
"Was ich daraus gelernt habe, ist, dass das Persönlichste manchmal gleichzeitig das Universellste ist."
Fünf Fragen an den Filmemacher Aljoscha Pause
Aljoscha Pause im Gespräch über seinen Dokumentarfilm "Fritz Litzmann, mein Vater und ich", mit dem er eine Annäherung und ein Porträt seines Vaters, des Kabarettisten Rainer Pause wagt – das unweigerlich auch zum Selbstporträt wird.
Herr Pause, Sie gehen in Ihrem Film erstmals in die Innenansicht Ihrer eigenen Familiengeschichte und der Beziehung zu Ihrem Vater, dem Kabarettisten Rainer Pause alias Fritz Litzmann. Warum?
Diese Geschichte ist mir naturgemäß sehr nahe. Und ich erzähle gerne das Große im Kleinen. Mir gefiel, wie ich hier die ganze Sphäre der Bonner Republik, der linken Bewegung der 1960er- bis 1980er-Jahre und des deutschen Kabaretts in dieser sehr persönlichen Erzählung spiegeln konnte. Ich habe bestimmt zehn Jahre über eine solche Möglichkeit nachgedacht. Aber ich musste zunächst meine eigene innere Bereitschaft ausloten. War ich wirklich bereit, all das an Offenheit und Wahrhaftigkeit vor laufender Kamera in die Waagschale zu werfen, was ich in der Vergangenheit immer den Protagonistinnen und Protagonisten meiner bisherigen Filme abverlangt hatte? Denn das musste ja auch hier der Maßstab sein. Ich erzähle gerne Geschichten, in denen es wirklich um etwas geht. Ergebnisoffen, forschend – learning by telling. Aber ich wollte so einen Film nicht als Operation am offenen Herzen machen. Erst als ich die Fragen meiner Herkunft für mich selber geklärt hatte und sich all das setzen konnte, wollte ich damit auch filmisch losziehen.
Sie haben in Ihren vorigen Filmen oft Self-Made-Men wie den Juristen Bernhard Zünkeler, der sich eine neue Existenz in der Kunstbranche geschaffen hat, oder den Musiker Roland Meyer de Voltaire porträtiert. Ist ihr neuer Film über ihren Vater eine Art Fortsetzung der Erforschung unangepasster Naturen?
Ich gehe da ehrlich gesagt nicht strategisch vor. Aber es stimmt schon, dass es auffällt, dass ich mich immer wieder mit Außenseitern, Grenzgängern und Nonkonformisten beschäftige. Das war ja bei meinem ersten Kino-Dokumentarfilm "Tom meets Zizou" über den Fußballer Thomas Broich ganz ähnlich. Er war (und ist) ein Freigeist, der seinen ganz eigenen, individuellen Weg durch das Dickicht der Zwänge, Konventionen und Normen suchen und finden musste.
Wo würden sie sich innerhalb dieser Konstellationen selbst positionieren?
Natürlich hat mich der Weg und das Vorbild meines Vaters – bei allen Unterschieden, die wir gerade im familiären Bereich haben – stark geprägt. Das ist mir durch die intensive Beschäftigung mit meinem Vater im Zusammenhang mit dem Film nochmal sehr klar geworden. Der unbändige Drang nach künstlerischer Freiheit, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, in Verbindung mit einer Risikobereitschaft und hohem Krafteinsatz, war bei uns zu Hause omnipräsent. So bin ich aufgewachsen. Und das hat sicher auf mich abgefärbt. Ich habe mich immer als Grenzgänger wahrgenommen und muss ja nicht zuletzt auf meinem Weg als unabhängiger Filmemacher immer wieder Nischen und Geschichten finden, die einerseits nicht schon von allen anderen abgegrast wurden – und die andererseits genug Relevanz und Tiefe haben. In Zeiten der Dokuserien-Inflation auf allen Plattformen umso mehr.
Was waren die Schwierigkeiten beim Dreh?
Wie schon angesprochen bin ich eigentlich recht gut präpariert in die Dreharbeiten gegangen. Dennoch zeitigt eine solch tiefschürfende Vorgehensweise – zumal in über 16 Stunden Gesprächen, allein mit meinem Vater, vor laufender Kamera – Dynamiken und Wendungen, die man vorher nicht absehen kann. Natürlich ist das ganz bewusst ein ergebnisoffener Prozess. Im Verlauf der insgesamt rund 6 Monate Drehzeit bin ich schon auch in emotionale Grenzbereiche gekommen. In der Phase habe ich dann – vielleicht nicht ganz ernst gemeint – darüber nachgedacht, man müsse dem Film möglicherweise eine Triggerwarnung oder einen Disclaimer im Stile des einstigen MTV-Formats "Jackass" voranstellen: "Don’t try this at home!". Nach unserer langen Kino-Tour mit 30 Film & Talk – Veranstaltungen durch ganz Deutschland kann ich nun abschließend sagen: es ist das genaue Gegenteil. So ein Projekt – auch ohne Kamera – ist ganz sicher nicht ohne. Und vielleicht auch nicht in jeder Familie möglich. Aber es lohnt sich, so etwas zu versuchen. Und wenn es nur eine ganz persönliche Beschäftigung mit der Frage ist, woher man kommt und was einen geprägt hat. Das Feedback hat gezeigt, dass der Film die Menschen tatsächlich getriggert hat, aber im positiven Sinne. Es ist unglaublich, wie viel Rückmeldung zu unserer Geschichte und wie viele Erfahrungsberichte aus anderen Familien wir im Anschluss bekommen haben. Was ich daraus gelernt habe, ist, dass das Persönlichste manchmal gleichzeitig das Universellste ist.
Hatte das gemeinsame Arbeiten am Film eine heilende Wirkung auf die Vater-Sohn-Beziehung?
Ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er diese Reise mit mir angetreten ist. Das ist ja nicht selbstverständlich. Schon gar nicht vor laufender Kamera. Für mich war klar, dass ich alle – auch kritischen – Aspekte unserer Familien- und Vater-Sohn-Geschichte ansprechen würde, dass es mir aber nicht darum geht, ihn anzuklagen. Der Film sollte bewusst keine Abrechnung werden, auch wenn das bei all der Offenheit ein schmaler Grat war. All das konnte mein Vater aber im Vorfeld nicht wirklich greifen und beurteilen. Trotzdem hat er sich darauf eingelassen. Dazu braucht es Mut und Vertrauen. Das allein hat unsere Beziehung gestärkt. Dass er im Anschluss all die schon angesprochenen 30 Veranstaltungen (ohne Ausnahme) mit mir durchgezogen hat, spricht für sich. Für ihn war das filmische Ergebnis schmerzhaft, schmerzhafter als für mich, und für uns beide war es heilsam.
Die Fragen stellte Nicole Baum, Redakteurin bei 3sat.
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Mainz, 01. September 2026