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scobel – Systeme auf der Kippe

Do 10. Dez
21:00 Uhr
Erstausstrahlung
Kipppunkte sind Wendepunkte, die Strukturen oder Systeme grundlegend verändern. Führen radikale Umbrüche zu Katastrophen, oder schaffen sie die Grundlage für einen positiven Neuanfang?

Ist erst der Grenzwert einer kritischen Masse einmal überschritten, gibt es nur selten eine schnelle Rückkehr. Heftige Umwälzungen haben oft langfristige Folgen, und ihre Anfänge sind kaum zu durchschauen. Wie kann man disruptive Kipppunkte erkennen und vermeiden?

Je weitreichender die Auswirkungen von Kipppunkten sind, desto höhere Kosten sind oftmals mit den Veränderungen verbunden. Beispielsweise hat die Corona-Pandemie zu erheblichen Produktions- und Absatzrückgängen, aber auch zu massiven Einsparungen im Dienstleistungssektor geführt. Ein Virus setzt die Wirtschaft zurzeit enorm unter Druck.

Aber auch im ökologischen Bereich entstehen - aufgrund von Kipppunkten des Klimas - Dürren und Überschwemmungen mit immensen Folgekosten. Was die Vorhersagen solcher Schwellenereignisse so schwierig macht: Mit steigender Komplexität lässt sich der ausschlaggebende, kritische Punkt nur ganz schwer prognostizieren und berechnen. Zwar lassen sich aus Daten richtungsweisende Simulationen und Modelle gewinnen, mit denen Prozesse und Rückkoppelungen umfangreich erfasst werden können, doch die realen Kipppunkte und deren Auswirkungen lassen sich nicht exakt vorhersagen. Dennoch sehen vor allem Klimaforscher aus allen Kontinenten in der Zunahme von CO2-Konzentrationen, schmelzenden Eisbergen und steigenden Temperaturen verschiedene Kipppunkte, die für das Eintreten eines globalen Klimawandels sprechen.

Aber auch Ökonomen untersuchen zunehmend Kipppunkte, die Auslöser für internationale Finanzkrisen sind. Politologen beobachten inzwischen starke Erosionen in Demokratien als Folge solcher Kipppunkte. Nicht jede Reform und jeder Transformationsprozess verläuft kontinuierlich und gradlinig. Manchmal kommt es zu disruptiven Veränderungen, die zu starken Umstrukturierungen in wirtschaftlichen und politischen Systemen führen.

Gert Scobel diskutiert mit seinen Gästen anhand einiger Beispiele die Dynamik von Kipppunkten und die Erschütterungen, die in verschiedenen Bereichen durch sie ausgelöst werden.

Gert Scobel diskutiert mit folgenden Gästen zum Thema "Systeme auf der Kippe":

Timo Goeschl ist Ökonom und Direktor des Forschungszentrums für Umweltökonomik am Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Kipppunkte. Sein Forschungszentrum dient als gemeinsame Plattform für Ökonomen, die alle an der Schnittstelle von natürlicher Umwelt und Wirtschaft forschen. Er nutzt theoretische, empirische und experimentelle Methoden, um die Herausforderungen nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt besser zu verstehen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Stefan Thurner ist Physiker und Komplexitätsforscher. 2009 übernahm er den Lehrstuhl für die Wissenschaft "Komplexer Systeme" an der Medizinischen Universität Wien. Seit 2015 leitet er den Complexity Science Hub Vienna. Schwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem die Grundlagen komplexer Systeme, Risikoforschung sowie Netzwerkmedizin und Finanzkrisen. Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zeichnete ihn als österreichischen Wissenschaftler des Jahres 2017 aus.

Patrizia Nanz ist Politikwissenschaftlerin und gründete das European Institute for Public Participation (EIPP), das Unternehmen, Behörden und Regierungen in verschiedenen europäischen Ländern berät. Sie leitete den Forschungsschwerpunkt "Partizipationskultur" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), ist seit 2016 wissenschaftliche Direktorin des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) und Professorin für transformative Nachhaltigkeitswissenschaft an der Universität Potsdam. Sie ist Co-Vorsitzende der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 der Bundesregierung und Mitglied des "Hightech-Forums", das die Bundesregierung zu Wissenschaft und Technologie berät.

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