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"Darf ich jetzt schon aufhören zu suchen?"

Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer über die Suche nach der großen Liebe im Internet

Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer im Gespräch mit Constanze Grießler und Franziska Mayr-Keber, den Autorinnen der Dokumentation "Liken, daten, löschen – Liebe und Sex in Zeiten des Internets" (Mittwoch, 13. Februar, 20.15 Uhr, Erstausstrahlung).

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Herr Schmidbauer, einen neuen Partner kennenzulernen ist heute dank Online-Dating so einfach wie noch nie. Ist das Online-Dating so etwas wie der Turbo-Boost fürs Beziehungsglück?

Das ist eine ambivalente Sache. Natürlich ist es heute viel leichter, potenzielle Partner kennenzulernen. Durch das Online-Dating entsteht aber auch eine ganz neue Situation, nämlich die, dass man unter der Unüberschaubarkeit möglicher Beziehungen leidet. Es gibt in Deutschland vielleicht drei, vier Millionen Nutzer von Dating-Portalen, die ständig auf der Suche sind. Viele können heute nicht mehr sagen: So, jetzt habe ich endlich jemanden gefunden und ich bin froh darüber. Sondern sie fragen sich: Darf ich jetzt schon aufhören mit der Suche nach dem oder der Richtigen? Es könnte ja ein besseres Angebot geben. Dadurch entsteht ein Gefühl von chronischer Unsicherheit, auch in Beziehungen. Und aus diesem Grund haben auch die Versuche, den Partner zu kontrollieren, zugenommen. Eifersucht ist ja in einer unglaublichen Weise explodiert. Früher hat man vielleicht mal einen Brief gefunden oder jemanden in flagranti erwischt. Dann war die Eifersucht da, man hat sich gestritten und die Sache wurde vielleicht runtergespielt oder es gab Geständnisse. Und man ist vielleicht drüber weggekommen. Aber dieser Abgrund, der sich auftut, wenn man das Handy des Partners oder seinen E-Mail-Verkehr durchsucht und auf einmal eine ganze Beziehung, von der man bisher nicht wusste, in allen Facetten mit Fotos und Textnachrichten entdeckt, das ist ein großer Schock. Das ist ein ganz neuartiges Beziehungsproblem geworden.

 

Ist Treue ein Phänomen von gestern?

Die Menschen sind heute genauso treu oder untreu wie früher. Aber die Gelegenheiten zur Untreue haben sehr stark zugenommen – und der wirtschaftliche Druck zur Treue dagegen massiv abgenommen. Vor 200 Jahren haben in Deutschland die meisten Leute in Dörfern gelebt. Wenn man damals als Handwerker- oder Bauernsohn geheiratet hat, gab es einen enormen wirtschaftlichen Druck, zusammenzubleiben, eine Trennung bedeutete oft den finanziellen Ruin. Seit die Gesellschaft individualisiert ist, sind natürlich die Freiheiten sehr viel größer, und auch in romantischen Beziehungen ist die Selbstverwirklichung wichtiger geworden. Generell gilt doch in unserer Konsumgesellschaft, wenn man mit etwas nicht zufrieden ist, sucht man nach etwas Besserem. Das ist auch im Bereich von Beziehungen so. Und deshalb sieht es natürlich so aus, als ob es sehr viel mehr Untreue gibt. Dabei bin ich der Meinung, dass das Bedürfnis der Menschen nach einer verlässlichen Partnerschaft vielleicht sogar noch gewachsen ist, weil eine solche Beziehung natürlich auch seltener und schwieriger geworden ist.

 

Können Sie erklären, warum es schwieriger geworden ist, eine stabile und verlässliche Beziehung zu finden?

Beim Online-Dating ist man einer von vielen möglichen Partnern, die Auswahl ist riesig. Das erhöht natürlich den Druck, einen guten Eindruck zu machen und alles aufzubieten, um diesen anfänglichen guten Eindruck aufrechtzuerhalten. Das erschwert das Entstehen von wirklicher Nähe in einer späteren Bindung, in der man auch mal passiv sein kann und in der nicht immer alles perfekt sein muss. Den ersten Schritt zu tun, die Chance, eine neue Liebe zu finden, das wird durch Online-Dating und Co technisch leichter gemacht. Gleichzeitig haben sich aber auch die Möglichkeiten einer Kränkung intensiviert. Denn es gibt ja immer die Option, jemanden zu löschen oder zu blocken. Immer mehr Menschen lassen sich überhaupt nicht mehr auf eine nahe Beziehung ein. Die sind auch nicht auf Dating-Portalen aktiv, weil sie das alles zu anstrengend finden - und schon zu oft enttäuscht wurden.

 

Dating-Portale werben damit, dass jeder einen Menschen finden kann, der zu ihm passt. Gibt es wirklich für jeden Topf einen Deckel?

Nein, ganz bestimmt nicht. Das hängt ja auch sehr von der Fähigkeit ab, ob man sich irgendwann zufriedengeben kann. Die existentiell tragende Qualität einer Beziehung ist ja die Zufriedenheit miteinander, die Fähigkeit, zusammen Ruhe zu finden. Diese Ruhe findet man natürlich nicht, wenn man immer noch denkt, es gäbe vielleicht etwas Besseres. Diese innere Unruhe, dieses Flüchtige, dieses Hektische ist eine große Gefahr – in der Gesamtgesellschaft ebenso wie in Beziehungen. Man braucht so eine Art Opposition oder eine gemeinsame Grenze gegen die Konsumgesellschaft, um als Paar seinen Frieden zu finden.

