Sascha (c) ZDF/Peter Zwierko

"Ab 18! - Being Sascha" - Film und Interview mit Filmemacher Manuel Gübeli

Als Teenager outet sich Sascha zunächst als lesbisch, mit 23 als trans. Kurze Zeit später begegnet Sascha der Begriff, der der eigenen Geschlechtsidentität am nächsten kommt: nichtbinär trans. „Trans” heißt, dass Sascha sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, das Sascha bei Geburt zugewiesen wurde. „Nichtbinär”, dass auch das andere nicht passt. Heute lebt Sascha so, wie Sascha sich seit jeher fühlt. Doch überall gilt es zwischen männlich und weiblich zu unterscheiden: Umkleidekabinen, Formulare, Sprachgebrauch. Auch deshalb ist Sascha heute bewusst eine sichtbare Transperson. Filmemacher Manuel Gübeli hat Sascha im Alltag begleitet. Die Kurzfilme und Videoarbeiten des Schweizer Künstlers und Filmemachers laufen auf internationalen Festivals und sind in Ausstellungen zu sehen.

Dokumentarfilm
Mo 02. Nov
23:10 Uhr
Erstausstrahlung

Unkonventionelle Dokumentarfilme auf Augenhöhe - Das war exakt das, was ich machen wollte

Fünf Fragen an  Filmemacher Manuel Gübeli

 

Wie kam es zur Idee, einen Dokumentarfilm über und mit Sascha Rijkeboer zu machen?

Ich war am „Luststreifen Filmfestival“ in Basel und ging spontan noch an eine Lesung im Festivalzentrum. Der Raum war proppenvoll, ich war müde und vollkommen erwartungsfrei. Und dann trat da dieser Mensch auf die Bühne. Ich war sofort davon angetan, wie Sascha sich da oben präsentierte. Und ich mochte Saschas Texte, die mich berührten, herausforderten und zum Lachen brachten. Auf dem Heimweg fühlte ich mich total dankbar für dieses Erlebnis und dachte: Mit dem Menschen würde ich gerne mal etwas zusammen erschaffen. An einen Dokumentarfilm habe ich damals gar nicht gedacht. Eineinhalb Jahre später kam dann mein Produzent Peter Zwierko mit der Ausschreibung von 3sat auf mich zu und sagte: «Du, ich glaube, da passt du hin. Hast du etwas, was du unbedingt erzählen willst?» Da dacht ich: Moment!

 

Inwieweit erschien Ihnen die Reihe „Ab 18!“ das richtige Format für das Filmprojekt?

Ich mache Projekte, weil sie mich faszinieren, mich künstlerisch und menschlich herausfordern und weiterbringen. Etwas auf eine gewisse Alters-Zielgruppe auszurichten liegt mir fern. Alle meine Filme versuche ich für Menschen zu machen, die neugierig sind und herausgefordert werden möchten. Dabei ist mir egal, wie alt die gerade sind. Bei diesem Format habe ich mich dann vor der Bewerbung einfach gefragt: Das was ich hier erzählen will – hätte ich das in meinen Zwanzigern sehen wollen? Hätte mich das damals in irgendeiner Art bewegt? Und hätte ich etwas davon mitgenommen für mein Leben? Ich fand: Ja. Das andere Spezielle an der Reihe ist ja, dass 3sat explizit unkonventionelle Dokumentarfilme auf Augenhöhe mit besonderen Erzählformen sucht. Und das war exakt das, was ich in diesem Film machen wollte. Also habe ich das Projekt eingereicht. Während des Machens selber habe ich dann aber möglichst zu ignorieren versucht, was von dem Film erwartet werden könnte.

 

Sascha Rijkeboer lebt nicht nur als sichtbare Trans-Person, sondern nimmt aktiv am Diskurs zu queer-feministischen Themen in Deutschland und der Schweiz teil. Inwieweit hat das die Arbeit am Film beeinflusst?

