Helmut Newton 1987 in Monte Carlo © ZDF/Alice Springs, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Gero von Boehm: "Menschen wie er sind selten geworden"

Interview mit dem Filmemacher zu seinem Dokumentarfilm "Helmut Newton - The Bad and The Beautiful"

Am Tag des 100. Geburtstags von Helmut Newton, Samstag, 31. Oktober, 20.15 Uhr, zeigt 3sat Gero von Boehms Dokumentarfilm "Helmut Newton. The Bad and the Beautiful" in Erstausstrahlung. 

Dokumentarfilm
Interview

Herr von Boehm, erinnern Sie sich noch an das erste Foto, das Sie von Helmut Newton gesehen haben? Und welche Wirkung es auf Sie hatte?

Ich glaube, es war das berühmte Foto von David Lynch und Isabella Rossellini aus dem Jahr 1988. Isabella mit geschlossenen Augen, David hält ihren Kopf wie den einer Marionette. Das Bild ist ein bisschen unheimlich und hat etwas von einer Filmszene. Man fragt sich: Was ist da gerade geschehen oder was wird geschehen. Newton war ja ein großer Geschichten-Erzähler, auch sehr vom Kino beeinflusst. Und ich war fasziniert von dieser Szene.

 

Wann kam Ihnen die Idee, einen Dokumentarfilm über Helmut Newton zu machen?

Eigentlich beruht das alles auf einem Zufall. Getroffen haben wir uns zum ersten Mal bei gemeinsamen Freunden in Paris, das muss etwa 1997 gewesen sein. Wir verstanden uns damals auf Anhieb und entdeckten, dass wir einen sehr ähnlichen Humor hatten, den gleichen Sinn für skurrile Situationen. Dann haben wir uns wieder verabredet, in Paris und Monte Carlo gesehen, und vor allem auch in Berlin, das er so liebte und das er als Jude 1938 unter dramatischen Umständen verlassen musste. Irgendwann war es dann so weit: 2001 habe ich einen ersten Film über ihn gemacht, für das Fernsehen. Aber ich dachte immer: Eigentlich gehören Helmuts Bilder auf die große Leinwand. So kam es dann zu dem Kinofilm, den wir mit 3sat produziert haben.

 

Wie lange haben Sie an dem Film von der Idee bis zum fertigen Film gearbeitet?

Das waren etwa zwei Jahre. Ich hatte noch viel Material von der ersten Produktion und habe mich dann in vielen Archiven auf die Suche nach ergänzenden Bildern gemacht. Und ich hatte das Glück, eng mit der Helmut Newton Foundation in Berlin zusammen zu arbeiten. Sie hat uns Zugang zu Newtons riesigem Archiv gewährt. Dort habe ich von Notizen über Kontaktabzüge bis zu eher unbekannten Fotos wahre Schätze gefunden.

 

Haben Sie durch die Dreharbeiten und die Interviews mit Persönlichkeiten wie Anna Wintour, Isabella Rossellini, Charlotte Rampling und Claudia Schiffer neue Seiten an ihm entdeckt?

Ich habe gelernt, dass die Frauen sich durch die Arbeit mit Newton gestärkt fühlten. Sie haben sich nicht als Objekte gesehen. Dass die Damen alle noch ein bisschen verliebt waren in Helmut, nach so langer Zeit, war auch eine interessante Erkenntnis.

 

Warum haben Sie nur Frauen im Film interviewt?

Frauen waren Helmuts Lebensthema und sein großes Thema als Fotograf. Er kannte die Frauen wie kaum ein anderer, und die Frauen kannten ihn. Deshalb fand ich, dass sie am besten über ihn reden könnten. Ich wollte auch nicht die üblichen Männeranekdoten und gelehrte Einschätzungen von männlichen Kuratoren, Galeristen und Experten. Überhaupt: Männer waren für Helmut ja auch auf seinen Fotos nur Accessoires.

 

Warum haben Sie gerade diese Auswahl getroffen?

