Margarete Affenzeller ist seit 2016
Mitglied der Theatertreffen-Jury und
hat sich unzählige Inszenierungen
angesehen. © Margarete Affenzeller/3sat-Grafik

"Theater muss wach sein": Interview mit Margarete Affenzeller, Mitglied der Theatertreffen-Jury

Die Journalistin und Theaterkritikerin Margarete Affenzeller, Mitglied der Theatertreffen- und 3sat-Preis-Jury, spricht im Interview über die neue Körperlichkeit am Theater, über den Marktwert von Regisseurinnen und darüber, wie das Theater mit einem Bein in die Zukunft steigt

Theater
So 03. Mai
18:00 Uhr
Interview

Was macht gutes Theater heute aus?
Theater muss heute auf alle Fälle wach sein. Es genügt nicht mehr, die besten Stücke des Theaterkanons auf den Spielplan zu setzen. Das Theater muss sich bemühen, das Publikum zu involvieren und eine Reibungsfläche zu bieten. Das kann über Themen oder Spielweisen passieren, aber auch in der Art und Weise, wie Widersprüche aufgetan und ausverhandelt werden. Ganz wichtig ist zudem: Theater sollte in die Zukunft weisen – und dass es das kann, haben wir in diesem Jahr wieder gemerkt. Dadurch, dass es so viel imaginieren, sich ausdenken kann, ist es ein geeignetes Medium, um mit einem Bein in die Zukunft zu steigen. Gerade jetzt, wo es in unserem gesellschaftlichen Diskurs um den Klimawandel geht und die Frage, wie wir auf diesem Planeten leben können und wollen. Theater sollte aber auch nicht immer nur das liefern, was man erwartet, sondern genauso all dem widerstehen und seine ganz eigenen Träume verfolgen. Das gehört heute für mich zu gutem Theater: sich immer neu zu erfinden und infrage zu stellen. Die Welt verändert sich so schnell, dass das einfach notwendig ist.

Gibt es Themen, die derzeit besonders im Fokus stehen?
Der Rechtsruck, den wir seit ein paar Jahren in Europa beobachten, ist auch am Theater ein Thema geworden. Es wird untersucht, wie Systemwechsel funktionieren, was einen Systemwechsel ausmacht, wie man ihn erkennt und wie er vonstatten geht. Mit all dem, was dazugehört: Gewalt, Hass, die Strategien des Populismus. Und natürlich sind „Identitäten“ immer ein Thema; vor allem Geschlechterverhältnisse, Geschlechterrollen, die sich ja ebenfalls verändern. Außerdem ist das Theater generell prädestiniert dafür, Blickweisen zu untersuchen: wie wir als Menschen durch die Welt gehen, wie wir auf andere Menschen und auf uns selbst schauen. Theater ist ja eine Schaukunst, und bei der diesjährigen Auswahl gibt es ein paar Arbeiten, die sich genau damit beschäftigen, indem die Bühne sozusagen den Blick zurückwirft auf das Publikum und sagt: „Na, schau mal, was du jetzt denkst.“ Zukünftig wird sich ganz sicher das Thema Klimawandel auf den Spielplänen bemerkbar machen. Vermutlich in Form von Stückentwicklungen, da es hierzu noch nicht so viele Texte gibt. Bei dem Thema kann sich das Theater gar nicht raushalten.

Lässt sich aktuell eine bestimmte formale Entwicklung auf den deutschsprachigen Bühnen beobachten?
Auf den Bühnen ist eine neue Körperlichkeit zu beobachten. Bei einer breiten Palette ganz unterschiedlicher Inszenierungen findet eine Art physisches Erzählen statt. Vieles wird über die Präsenz von Körpern, die Bewegung von Körpern und auch deren Verkleidung erzählt. Bei der Inszenierung „Tanz“ von Florentina Holzinger erzählen die Körper der muskulösen Frauen schon allein beim Dasitzen oder Aufs-Motorrad- Steigen sehr viel. Spannend finde ich, dass das auch bei klassischen Dramen wie „Der Menschenfeind“ von Molière funktioniert. Anne Lenk bleibt da am Deutschen Theater ganz beim Text, die Körper aber erzählen eigentlich mindestens genauso viel wie die Sprache. Ähnlich ist es auch bei Toshiki Okadas „The Vacuum Cleaner“ aus den Münchner Kammerspielen, wobei hier der körperliche Ausdruck den sprachlichen überragt.

Sechs Regisseurinnen, vier Regisseure: Das Berliner Theatertreffen ist in diesem Jahr weiblicher als sonst. Wie kam es zur Einführung der Frauenquote?
Wir haben uns die letzten Jahre immer wieder mit der Frage beschäftigt, warum traditionell so wenige Regisseurinnen in der Auswahl gewesen sind. Umso mehr, als wir 2017 die erste mehrheitlich mit Frauen besetzte Jury waren. Wir haben uns von Anfang an vorgenommen, viele Regisseurinnen zu sichten, aber es ist uns nicht richtig gelungen, ohne Quote eine Quote umzusetzen. Die Idee, eine Quote einzuführen, hatte sich also schon lange abgezeichnet. Letztes Jahr hat Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Theatertreffens, dann zu Beginn der ersten Jurysitzung die Einführung der Frauenquote vorgeschlagen – und wir haben diesen Vorschlag begrüßt. 

