Bei Ferdinand von Schirach und Influencerin Xenia Adonts prallen zwei Welten aufeinandern. Das Gespräch der beiden dauerte sehr unterhaltsame und intensive zweieinhalb Stunden - und am Schluss stand die Erkenntnis, dass sich Literatur und Instagram gar nicht so fremd sind. 
(C) ZDF und Claudio Armbruster

Der Schriftsteller und die Influencerin

Auszug aus dem Gespräch von Ferdinand von Schirach und Xenia Adonts aus der Dokumentation „Ferdinand von Schirach – Die Würde des Menschen“

Ferdinand von Schirach lehnt die Sozialen Medien ab. Weil dort die Würde des Menschen verloren geht und weil Hasskommentare, Wut und Empörung einen großen Teil des Traffics und damit auch des Erfolgs von Facebook und Twitter ausmachen. Instagram ist ihm völlig fremd. In der Dokumentation "Ferdinand von Schirach – Die Würde des Menschen" von Filmautor Claudio Armbruster, am Mittwoch, 4. September, 23.20 Uhr in Erstausstrahlung in 3sat, trifft er Xenia Adonts, mit 1,3 Millionen Followern eine der einflussreichsten deutschen Influencerinnen. Hier prallen zwei Welten aufeinander.

Interview

Claudio Armbruster: Herr von Schirach, warum nutzen Sie die Sozialen Medien nicht?

Ferdinand von Schirach: Mich interessiert das nicht. Ich wüsste nicht, was ich damit machen soll. Die Idee von Facebook finde ich vollkommen grauenhaft. Es hat sich zu einem Monster entwickelt und ich halte es auch, in allem Ernst, für eine Gefährdung der Demokratie, so wie es funktioniert. Wir wissen, wieviel Einfluss Facebook auf politische Entscheidungen haben kann. Und Instagram ist für mich vollkommen sinnlos, weil Fotos von mir nicht interessant sind. Ich kann mich ja nicht dauernd am Schreibtisch fotografieren. Twitter finde ich fast das interessanteste Medium, aber obwohl ich nicht so wahnsinnig ausführlich schreibe, sind mir 140 Zeichen einfach zu wenig, das funktioniert nicht so gut. Und: Ich habe wirklich anderes zu tun, ich will mich damit nicht beschäftigen. Mir reicht das vollkommen mit den E-Mails und SMS.

Claudio Armbruster: Bei Ihnen gibt es die heißen Phasen, wenn ein neues Buch rauskommt. Dann müssen Sie in die Medien, Fernsehen, Zeitung und sind voll in der Öffentlichkeit. Aber danach ist wieder Schluss und Sie können sich in Ihr stilles Kämmerlein zurückziehen und sind vielleicht ein Jahr weg. Sie, Frau Adonts, sind aber nie weg.

Ferdinand von Schirach: Ja, das finde ich auch so irre brutal, ich würde es kaum aushalten.

Claudio Armbruster: Ein Tag ohne Post geht eigentlich nicht, oder?

Xenia Adonts: Ich mache auch keine Pause. Selbst wenn ich in die Sonne fliege, bin ich zwar an diesen ganzen schönen Orten, aber das ist immer Arbeit: Ich bin immer an meinem Laptop, ich checke immer meine E-Mails, ich mache immer Fotos, ich kreiere Content und mache mir Gedanken darüber, was als Nächstes kommt. Ich schalte nie ab.

Ferdinand von Schirach: Wenn ich das sagen darf: Das klingt ein bisschen traurig.

Xenia Adonts: Ja, absolut. Letztes Jahr habe ich nicht einmal Urlaub gemacht, das will ich ändern.