 

Sie haben mal gesagt, die romantischen Prinzipien haben heute mehr Macht über Paare. Was meinen Sie damit? Denn andere klagen ja, dass die Onlinedating-Plattformen das Ende der Romantik sind …

Beim Onlinedating werden Beziehungen künstlich romantisiert, ganz nach dem Motto: Gerade wollte ich mein Parship-Abonnement kündigen – und dann habe ich dich entdeckt. Da ist schon immer noch eine tiefe Sehnsucht nach Romantik. Und es ist doch so: Seit es die romantische Liebe gibt, ist auch immer ihr Ende prophezeit worden. Das ist ja das Wesen der romantischen Liebe: dass sie unmöglich ist. Deshalb ist sie meines Erachtens auch unsterblich. Es gibt soziologische Beobachtungen darüber, dass in der individualisierten Gesellschaft die Religion und all das, was traditionell Halt gibt, entzaubert wird und wegbricht. Doch die romantische Liebe, die Suche nach der großen Liebe, bleibt. So ein Ideal ist aber manchmal auch destruktiv, weil man alle hohen Erwartungen an Empathie und Perfektion unter diesem Deckmantel pflegen kann.

 

Es gibt ja viele Onlinedating-Plattformen, die ganz präzise Interessen und Persönlichkeitsmerkmale abfragen und dann per Algorithmus ein vermeintlich perfektes Gegenüber finden. Kann das funktionieren? Wie wichtig sind gemeinsame Interessen für eine stabile Beziehung?

Gemeinsame Interessen sind schon hilfreich, aber was in Algorithmen und Fragebögen überhaupt nicht erfasst werden kann, ist ein gemeinsamer Humor oder die Fähigkeit, Distanz einzunehmen und sich in Konflikten zu verständigen. Da wird eine Illusion aufgebaut. Man kann zwar einen Algorithmus schaffen und sagen, wir verbinden Leute, die sehr ähnliche Interessen und Schwerpunkte haben. Aber die viel wesentlicheren Qualitäten wie zum Beispiel Empathie kann man in einem Fragebogen nicht erfassen.

 

Sind unterschiedliche soziale Klassen bei der Partnerwahl ein Thema?

Die Frage ist ja, ob es überhaupt noch Klassen gibt. Früher war die Klasse durch die Abstammung, durch die Eltern definiert. Heute ist sie sehr stark durch die Ausbildung und den Beruf definiert. Gleiches Bildungsniveau ist eine große Erleichterung für Beziehungen. Denn es ist einfach sehr schwer, sich nicht abgewertet zu fühlen, wenn der Mann zum Beispiel Universitätsprofessor und die Frau Krankenschwester ist. Ob so eine Beziehung funktionieren kann, hängt natürlich sehr stark davon ab, wie viel Distanz und Einfühlung in diese unterschiedlichen Rollen die Partner entwickeln können.

 

Es gibt einerseits Dating-Plattformen, bei denen man stundenlang Fragebögen ausfüllt, und es gibt natürlich auch das Gegenteil, wie zum Beispiel Tinder, wo die Auswahl über äußerliche Merkmale funktioniert. Ist das etwas Neues?

Tinder ist sehr stark sexualisiert. Die Soziologin Eva Illouz beschreibt sehr deutlich, dass die Tinder-Beziehungen ganz schnell zu Sex führen und dass diese schnelle Sexualität stark auf Kosten der Frauen geht, die da viel weniger Befriedigung erleben. Aber die Frauen sind neugierig und denken, dass sie vielleicht etwas versäumen, wenn sie das nicht machen. Auch da gibt es viele Enttäuschungen durch das Gefühl, ausgenutzt und fallengelassen worden zu sein.

 

Sie haben mal geschrieben, dass es durch die Digitalisierung vermehrt zu einer Art Liebeswahn bis hin zum Stalking kommt. Wie kommt das?

Das hängt damit zusammen, dass die moderne Liebe eine starke symbiotische Komponente hat, das heißt, man richtet sehr hohe Erwartungen an das Glück, an die Erhöhung des eigenen Narzissmus durch Liebe. Und wenn die Liebe nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte, dann glauben manche, sie könnten den anderen noch überzeugen. Das machen Frauen wie Männer, nur sind die Männer aggressiver. Früher war die Liebe eine weniger narzisstische Angelegenheit, man brauchte den Partner auch aus finanziellen Gründen und Paare haben sich nicht so sehr als Individuen bewertet. Heute ist die Liebe eine ganz zentrale Stütze des Selbstwertgefühls. Und wenn die verloren geht, versucht man mit allen Mitteln, das zu verleugnen und sie irgendwie zurückzugewinnen.

 

Das Interview führten Constanze Grießler und Franziska Mayr-Keber, den Autorinnen der Dokumentation "Liken, daten, löschen – Liebe und Sex in Zeiten des Internets" (Mittwoch, 13. Februar, 20.15 Uhr, Erstausstrahlung).

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3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 18. Januar 2019
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