Sehr fest. Das ist etwa der Grund, warum man Sascha und mich im Film auch im direkten Interview sieht. Diese Erzählebene war ursprünglich nicht geplant. Wir haben die dann aber eingebaut, weil sie eben unter anderem diese Auseinandersetzung zwischen dem Menschen Manuel in der Regie-Rolle und dem Menschen Sascha in der Aktivist*innen-Rolle aufzeigt. Denn so sehr ich mich persönlich auch mit Saschas Anliegen identifiziere, war es für den Film natürlich essenziell, dass es mein Blick auf Sascha wird. Und nicht ein Aktivist*innen-Film. Das war nur möglich, weil ich während dem Prozess andauernd gespiegelt und hinterfragt worden bin – von Aissa Tripodi, die im ganzen Drehbuch- und Regieprozess mitgewirkt hat, und von Katharina Bhend, mit der ich den Film schneiden durfte. Gemeinsam konnten wir herausschälen, was ich überhaupt erzählen wollte.

 

Sascha äußert im Film die Sorge, dass Medienschaffende im Umgang mit der LGBTQ-Community wenig Einlassungsvermögen auf die Themen und Anliegen der Community zeigen. Können Sie als Filmemacher diesen Vorwurf nachvollziehen?

Total. Ich habe früher selber 13 Jahre als Journalist gearbeitet. Ich weiß aus Erfahrung, wie unser Mediensystem funktioniert, und dass sich selbst Journalist*innen, die ihren Job ernst nehmen, überhaupt oft nicht mehr richtig auf ihr Gegenüber einlassen können. Weil die Zeit fehlt und das Produkt Aufsehen erregen muss. Sascha hat da leider auch schon negative Erfahrung sammeln müssen. Eine meiner größten Herausforderungen für diesen Film war darum, Sascha das Vertrauen zu vermitteln, dass ich als Filmemacher eine andere Herangehensweise habe. Und Sascha musste vertrauen lernen, dass ich meine Position nicht auszunutzen versuche. Ich bin Sascha unfassbar dankbar dafür und habe keine Ahnung, ob ich das in Saschas Position auch hingekriegt hätte. Ich glaube, wir haben alle sehr viel Energie und Liebe in diesen Film investiert. Aber darum mache ich das alles ja auch. Es geht mir immer um die Beziehung zwischen den Menschen.

 

Ein wiederkehrendes Motiv im Film sind Bilder von Sascha beim Sammeln und „Archivieren“ von Resten aus dem Flusensieb eines Wäschetrockners. Welche Bedeutung für Sascha und den Film steckt in diesem Motiv?

Sascha hat mir während unseres ersten langen Kennenlerngesprächs unter anderem auch diese Bücher mit all den Flusen-Abdrücken gezeigt. Ich fand das eine unglaublich großzügige Geste. Diese Sammlung hat für mich etwas enorm Persönliches, Zärtliches, Poetisches. Und dann dachte ich natürlich sofort auch: Ui, das ist filmisch. Ich meine: Sascha hat über Jahre Spuren des eigenen Lebens gesammelt. Und dann sogar noch anhand von Kleidung, die ja so viel mit Gender-Sichtbarkeit zu tun hat. Also hab ich Sascha später dann gefragt, ob wir das filmen dürfen. Lustigerweise hatte ich bereits damals die Idee, dass man Sascha im Film im Umgang mit diesen Flusen-Abdrücken kennenlernen könnte, das Ganze mit dem Flusensieb dann aber erst am Schluss aufgelöst werden würde. Ich bin noch immer erstaunt, dass das nachher in der Montage tatsächlich funktioniert hat. Dieser Moment damals war einfach in jeder Hinsicht ein Geschenk.

 

Das Interview führte Luna-Belle Kuhrt.

 

Das PDF zum Presseheft "DOKUMENTARFILMHERBST in 3sat" finden Sie hier.

 

Fotos zur Reihe "Ab 18!" finden Sie hier.

 

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 08. Oktober 2020
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