Sie haben mal geschrieben, dass Regisseurinnen meist auf Nebenspielstätten versteckt werden und dass an institutionalisierten Theatern zu fast 70 Prozent Männer Regie führen, obwohl mehr Frauen das Regiefach absolvieren. Sind Frauen einfach zu harmlos oder nicht mutig genug?
Ich glaube nicht, dass Frauen per se harmloser oder weniger angriffslustig sind als Männer. Aber wie auf dem Kunstmarkt, auf dem Werke von Männern höher gehandelt werden als Werke von Frauen, gibt es auch am Theater einen Marktwert, und der von Regisseurinnen scheint eben weniger groß. Ich unterstelle, dass eine Theaterleitung mehr Skrupel hat, die große Bühne einer Regisseurin zu überlassen als einem Mann. Und wenn die Atmosphäre so beschaffen ist, dann macht es das – ich kenne das aus vielen Gesprächen mit Regisseurinnen – sehr sehr schwer, sich in Verhandlungen über diese Hürde zu bewegen. Viele möchten sich das vielleicht gar nicht erst antun, weil sie wissen, dass sie mehr beweisen müssen und im Nachhinein viel strenger beurteilt werden. Und das geschieht ja auch ständig.

Hat die Ankündigung der Quote schon dazu geführt, dass im letzten Jahr mehr Frauen Regiejobs an den großen Häusern bekommen haben?
Ich glaube schon, dass diese Ankündigung eine große Auswirkung hat, weiß aber nicht, ob sie das 2019 bereits hatte. Denn auch im aktuellen Sichtungszeitraum ist das Verhältnis unserer Sichtungen im Vergleich zu den Vorjahren in etwa gleich geblieben, grob 40 Prozent Arbeiten von Frauen zu 60 Prozent Arbeiten von Männern. Allerdings denke ich, dass gerade jetzt eine neue Frauengeneration stärker präsent wird, die sich nicht mehr bremsen lässt und sich mit diesen Fragen verständlicherweise nicht mehr beschäftigen möchte. Regisseurinnen kommen durch die nunmehr offizielle Bestätigung, dass ihre Inszenierungen genauso viel wert sind wie die ihrer männlichen Kollegen, aus der Rechtfertigungsecke heraus, in die sie ständig gedrängt werden.

Im „Hamlet“ ist eine Aufwertung der Frauenfiguren zu erkennen: Sandra Hüller verkörpert den Dänenprinzen, Gina Haller verschmilzt als Ophelia mit Hamlets bestem Freund Horatio und wird nicht nur zur Gefährtin, sondern zum Alter Ego des Prinzen. Ist eine solche Tendenz bei der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl zu beobachten – oder generell?
Die Beobachtung, dass Frauenfiguren aufgewertet werden, haben wir definitiv auch gemacht. Nun wird ja bei „Hamlet“ nicht nur die Frauenfigur aufgewertet, sondern die männliche Titelfigur weiblicher. Das eigentliche Thema ist, dass Frauenfiguren aus dem klassischen Theaterkanon meist ein sehr tristes Dasein fristen. Die Frage lautet: Wie kann man diese Figuren aus ihrer historischen Verhaftetheit heben und für uns heute interessanter machen? Oder wie kann man das Gefälle zwischen männlichem Held und assistierender Frau auflösen? Davon ist die Theaterliteratur ja dominiert, und das macht es auch so schwierig, diese Stücke heute vom Blatt zu spielen. Ein paar der von den Jurymitgliedern vorgeschlagenen Stücke zeigen so eine Aufwertung der Frauenfiguren. Bei Johan Simons’ „Woyzeck“ aus Wien zum Beispiel wird die Rolle der Marie groß und man fragt sich, warum heißt das Stück eigentlich nicht „Woyzeck und Marie“? Oder: Thomas Melle befreit in „König Lear“ die Töchter des Königs aus ihrem passiven Dasein, sie werden zu richtigen Furien des Systemwechsels, den sie auf radikale Weise durchsetzen wollen. In jedem Fall bekommen die Frauenfiguren eine ganz andere Energie.

Was vermissen Sie in den aktuellen Theaterproduktionen?
Ich vermisse momentan gar nichts. Nach so vielen Stücken habe ich das Gefühl, alles gesehen zu haben, vom klassischen Tschechow bis hin zu ganz tollen, fast wortlosen, meditativen Abenden, die ganz eigene Welten und Fantasiewelten anstoßen und fast schon in den Bereich der bildenden Kunst hineinragen. Es ist interessant und überraschend, wie vielfältig das Theater momentan ist. Es gibt eine so große Bandbreite an Formen, Herangehensweisen und Themen. Das Klimathema ist etwas, das gerade so richtig zu gären beginnt, und mit Alexander Giesches „Der Mensch erscheint im Holozän“ haben wir ja auch ein Stück dazu in der Auswahl.

 

Das Interview führte Jessica Zobel, Redakteurin ZDF-Presse und Information / 3sat/Kultur/Wissenschaft