
"Ab 18! – A Body Like Mine" - Interview mit Regisseurin Maja Classen
Regisseurin Maja Classen gewährt in ihrem Film "Ab 18! – A Body Like Mine" (Deutschland 2023) Einblicke in das Leben und Arbeiten der Künstlerin, Aktivistin und Sexarbeiterin Puck, ihre Inspirationen, Erfahrungen und Ängste. Der Film ist inszeniert als dokumentarisches Märchen und entstanden als künstlerische Zusammenarbeit zwischen Puck und der Regisseurin. "A Body Like Mine" wurde 2023 als "Best German Documentary Film" beim "Doc.Berlin Documentary Film Festival" ausgezeichnet. 3sat zeigt den Film im Rahmen seiner Dokumentarfilmreihe "Ab 18! am Montag, 18. März 2024, um 23.55 Uhr.
Die Pressemappe zur Dokumentarfilmreihe "Ab 18!" finden Sie hier.
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23:55 Uhr
Wie entstand die Idee, einen Dokumentarfilm mit und über Puck für die Reihe "Ab 18!" zu machen?
Ich lernte Puck durch mein Projekt TRUTH OR DARE kennen – eine dokumentarische Erforschung der sexpositiven Räume und Menschen in Berlin. Eine andere Protagonistin brachte Puck als Spielpartner*in mit. Ich fühlte mich sofort angezogen von Pucks geheimnisvoller Präsenz und begann ein Gespräch mit ihr über ein Portrait für die Reihe "Ab 18!". Puck war vorsichtig interessiert. Es war ihr wichtig, ihre private Identität zu schützen. Für mich ergab sich aus diesem Bedürfnis die Idee, der Protagonistin ein Stück mehr Kontrolle als üblich zu überlassen, indem ich sie einlud, Ko-Autorin des Films zu werden.
Wie kam es zu der Idee, den Film als ein dokumentarisches Märchen anzulegen?
Die Grundidee, die märchenhafte Kunstfigur Puck in den Mittelpunkt zu stellen eröffnete zunächst einen gewissen künstlerischen Freiraum. Ich habe ein großes Interesse an poetischen und experimentellen Formen. Obwohl ich Dokumentarfilmerin mit Leib und Seele bin, von meiner Neugier am Erforschen des echten Lebens getrieben, liebe ich es, den Realismus zu brechen und ästhetische Übersetzungen für die Innenwelt der Protagonist*innen zu finden. Wenn diese sich durch Kunst und Performance ausdrücken, bietet es sich an, das zu nutzen. Die von Shakespeares "Sommernachtstraum" inspirierte Figur Puck, bringt eine eigene märchenhafte Ästhetik mit, sodass schon zu Beginn klar war, dass wir Beide Lust hatten, damit zu spielen.
Die Protagonistin des Films und ihr Alter Ego Puck leben in einer Art Symbiose. Wie hat sich dieses Verhältnis bei den Dreharbeiten geäußert?
Das Wechselspiel zwischen Puck und der privaten Person dahinter war sehr spannend und auch Puck selbst war überrascht davon. Anfangs hatte ich noch versucht, die beiden Figuren viel stärker voneinander abzusetzen, auch ästhetisch. Es gab unterschiedliche visuelle Konzepte für jede; private, lockere Kleidung vs. sexy Outfits und Make-up, statische Kamera vs. bewegte Kamera, kurze vs. lange Brennweiten usw. Während des Drehs haben wir gemerkt, dass die Übergänge aber fließend sind, dass die Künstler*in selbst nicht immer trennen kann, wer gerade spricht oder agiert. Wir haben das dann einfach zugelassen, was meiner Meinung nach die Magie der Geschichte ausmacht und auch ihre Fallhöhe. Es sind gerade diese Brüche zwischen Performance und Privatem, zwischen Stärke und Verletzlichkeit, zwischen Kontrolle und Loslassen, die ich besonders berührend finde.
Was hat die besondere Form der Co-Autorenschaft für den Film bedeutet?
Diese Art von Mitbestimmung gab uns Sicherheit. Ich selbst beschäftige mich schon lange mit der Verantwortung, die wir als Dokumentarfilmer*innen haben, wenn wir in das Leben von realen Menschen eingreifen, indem wir unseren Blick auf sie veröffentlichen. Ich finde es sehr wichtig, sich dieser Machtposition bewusst zu sein und suche nach Wegen, die Hierarchien herauszufordern. Das heißt aber nicht, dass es einfach ist. Es bedeutet im Prozess viel mehr Kommunikation, Gespräche und Diskussionen und viel mehr Zeit, um sicher zu gehen, dass die Person, die sich hier entblößt, sich damit safe fühlen kann. Für Puck ging es hierbei nicht nur um sich selbst, sondern sie fühlt sich auch als Stellvertreterin ihrer Community, mit deren Werten sie ihre Aussagen abglich.
Die Interviewszenen mit Puck im Stile eines Stilllebens sind visuell besonders beeindruckend. Welche Rolle spielt dieser inszenierte Raum, welchen Mehrwert schafft er im Film neben der dokumentarischen Beobachtung?
Die Idee für das Stillleben basiert auf Pucks Collage-Kunst. Sie nimmt Stillleben alter Meister und baut ihren eigenen Körper dort ein. Für sie ist dies ein Akt der Rebellion. Als Schwarze Künstlerin reclaimed sie damit einen künstlerischen Raum und die Definition von Schönheit, die traditionell weiß konnotiert war und "Körper, wie ihren" ausschloss. Ich liebe Pucks Collagen und finde diese Metapher sehr wichtig für ihr Portrait. Da wir zwischen Performance und Beobachtung changieren, bot es sich an, über die Beobachtung von Pucks künstlerischer Arbeit hinauszugehen und ihre Vision überlebensgroß zu machen. Die wunderbare Set-Designerin Miren Oller hat Pucks Collage großartig zum Leben erweckt. Im Ergebnis ist Puck auf dieser Bühne in einer besonderen Zwitter-Situation, in der sie Puck repräsentiert und parallel dazu über sie reflektiert, was sie zugleich majestätisch und vulnerabel erscheinen lässt. Es ist also viel mehr als ein Interview oder eine Beobachtung. Pucks ganzer Drahtseilakt drückt sich in dieser Szene aus.
Die Interviewfragen stellte Gwendal Rabillard.
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Mainz, 07. März 2024