Ferdinand von Schirach: Also ich finde: Ferien zu machen, ist nicht so wichtig. Es ist auch ein bisschen langweilig, weil man doch wieder nur mit sich selbst zusammen ist. Es gibt ja keine Ferien vom "Ich". Aber tatsächlich ist es ein bisschen viel, was Sie machen. Man muss ein bisschen aufpassen …

Xenia Adonts: Absolut. Ich habe ja auch gemerkt: Ist es mir das überhaupt alles wert? Dass ich auf Schlaf, auf Lebensfreude verzichte. Und obwohl ich ja davon lebe und das auch sehr gut finde – sonst würde ich es ja nicht machen –, finde ich tatsächlich, dass das Internet mit einer Leere kommt, wenn man sich zu viel damit beschäftigt: Ich fühle mich leer.

Ferdinand von Schirach: Das ist sehr klug, ja. Genauso ist es.

Xenia Adonts: Und dann lese ich aber ein gutes Buch und fühle mich erfüllt.

Ferdinand von Schirach: Wenn man sich selbst so zur Marke macht – was ja ein großes Können ist und viel Nachdenken erfordert – und man so beschränkt ist auf dieses Instagram: Ist das nicht irre gefährlich? Was machen Sie, wenn das irgendwann mal abgeschaltet wird?

Xenia Adonts: Das ist lustig, dass Sie das fragen, weil es die meistgestellte Frage ist …

Ferdinand von Schirach: Ok, ich nehm‘s zurück.

Xenia Adonts: Nein, nein, also: Ich habe ja einen ganz anderen Hintergrund, ich habe BWL studiert mit dem Schwerpunkt auf Finanzen. Mein größter Traum war es, im Finanzbereich zu arbeiten, ich habe einen Abschluss, ich bin sehr gut vernetzt. Falls jetzt Instagram morgen abgeschaltet würde, wüsste ich schon, wie ich zurechtkomme.
Aber was mich interessiert: Schreiben Sie eigentlich für den Leser oder für sich selber?

Ferdinand von Schirach: Nur für den Leser.

Xenia Adonts: Ist das nicht auch eine Art, bestimmte Sachen zu verarbeiten?

Ferdinand von Schirach: Nein, das wäre ganz furchtbar! Das gibt es als Theorie, dass man das Buch als psychiatrische Couch benutzt. Aber ich finde das eine Unverschämtheit.

Xenia Adonts: Aber Sie schreiben ja schon über Themen, die Sie beschäftigen, wie zum Beispiel Ihren Großvater.

Ferdinand von Schirach: Es beschäftigt mich schon, aber es geht auch dort um den Leser. Es geht immer darum, dass Sie den anderen berühren wollen. Die Vorstellung, für sich selbst zu schreiben, finde ich gruselig. Stellen Sie sich mal vor, Sie machen nur Fotos für sich selbst. Das wäre doch furchtbar. Sie machen das doch immer, weil Sie gesehen werden möchten.

Xenia Adonts: Weil ich es gerne teile. Ich teile gerne.

Ferdinand von Schirach: Weil sie es teilen … Und beim Schreiben ist es nicht unähnlich. Ich möchte zumindest gelesen werden. Wenn keiner mehr meine Bücher liest, kann ich aufhören zu schreiben.

Xenia Adonts: Sie haben ja erst mit 45 angefangen zu schreiben. Das werden Sie auch oft gefragt: Warum so spät? Mich interessiert der Zeitpunkt, an dem Sie beschlossen haben, zu schreiben. Warum ausgerechnet an diesem Tag oder in der Woche? Warum nicht zwei Wochen früher oder zwei Wochen später? Was war denn der endgültige Impuls, der Ihnen gesagt hat: Jetzt fange ich an zu schreiben?

Ferdinand von Schirach: Also, das ist eine wahnsinnig langweilige Antwort, die ich Ihnen geben kann: Ich schlafe schlecht. Und irgendwann habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt und angefangen zu schreiben.

 

Ein bearbeiteter Auszug aus dem Gespräch von Ferdinand von Schirach und Xenia Adonts aus Claudio Armbrusters Dokumentation "Ferdinand von Schirach – Die Würde des Menschen".

ZDF
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3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 22. Juli 2019
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