Sie erklärt sich auch daraus, dass ich einige der Protagonistinnen seit längerer Zeit kenne – zum Beispiel Isabella Rossellini, Charlotte Rampling und Hanna Schygulla, deren Zusagen hatte ich schnell. Und dann kamen wunderbare Frauen wie Grace Jones, Nadja Auermann, Claudia Schiffer, Marianne Faithfull und Anna Wintour dazu. Zum Schluss ging die Rechnung auf: Sie haben alle mit ungeheurer Offenheit von ihren Begegnungen mit Helmut erzählt. Grace Jones zum Beispiel erinnert sich daran, wie er sie mehrmals einbestellte und immer wieder vergaß, dass sie so kleine Brüste hat und damit keine typische Newton-Frau ist. Jedes Mal schickte er sie nach Hause. Aber schließlich haben sie dann doch berühmte Fotos zusammen gemacht. Die große Anna Wintour, die als junge Moderedakteurin bei der britischen VOGUE ein Shooting in Kalifornien mit Helmut machen sollte, meldete sich einen Tag davor krank, weil sie einfach zu viel Ehrfurcht vor diesem Giganten Newton hatte. Und Charlotte Rampling erzählt, wie sie ihre allerersten Nacktfotos mit Helmut machte, auf dem Schreibtisch in einem Hotelzimmer in Arles. Es waren auch seine ersten Nacktfotos. Nadja Auermann dagegen wollte sich nicht nackt fotografieren lassen, das hat er ihr übelgenommen.

 

Sie haben Helmut Newton persönlich gekannt. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Er hatte einen wunderbaren Humor und eine herrliche Verspieltheit. Und er verkörperte eine bestimmte großbürgerliche Tradition, die noch aus der Weimarer Zeit stammte, gepaart mit Avantgarde und manchmal sogar Anarchie. Er hatte Eleganz, er hatte Stil und gleichzeitig war er frech, nahm keine Rücksicht auf political correctness und war im Kopf total jung geblieben. Ich denke oft an ihn, gerade in unserer immer uniformer, uneleganter und prüder werdenden Welt. Menschen wie er sind selten geworden.

 

In welcher Form hat Helmut Newton mit seiner Kunst die nachfolgende Generation beeinflusst?

Ich glaube, er hat ihnen einfach Mut gegeben, an Grenzen zu gehen und mit Fotos Geschichten zu erzählen.

 

Muss die Bewertung von Newtons künstlerischen Leistungen aus der Zeit der Entstehung heraus erfolgen, oder muss man in #metoo-Zeiten eine Neubewertung aus heutiger Sicht vornehmen?

Mit #metoo haben die Fotos nichts zu tun – vielleicht sogar im Gegenteil. Eigentlich sagen uns die Frauen in den Bildern: "Not me!", denn sie sind stark. Aber natürlich haben sich die Zeiten geändert: Kaum ein Magazin wie etwa VOGUE oder Harper’s Bazaar würde Newtons Fotos, jedenfalls die berühmten Nacktaufnahmen, heute noch drucken. Man muss sie in der Tat aus der Zeit heraus sehen. Die sexuelle Revolution hatte in den sechziger Jahren stattgefunden, der nackte Körper war kein Tabu mehr. Und das kam zusammen mit einer notwendigen Revolution in der Modefotografie. Bis dahin war alles recht lieblich und harmlos gewesen – und jetzt war plötzlich Provokation angesagt. Wer hätte das besser bedienen können als Helmut Newton? Seine Fotos haben also auch historischen Wert. Sie erzählen die Geschichte der Zeit, in der sie entstanden sind. Und sie halten nicht selten auch der Gesellschaft einen Spiegel vor. Es gibt natürlich immer mal wieder Stimmen, die sagen, man solle Helmut Newtons Blick auf den weiblichen Körper heute lieber nicht mehr zeigen. Aber wollen wir ein Geschmacksdiktat? Jeder kann von Helmut Newtons Bildern denken und darüber sagen, was er will. Aber sie sind nun mal da. Ich bin grundsätzlich dagegen, die Freiheit der Kunst auch nur im Mindesten einzuschränken und auch noch zu vergessen, dass es in der Kunstgeschichte von Anbeginn Nacktheit gegeben hat. Man müsste alle Antikensammlungen wegschließen, viele Cranachs, Caravaggios, Botticellis und Picassos abhängen.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 01. September 2020
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