Die Brüder Michael, Christoph und René Boekel (von links nach rechts) sprechen über die Nachwirkungen des Krieges auf ihr Familienleben (c) ZDF/Axel Brandt

Christoph Boekel: "Ich wollte mehr über die Destruktionskraft des Krieges erfahren"

3sat zeigt "Der Sog des Krieges - Eine Familiengeschichte" am Montag, 9. Mai 2022, um 22.25 Uhr in Erstausstrahlung

Der Film geht aus von Tagebüchern und Briefen Deines Vaters aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Du hast 1989 bereits mit "Die Spur des Vaters" einen Film gedreht, der von Aufzeichnungen Deines Vaters aus der Kriegszeit ausging. Wieso kommst Du nach gut 30 Jahren auf dieses Material zurück und was haben die Filme gemein bzw. wie unterscheiden sie sich?

"Die Spur des Vaters" thematisierte den deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 mit seiner geplanten Versklavung und Ausrottung ganzer Völkerschaften, dem Wahn von Lebensraum im Osten. Den Tagebüchern meines Vaters folgend traf ich in der Ukraine und Russland auf Zeitzeugen, die mir Erschütterndes über das brutale Vorgehen der angeblich ehrenhaft kämpfenden deutschen Wehrmacht berichteten, ein 1989 immer noch verdrängtes und geleugnetes Thema. Mein Vater stellte sich im Film zu seiner Haltung als Soldat, wir traten in einen Dialog ein. Ein bedrückender Film, und ich dachte, damit sei der Krieg meines Vaters für mich abgearbeitet. Zu Beginn des Jahrtausends wandte sich die Forschung der Frage zu, wie sich Kriege auf kommende Generationen auswirken, ob sie Verhaltensmuster prägen und psychische Folgen haben, ob und wie Kriegstraumata in Familie und Gesellschaft weitergetragen werden. 2007 wagte ich mich erneut an die Aufzeichnungen meines Vaters, recherchierte, und so entstand der Plan zu einem weiteren Film. Klar war sofort: das sollte keine Fortsetzung werden, sondern eine Arbeit mit einem vollkommen anderen Ansatz. "Der Sog des Krieges" erzählt von den Folgen des von Deutschland begonnenen Krieges und den Nachwirkungen auf die nachkommende Generation. Wieder begebe ich mich an die Orte, an denen die Tagebücher entstanden: 1943–1945 in Belgien, Südfrankreich, Italien, Tunesien, Deutschland, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Ich wollte mehr über die seelische Destruktionskraft des Krieges erfahren, die unsere Familie zerstörte und Einfluss auf das Leben meiner beiden Brüder und mich hatte.

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Interview

Ein wichtiges Element in Deinem Film sind die Gespräche mit Deinen beiden Brüdern über eure Erinnerungen an die Auswirkungen des Kriegs auf das Familienleben und eure Entwicklung. Fiel es euch schwer, die gemeinsamen Erlebnisse zu thematisieren?

Wir haben 2017 zum ersten Mal gemeinsam zu diesem Thema konzentriert für den Film gesprochen, und das war für jeden von uns anstrengend und auch bedrückend. Erinnerungssplitter tauchten auf, Erlebnisse und Gefühle, die wir zuvor nur beiläufig erwähnt hatten. Als Folge des Krieges zerbrach das einst zärtliche Liebesverhältnis unserer Eltern, 1958 reichte unsere Mutter die Scheidung ein. "Da kam ein völlig anderer Mensch zurück als der, den ich 1939 geheiratet habe", hat sie später erzählt. Für uns Kinder war die Trennung ein Tabuthema. Ich habe lange nicht verstanden, was vorging, warum der Vater weg war, hatte als Kind Angstträume und war oft bedrückt, ohne zu wissen, warum. Mein sechs Jahre älterer Bruder Michael ist 1943 geboren, während des Krieges war er geliebte Projektionsfläche meines Vaters, nach der Trennung wurde er verstoßen. Mein Bruder René ist 1952 geboren. Er hat seinen Vater kaum kennengelernt. So sind auch unsere Erlebnisse und Erinnerungen verschieden geprägt. Nach dem Krieg sprach man über Gefallene oder Vermisste oft so: "Der ist im Krieg geblieben". Letztendlich ist unser Vater auch im Krieg geblieben. Mit seinen traumatischen Erlebnissen, daraus folgender Unfähigkeit zu Empathie, Verdrängung durch Arbeit; dazu kamen Amphetamine und Alkohol, Gewohnheiten und Süchte aus dem Krieg: darüber sind wir Geschwister uns einig.

 

Worin siehst Du das Alleinstellungsmerkmal Deines Ansatzes im Verhältnis zu anderen Filmen, die Erinnerungen von Familienangehörigen an den Krieg thematisieren?

