"Das Atelier ist ein Ort der Hoffnung"

Ein Statement des Regisseurs Bernhard Braunstein

In der Bibliothèque publique d’information im Centre Pompidou in Paris treffen sich wöchentlich Menschen aus allen Erdteilen, um im Atelier de conversation Französisch zu sprechen. 3sat zeigt den Dokumentarfilm "Atelier de conversation" (Österreich/Frankreich/Liechtenstein 2017) von Bernhard Braunstein am Montag, 18. Februar, um 22.25 Uhr, in seiner „Dokumentarfilmzeit“ in Erstausstrahlung. Der Film war 2017 Eröffnungsfilm des Pariser Filmfestivals Cinéma du Réel und gewann im selben Jahr den Spezialpreis der Jury beim Karlovy Vary International Film Festival und den ARTE-Dokumentarfilmpreis auf der Duisburger Filmwoche. Hier ein Statement des Regisseurs.

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"Im Februar 2009 zog ich nach Paris. Ich wollte Französisch lernen und ein anderes Leben ausprobieren. Das Sprachengewirr und das multikulturelle Mosaik der Metropole versetzten mich in Staunen. Je genauer ich beobachtete, desto aufregender wurde die Stadt, zugleich aber auch ungreifbarer, komplexer, überladen mit Bildern und Geschichten. Der Euphorie folgte Ernüchterung. Eine große Barriere bildete die Fremdsprache. Ich sprach zwar kein Wort Französisch, war aber überzeugt, mich nach einigen Monaten vor Ort und einem Intensivsprachkurs bald verständigen zu können.

 

Schon nach wenigen Wochen wurde mir bewusst, wie naiv diese Vorstellung gewesen war. Auch nach einem halben Jahr war ich in dieser Stadt immer noch sprachlos und einsam. Eine Schnittstelle für die verschiedenen Lebenswelten in Paris ist die Bibliothèque publique d’information (Bpi), die sich auf zwei weitläufigen Etagen des Centre Pompidous befindet und kostenlos ohne Formalitäten für jeden frei zugänglich ist. Die Energie an diesem Ort, an dem täglich über 4000 Menschen aus aller Welt denken, lesen, lernen, plaudern, Musik hören, fernsehen, im Internet surfen, schlafen oder sich einfach nur aufwärmen, war ansteckend und motivierend. Häufig war ich dort, um an einem Multimedia-Arbeitsplatz Französisch zu lernen. Eines Nachmittags las ich eine Informationstafel, die ins Atelier gratuit de conversation zur offenen Konversationsgruppe einlud, jeweils Freitag um 18 Uhr.

 

Es war Freitag Nachmittag, ich blieb bis zum Abend in der Bibliothek und schrieb mich eine viertel Stunde vor Beginn auf eine Liste: Bernard, Autriche. Kurze Zeit später befand ich mich im Atelier gratuit de conversation in einem Sesselkreis als eine von etwa 16 Personen. Staunend betrachtete ich die fremden Gesichter. Eine kurze Vortsellungsrunde begann. Jede/r der TeilnehmerInnen kam aus einem anderen Land, bis auf Australien waren alle Kontinente vertreten.

 

Zwei Jahre lang besuchte ich regelmäßig das Atelier, das zweite mit der Idee, einen Film zu machen und vorzubereiten. Alle ProtagonistInnen des Films haben eine sehr tiefgreifende und intensive Erfahrung gemacht. Sie haben erlebt, wie deprimierend Sprachlosigkeit sein kann und wie groß das Bedürfnis ist, zu kommunizieren. Im Atelier finden sie Verbündete, können sich austauschen und erleben starke Glücksmomente, intensive menschliche Begegnungen. Es macht mich glücklich, das friedliche Aneinanderprallen der verschiedenen Welten, das Nebeneinander der Gegensätze zu beobachten, und ich bin verzaubert von der Schönheit der unterschiedlichen Menschen. Mich faszinieren die kleinen Gesten, die vielschichtigen Gesichter, die Geschichten hinter den Gesichtern und wie die Menschen untereinander und miteinander agieren, wie sie zuhören und sprechen, wie sie verstanden und missverstanden werden, wie sie zusammenfinden – und wie sie lächeln. In diesem Gefühlsspektrum zwischen Einsamkeit, Sprachlosigkeit und dem Aufkeimen der Hoffnung sehe ich den emotionalen Kern des Films Atelier de Conversation. Erst nachdem ich das Atelier mehrmals besucht hatte, begriff ich, wie unterschiedlich die TeilnehmerInnen waren und welche hochaktuellen gesellschaftspolitischen Bezüge sie in den Raum hineinbringen. Hier sind Studenten, Ärzte und Rechtsanwälte, Menschen, die nur für einen bestimmten Zeitraum gekommen sind und nicht um ihre Existenz bangen müssen. Der Alltag anderer ist von einem brutalen und anstrengenden Überlebenskampf geprägt. Ins Atelier kommen Menschen, die auf der Straße leben, die keine Dokumente besitzen, abhängig sind von Asylbeamten, Hilfsorganisationen und von Arbeitgebern, die sie häufig ausbeuten. Gestrandete, die aufgrund religiöser oder politischer Konflikte nicht zurück können, aber auch nicht hier sein dürfen. Für sie hat das Atelier eine Bedeutung, die ich selbst nicht kannte. Hier sind sie willkommen, hier werden alle gleich, wie Menschen, behandelt. Das Atelier ist ein Ort der Hoffnung, ein menschlicher Exkurs, eine Parenthese, eine Unterbrechung des täglichen Überlebenskampfes. Es ist ein toleranter und hierarchiefreier Treffpunkt und Schmelztiegel der vielen Lebensrealitäten einer Großstadt."

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 04. Februar 2019
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