Wladimir Kaminer im Inneren des Schlosses (c) ZDF/3sat und Nadja Kölling

Wladimir Kaminer: "Ich kannte Neuschwanstein eigentlich nur vom Puzzeln"

Der Schriftsteller im Interview über das Märchenschloss

Wladimir Kaminer im Interview über die Faszination des Bauwerks ("ziemlich russisches Projekt"), die Eigenheiten seines Erbauers ("Der König hat ein Telefon, aber er hatte keine Nummer") und warum das Schloss die Touristen in Scharen anzieht ("Man will immer seinen Traum auch besichtigen").

Verschriftlichung des Video-Interviews.

Dokumentation
Interview

Wie finden Sie als Russe Neuschwanstein?

Ich finde Neuschwanstein ziemlich russisch, als Projekt. Weil normalerweise man hier in Deutschland davon ausgeht, dass die Menschen rational handeln, vernünftig handeln, Geld verdienen wollen oder berühmt werden wollen. Und hier einfach so ein Schloss wie aus einem Märchen in die Berge reinzubauen, das ist irrational, das ist unvernünftig. Das ist nicht deutsch. Ich würde sagen, das ist russisch, ja.

War Ihnen Schloss Neuschwanstein ein Begriff, bevor Sie nach Deutschland gekommen sind?

Ich kannte Neuschwanstein eigentlich nur vom Puzzeln, ich glaube das war ein 800ter. Das haben meine Kinder früher einmal nicht zum Ende zusammengestellt, weil zwei oder drei Puzzlestücke von der Katze zerfressen worden waren. Nein, es waren sechs. Sechs Stücke hat sie zerfressen. Also war das Neuschwanstein als Bild, mit kleinen Löchern hier und da. Aber so: Das Schloss selbst habe ich nie gesehen. Ich kannte es mehr aus einem Zeichentrickfilm als aus dem Leben. Ich wusste, dass es das irgendwo geben soll, aber ich wusste nicht genau wo. Irgendwo bei München.

Ich habe mich vorbereitet auf diesen Dreh und hab geschaut, was eigentlich meine Landsleute darüber schreiben. Und das war schon interessant, weil die meisten Bewertungen waren so: "Deutschland lohnt sich nur zu besuchen, wenn man das Schloss sieht!". Oho, dachte ich, ich bin seit 30 Jahren hier und hab das Schloss noch nie gesehen. Es wird langsam Zeit.

Und – wie ist es jetzt, in Schloss Neuschwanstein zu sein?

Ich habe es mir bisschen bunter vorgestellt, das ist schon eine sehr … also: Der König hatte Geschmack. Dass das Schloss mit den Bergen so farblich abgestimmt ist und eigentlich in diese Landschaft passt. Man kann nicht sagen, dass es von Außerirdischen gebaut wurde und hierher geflogen wurde, es gehört schon hierher, es ist ein Stück Bayern. Das ist auch ein Stück der Mentalität. Ich erkenne das Schloss im Denken und Handeln der Einheimischen. Das ist schon eine Bereicherung der Naturlandschaft.

Was war für Sie die interessanteste und skurrilste Entdeckung in Schloss Neuschwanstein?

Ich war fasziniert, dass der König, der eigentlich so an den alten Sagen und Legenden klebte, auch eine Faszination für die Technik, für moderne technische Entwicklungen besaß: das Telefon, seine Sprechanlage, die Toilette mit der automatischen Klospülung, direkt angeschlossen an den Wasserfall. Das ist schon herausragend.

Der König hat ein Telefon, aber er hatte keine Nummer. Er konnte niemanden sagen, hier hast du meine Nummer, ich ruf dich mal an, weil es niemanden gab, der auch ein Telefon besaß und allein ein Telefon zu besitzen macht wenig Sinn, eigentlich. Also, er konnte nur die Poststelle anrufen unten im Tal, und das hat er wahrscheinlich dann auch gemacht, der einsame Mensch. Ich kann mir gut vorstellen, dass er da abends mal klingelte und fragte: "Na, wie geht's? Was macht so das Leben?" Und die Leute: "Ach, ja, geht schon."

Neuschwanstein lockt jedes Jahr Millionen Touristen an. Woran liegt Ihrer Meinung die Faszination? An seinem Erbauer, an der Geschichte und den Mythen, die sich etabliert haben, an dem Bauwerk selbst?

Ich glaube, dieses Schloss ist irgendwo im Bewusstsein der Menschheit fest angebunden, hat einen Platz gefunden in den vielen, vielen Gemütern, die niemals in Deutschland waren oder auch niemals dieses Schloss wirklich gesehen haben. Man will immer seinen Traum auch besichtigen. Das ist die Lust einen Traum zu erleben, was Menschen hierhertreibt.

Neuschwanstein ist einer der großen "Exportschlager" Deutschlands. Können Sie das nachvollziehen?

Also, meine Erfahrung: Es gibt natürlich viele Freunde des Königs, und es gibt auch Kenner der deutschen Geschichte. Aber die meisten, denke ich, fasziniert das Bauwerk. Weil man dieses Schloss nicht von allen Seiten sieht. Es ist verborgen, versteckt in den Bergen. Du fährst durch eine sehr wilde, raue Landschaft – und plötzlich entsteht ein Bild vor deinen Augen, das überhaupt nicht zu erwarten war.

Ich habe das mehrmals erlebt, als ich hier zu der Tankstelle oder einkaufen fuhr, dass ich plötzlich dieses Schloss sah – schon wieder von einer ganz anderen Seite. Und es erscheint immer anders … In jedem neuen Licht sieht dieses Schloss anders aus. Man muss dazu sagen, dass das Wetter in Bayern – und hier in den Bergen besonders – aktuell alle 30 Minuten sich ändert. Und je nachdem, ob es regnet oder die Sonne scheint, sieht das Schloss ganz anders aus.

Halten Sie Neuschwanstein für typisch deutsch?

Neuschwanstein ist für mich auf gar keinen Fall etwas typisch Deutsches. Ich glaube, das war ein sehr eigensinniges Projekt eines Mannes, der die Möglichkeit hatte, einen Traum zu verwirklichen. Seinen eigenen, sehr verschrobenen, sehr individuellen Traum hat er verwirklicht. Und er hat einen sehr hohen Preis dafür bezahlt. Im Grunde hat er für seinen Traum mit seinem Leben bezahlt.

 

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Marion Leibrecht
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Mainz, 14. Juni 2021
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