Das sehe ich in der Reichhaltigkeit des Materials, das mir zur Verfügung stand und aus dem ich durch aufwändige Recherchen weitere Quellen erschließen konnte. So war es möglich, mehrere erzählerische Ebenen zu entwickeln und miteinander zu verknüpfen. Mithilfe der Tagebücher konnte ich Orte finden, an denen mein Vater sich aufgehalten hatte. Beispielsweise den Bunker im dalmatinischen Karst, in dem er den Sommer 1944 verbrachte, oder eine umkämpfte Fabrik in Bosnien-Herzegowina, wo er um ein Haar sein Leben gelassen hätte. Im Bundesarchiv/Militärarchiv stieß ich auf ergänzende Dokumente. Bei Recherchen vor Ort konnte ich betagte Zeitzeugen finden. Im Nachlass meines Vaters fand ich Filmaufnahmen, die er in Tunesien machte, 20 Jahre, nachdem er dort schwer verwundet wurde. Der Briefwechsel mit meiner Mutter zeigt die seelische Verfasstheit eines liebenden Paares, das durch den Krieg getrennt ist – und die Sorge um ein Kind. Dann die Gespräche unter Brüdern: Erinnerungen und Versuche, ein Stück Familiengeschichte zu verstehen. All das miteinander dramaturgisch in einem Guss erzählerisch verbunden, habe ich bisher in keinem Dokumentarfilm gesehen. Wobei ich sagen muss: die Dokumentarfilme, in denen sich FilmemacherInnen mit dem Krieg, ihren Eltern, eigenen Gefühlen und Familienangehörigen auseinandersetzen, lassen sich an höchstens zwei Händen abzählen.

 

Bist Du bei Deinen Recherchen auch auf etwaige, noch lebende Weggefährten Deines Vaters gestoßen? Und, wenn ja, warum sind sie nicht im Film vertreten?

Mein Vater war Jahrgang 1914; als er Ende 1942 als zuverlässiger und fronterfahrener Offizier zur neuaufgestellten Straf- und Bewährungsdivision 999 abkommandiert wurde, war er bereits 28 Jahr alt. Zwei Drittel der Mannschaften dieser Division waren Kriminelle, ein Drittel Antifaschisten, die in Lagern und Zuchthäusern eingesperrt gewesen waren; das Durchschnittsalter lag bei über 40 Jahren. Als ich mit den Recherchen für den Film begann, konnte ich kein noch lebendes Mitglied der 999er mehr finden. Mein Vater ist 1999 mit 84 Jahren gestorben.

 

Wie lange hat die Produktion des Films insgesamt gedauert und was waren die besonderen Herausforderungen dabei?

2007 habe ich mit Recherchen begonnen, Exposés verfasst und dann entsprechende Redaktionen bei öffentlich-rechtlichen Sendern angesprochen und beliefert. Es kamen die üblichen Reaktionen aus dem vorgefertigten Computerablehnungsrepertoire: kein Geld, keine Sendeplätze, alles schon auf Jahre ausgebucht, schwierige interne Verteilungskämpfe; originellster Ablehnungsgrund: "Wir sind kriegsmüde". 2011 bekam ich ein Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung und konnte so in Kroatien und Bosnien-Herzegowina recherchieren. Ich fand noch hochbetagte Zeitzeugen, konnte sichtbare Spuren meines Vaters finden, und es war klar: jetzt oder nie. Kurz darauf drehte ich mit einem befreundeten Kameramann auf eigenes Risiko. Es hat dann nochmal sechs Jahre gedauert, bis die Finanzierung des Films endlich stand, mit Hilfe des Mitproduzenten COIN FILM. Wir bekamen im zweiten Anlauf eine Förderung durch die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien, wonach sich glücklicherweise ZDF/3sat dem Projekt als Koproduzent anschloss. Die Finanzierung hat also insgesamt ein Jahrzehnt gedauert. Die Produktion hat mit weiteren Recherchen, Dreharbeiten und dem zeitintensiven Schnitt mit Nachbearbeitung zwei Jahre in Anspruch genommen. Natürlich ist es bei historischen Filmprojekten immer eine besondere Herausforderung, Zusammenhänge zu überprüfen, glaubwürdige Zeitzeugen zu finden und deren Vertrauen zu gewinnen. Schwierig war, die Materialfülle und die verschiedenen Ebenen im Schnitt bruchlos aneinander zu fügen. Das gehört zum Handwerk eines Dokumentarfilmers in Zusammenarbeit mit seinem Schnittmeister.

 

Die Fragen stellten Christoph Graetsch und Udo Bremer.

Hauptabteilung Kommunikation
Dokumentation und Reportage

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@zdf.de
Mainz, 29. März 2022
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