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„Buchzeit“-Tipps: das Buch zum Städtetrip

Persönliche Empfehlungen der „Buchzeit“-Literaturkritikerinnen Sandra Kegel, Barbara Vinken und Katrin Schumacher

In der 3sat-Literatursendung „Buchzeit“ diskutieren die Kritikerinnen Katrin Schumacher (MDR), Barbara Vinken (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Sandra Kegel („FAZ“) regelmäßig mit Gert Scobel im Frankfurter Szenetreff Oosten über aktuelle Neuerscheinungen (die nächste Ausgabe von „Buchzeit“ ist am Sonntag, 30. Juni, um 18.00 Uhr, in 3sat zu sehen). Hier stellen sie nun ihre Lieblingsbücher vor, die vor der Kulisse einer bestimmten Stadt spielen. Die literarischen Reisen gehen nach Berlin, Worpswede, Aachen, Biedenkopf, Stuttgart und München.

Alle Sendetermine im Überblick

BERLIN

„Heimliches Berlin“ von Franz Hessel

Lilienfeld Verlag, 160 Seiten

empfohlen von Katrin Schumacher

 

Berlin im Frühjahr 1924: Die Bewohner der Stadt leiden unter den Folgen der Inflation, Armut und Arbeitslosigkeit beherrschen den Alltag. In den Nachtclubs aber tobt das Leben, hier treffen sich Bohème und Bourgeoisie, schillernde und schräge Gestalten zu verzweifelt wilden Ausschweifungen. Auch Wendelin, ein junger Mann aus gutem Haus, lässt sich treiben. Nach einer Partynacht bittet ihn Karola, die Frau eines Freundes, mit ihr fortzugehen. Vorher aber ziehen sie noch einmal durch Clubs und Bars … Ein rauschhaftes Buch, in dem die (durch den Film „Jules und Jim“ berühmt gewordene) Ménage à trois des Autors mit Helene Grund und dem Schriftsteller Henri-Pierre Roché anklingt. Ein großartiger Szene-Roman aus einem leid- und lustvollen Berlin.

 

WORPSWEDE

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke

Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten

empfohlen von Katrin Schumacher

 

Paul Wendland, aufgewachsen in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen, betreibt in Berlin eine Galerie, die jedoch außer ihm selbst und dem Schrotthändler von nebenan so gut wie nie jemand betritt. Seine esoterische Mutter lebt inzwischen auf Lanzarote, sein Vater ist in die USA abgewandert, und Pauls Freundin ist gerade dabei, sich von ihm zu verabschieden. Als er erfährt, dass das Familienanwesen im Teufelsmoor zu versinken droht, fährt er in die alte Heimat. Es ist der Beginn eines irrwitzigen Abenteuers, in dessen Verlauf die gesamte Familiengeschichte ans Licht kommt – Moorleichen und norddeutscher Butterkuchen, Ringo Starr und Rainer Maria Rilke, politische Verwicklungen und tragikomische Seelenabgründe inklusive.

 

AACHEN

„Der Scheik von Aachen“ von Brigitte Kronauer

Klett-Cotta, 399 Seiten

empfohlen von Barbara Vinken

 

„Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven“, so lautete der Titel einer Rahmenerzählung, die Wilhelm Hauff für eine 1826 publizierte Märchensammlung verfasste. Kronauers „Scheik“ heißt Herr Marzahn, und er hat zwar keine Sklaven, aber dafür einen Antiquitätenladen in Aachen. Bei ihm findet die eigentliche Hauptfigur des Romans, die 42-jährige Anita, eine Anstellung. Sie hat, frisch verliebt und hoffnungsfroh, ihren Job in Zürich aufgegeben und ist in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um bei ihrer großen Liebe Mario zu sein. Wöchentliche Besuche bei ihrer alten Tante Emmi takten die Geschichte, die mit einem Unfall eine überraschende Wende nimmt. Ein Buch über Liebe und Verlust, das virtuos geschrieben ist, mal warm und witzig, mal herrlich sarkastisch.

 

MÜNCHEN

„Erfolg“ von Lion Feuchtwanger

Aufbau Verlag, 878 Seiten

empfohlen von Barbara Vinken

 

München in den frühen 1920er-Jahren: Der progressive Kunsthistoriker und Museumsdirektor Martin Krüger ist den konservativen Kräften Bayerns ein Dorn im Auge. Er wird in einen Meineid-Prozess verwickelt und zu Unrecht zu drei Jahren Haft verurteilt. Beherzt versucht seine Freundin Johanna, Martins Begnadigung zu erwirken. Sie wendet sich an eine Reihe hochgestellter Persönlichkeiten aus Justiz, Politik, Wirtschaft und Kirche, doch die Dinge entwickeln sich anders als erhofft. Viele der Romanfiguren zeigen Ähnlichkeiten mit realen Personen jener Zeit. Auch Adolf Hitler taucht auf, in Gestalt eines hysterischen Kleinbürgers namens Kutzner. Feuchtwanger gelang mit diesem ersten Teil seiner „Wartesaal“-Trilogie ein Sittengemälde von beißender Schärfe.

 

BIEDENKOPF

„Grenzgang“ von Stephan Thome

Suhrkamp Verlag, 454 Seiten

empfohlen von Sandra Kegel

 

Bergenstadt hat Stephan Thome den Schauplatz seines Romans genannt, in Wirklichkeit heißt dieser Ort in der hessischen Provinz Biedenkopf. Hier findet auch das „Grenzgang“ genannte Volksfest statt, das Thome zum Handlungsrahmen für eine Geschichte macht, die auf fesselnde Weise vom schleichenden Scheitern auf der Suche nach Glück erzählt: Alle sieben Jahre schreiten die Bürger die Grenze des Stadtwaldes ab, ganze drei Tage lang wird gewandert und gefeiert. Thomas und Kerstin, beide im mittleren Alter, beide nach Umwegen wieder in Bergenstadt gestrandet, sind sich schon einmal beim Grenzgang begegnet, und sie verbindet ein Erlebnis, an das sie sich nur mit gemischten Gefühlen erinnern … (Übrigens: Im August 2019 findet der nächste Grenzgang statt!)

 

STUTTGART

„Kürzere Tage“ von Anna Katharina Hahn

Suhrkamp Verlag, 223 Seiten

empfohlen von Sandra Kegel

 

Zwei Frauen: Judith, um die 40, führt ein scheinbar perfektes Leben als Vorzeigemutter. Sie hat zwei entzückende Söhne, einen erfolgreichen Gatten und wohnt in einer schönen Altbauwohnung in einem gutbürgerlichen Viertel von Stuttgart. Was die Außenwelt nicht sieht, sind ihre inneren Dämonen und die Tabletten, mit denen sie ihre Ängste betäubt. Leonie, ein paar Jahre jünger als Judith, lebt in derselben Straße und hetzt dauergestresst durch den Alltag, ständig zerrissen zwischen Beruf und Mutterrolle. Um diese beiden Frauen, die einander mit Anflügen von Neid beobachten, gruppiert Hahn eine Reihe weiterer Figuren, die mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben. Am Ende steuern sie alle in einem dramatischen Showdown aufeinander zu. Präzise beobachtet, packend erzählt.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 21. März 2019
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