Ai Weiwei in seinem Atelier in Berlin (c) dpa/Michael Kappeler

„Ich fühle mich auch privilegiert, den Status eines Feindes zu haben“

Statements von Ai Weiwei aus der Dokumentation „Alles ist Kunst, alles ist Politik – Ai Weiwei in Düsseldorf“

Auszüge aus der Podiums-Diskussion mit Ai Weiwei am 12. März 2019 in der Stadtbibliothek Malmö.

Sa 08. Jun
19:20 Uhr
Interview

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… über Zensur und eigene Bedeutung

Ich fühle mich auch privilegiert, den Status eines Feindes zu haben. Es eröffnet mir Möglichkeiten, gibt mir eine Art Plattform. Bis heute kann man meine Stimme in China nicht hören, mein Name kann nicht übers Internet verbreitet werden. Da steckt schon eine gewisse Ironie drin. Das ist nichts, was ich wollte, aber es ist so gekommen. Und dann denke ich, vielleicht bedeute ich ja etwas in solch einem mächtigen Staat wie diesem, wenn sie so viel Angst vor mir haben. Ich bin bereits 63 Jahre alt und das einzige, was ich tun kann, ist ein paar dumme Kunstwerke zu erschaffen und ein paar leere Gespräche zu führen. Aber sie denken wirklich, dass ich eine gefährliche Person bin.

 

… über Optimismus und Pessimismus

Das ist so, als würde man jemanden fragen: Wollen Sie eine glückliche Person oder eine traurige Person sein? Und natürlich haben wir zur selben Zeit viele Gründe, glücklich zu sein - und viele Gründe, traurig zu sein. Glück und Traurigkeit sind zwei Seiten der selben Medaille. Ich denke aber, dass wir Menschen gute Gründe haben, um glücklich zu sein, weil wir so einzigartig auf dieser Welt sind, unser Planet ist so einzigartig (…). Fast alles scheint für uns vorbereitet, wir haben Verstand und Logik, wir haben Bedürftige und einen Gott, wir haben Hollywood und Mobiltelefone. Das ist so viel mehr als das, was wir uns vorstellen können. Wir haben also gar keinen Grund, uns traurig zu fühlen, weil alles um uns herum so ein Wunder ist. Aber gleichzeitig verhält sich unsere Gesellschaft auch selbstmörderisch.

 

… über Social Media und Poesie

Twitter hat 140 Wörter. Das ist die beste Poesie. Das ist Lebenspoesie, Poesie, die jede Sekunde strömt. Man kann schockierende Sätze lesen, Geschriebenes aus Köpfen anderer, uns unbekannter Menschen. So ist auch Instagram, das über Bilder funktioniert. Man kann leicht ausdrücken, wer man ist, weil auch Bilder ausdrücken können, wer man ist. Man kann das natürlich nicht mit vorhandenen ästhetischen Maßstäben messen, das ist eine neue Ästhetik. Sie bildet das Leben selbst ab.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 16. April 2019
Sendetermin
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