimmt und sie das Trauma dann besser überwinden kann.

Anja Lehnertz hat sechs Kinder geboren - und ungezählten auf die Welt geholfen. Die 43-jährige Hebamme weiß, wie wichtig ein gesunder Start ins Leben ist. Dabei wollte sie mithelfen. Doch im Kreißsaal erlebte sie immer wieder, dass Frauen nicht zugehört wird und sie nicht gefragt werden. Dass sie mangelhaft aufgeklärt und in routinierte Abläufe gezwungen werden. Dass viele am Ende die Geburt ihres Kindes sogar als Misshandlung, Nötigung oder Vergewaltigung beschreiben. Auch Anja war an Grenzüberschreitungen beteiligt - einige Geburten belasten bis heute ihr Gewissen.

Sie will so nicht weitermachen und hat einen Artikel über die Situation im Kreißsaal geschrieben. Seitdem gilt sie in ihrer Branche als Nestbeschmutzerin. Doch Aufgeben kommt für sie nicht in Frage: Jetzt studiert sie Hebammenwesen und will ihre 20-jährige Berufserfahrung nutzen, um Diskussionen über Gewalt in den Kreißsälen anzustoßen. Es muss sich etwas ändern, findet Anja.

Der Film erzählt die Geschichte zweier Frauen, die nicht länger schweigen wollen über ein Thema, das viel zu lange ein Tabu war.

ARD/WDR
Dokumentation
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