Theaterregisseur Alexander Giesche © Daniel Mayer

"Jetzt ist es an uns ein anderes, ein besseres 'Klima' zu schaffen" - Alexander Giesche im Interview

Der Regisseur wurde beim diesjährigen Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis für seine Inszenierung "Der Mensch erscheint im Holozän" ausgezeichnet, die 3sat am Samstag, 14. November 2020, um 20.15 Uhr in Erstaustrahlung zeigt. Im Interview spricht Alexander Giesche über seine Arbeit, Chancen für das Theater in Corona-Zeiten und darüber, was die Übersetzung einer Theaterarbeit in ein anderes Medium für ihn bedeutet. 

Theater
Interview

Der Spielbetrieb an den Theatern ist nach wie vor stark eingeschränkt. Wie sieht Ihre Arbeit momentan aus? Wie gestaltet sich Ihr Arbeitsalltag?

Am Theater kann man eigentlich nie von Alltag sprechen, in dieser Situation sowieso nicht. Von klassischen Probenprozessen sind wir gewohnt, ständig zu schauen was geht, zu überprüfen was nicht geht, wie lösen wir das? Jetzt kommt ein neuer Faktor dazu.

Meine Form ist von den Schutzmaßnahmen interessanterweise gar nicht so stark beeinflusst. Wir mussten bei der Wiederaufnahme von "Der Mensch erscheint im Holozän" kaum Änderungen vornehmen um die Risiken für alle Beteiligten sowie die Zuschauer so gering zu halten wie möglich. Bei mir wurde sich noch nie geküsst, und auch selten geschrien.

Ich persönlich empfinde diesen Zustand, keinerlei zuverlässige Prognosen machen zu können, generell als extrem kräftezehrend.

Mein Team und ich kommen gerade aus einer zweiwöchigen völlig offenen Recherchephase. Wir haben uns gefragt: Was jetzt? Wie überhaupt noch weitermachen? Was als Nächstes? Welche Gewohnheiten wollen wir aktiv verlernen? Klar ist nur, dass Ende April eine neue Arbeit dabei entstehen soll. Das ist einerseits ein wahnsinniger Luxus so frei arbeiten zu dürfen, aber im Moment auch gar nicht so leicht.

Während des Lockdowns hatte ich im April T.S. Eliot's "The Waste Land" gelesen, dass er genau vor 100 Jahren am Genfer See in Anbetracht der Spanischen Grippe verfasst hat. Das erste Kapitel "The Burial of the Dead" beginnt mit: "April is the cruelest month…".

 

Denken Sie, dass die momentane Krise auch Chancen für die Theaterlandschaft bietet?

Ich betrachte die Pandemie nicht als Krise, sondern als das was sie ist: eine Umweltkatastrophe. Corona offenbart nur die Zusammenhänge unterschiedlicher globaler Krisen in der wir schon seit einiger Zeit stecken. Mit weltweiten Protestbewegungen wie #MeToo, #FridaysForFuture, #BlackLivesMatter, #RefugeesWelcome und #ClimateJustice stellt eine neue Generation gerade immer wieder die gleiche Systemfrage. In unterschiedlichen Kontexten wird deutlich, dass es einen radikalen Wandel der Art, wie wir zusammen in einer Umwelt leben, braucht. Wir alle - und natürlich auch das Theater - können davon langfristig nur profitieren. Wenn es uns gelingt, der Ort zu werden, an dem diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander verzahnt und neu verhandelt werden, dann kann Theater auch wieder ein Ort werden der Veränderung bringt, der neugierig macht, der eine Zukunft entwirft, die man kaum erwarten kann.

 

Mit der TV-Aufzeichnung von "Der Mensch erscheint im Holozän" am Schauspielhaus Zürich, wird Ihre Inszenierung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Was bedeutet die Übersetzung einer Theaterarbeit in ein anderes Medium für Sie?

Ein solches Experimente finde ich super spannend. Die Art und Weise, wie ich Theater denke, spielt oft mit den Sehgewohnheiten meines Publikums. Ich spreche meist davon, dass ich meine Zuschauerinnen und Zuschauer in Zustände versetze: Da weht ihnen Wind entgegen, langsam kriecht Kälte von der Hinterbühne in die Stuhlreihen, plötzlich sitzt man im Zuschauerraum im Nebel. Das Drama entsteht eigentlich im immersiven Erleben, im Spiel mit den Theatermitteln. Ich habe mich im Prozess zu Holozän immer wieder gefragt: "Wie lange schauen wir hier noch zu?"

Die Konventionen im Fernsehen sind da völlig andere und das Erlebnis zu Hause wird ein völlig anderes sein. Es wird zu einem ganz anderen Schauen. Kollektive Euphorie weicht einem Gemeinsam-Einsam vor dem Fernsehen. Thematisch gar nicht so unpassend. Eine Übersetzung in ein anderes Medium birgt natürlich immer die Gefahr, dass etwas anderes dabei rauskommt, aber ich freue mich über diesen Versuch und über die Möglichkeit, Menschen erreichen zu können, denen der Besuch im Theatersaal momentan nicht möglich ist oder die es sich nicht leisten können nach Zürich zu reisen. Und wie toll, dass diese Arbeit auf diese Weise konserviert wird.

 

"Der Mensch erscheint im Holozän" wird von vielen als Inszenierung über den Klimawandel gelesen, war das Ihre ursprüngliche Intention? Warum ist dieses Thema auf den Bühnen bisher noch so unterrepräsentiert?

Ursprünglich wollte ich einen Abend über digitale Demenz kreieren. Eine Generation, die nie gelernt hat sich mit Smartphone zu orientieren, sollte auf eine Generation treffen, die es nie lernen wird, sich ohne ein solches zu bewegen. Die Frage nach dem Status von Wissen und Nicht-Wissen; die Erosion des Berges korrespondiert mit der Erosion des Gedächtnisses des Herrn Geiser.

Ich versuche alle meine Arbeiten als künstlerische Recherchen zu verstehen und finde den Zugang meistens in der Zusammenarbeit mit meinem Team während der Proben. Bei Holozän mussten wir nicht lange suchen: Max Frischs erste Fassungen der Novelle hießen "Klima" und dann "Regen". Der Klimawandel und der Mensch im Anthropozän beschäftigen mich seit meiner Arbeit "WHITE OUT" aus 2017 und blieb omnipräsent.

Das Tolle bei Frisch ist, dass es überhaupt nicht moralisch daherkommt. Was gar nicht so leicht ist, bei einer Thematik, bei der wir alle gerne in den Verdrängungsmodus umschalten oder in Schockstarre verfallen in Anbetracht der Konsequenzen, die wir aus dem Wissen darüber ziehen müss(t)en. Das ist eine langwierigere Entwicklung, die gerade erst anfängt.

 

Einladung zum Berliner Theatertreffen, 3sat-Preis und jetzt der Nestroy-Preis als beste deutschsprachige Aufführung. Wie erklären Sie sich, dass Ihre Inszenierung so starken Widerhall, bei Publikum, Kritik und Preisjurys findet.

Das können andere doch viel besser erklären als ich. Aber ich vermute, viele Menschen spüren gerade, so wie ich, dass es so nicht endlos weitergehen kann.

Mein Team und ich freuen uns wahnsinnig über diese Anerkennung. Allerdings
sind das auch seltsame Zeiten für Preise. Es fühlt sich alles irgendwie seltsam virtuell an.

Der Abend scheint kurz vorm Lockdown einen Nerv getroffen zu haben. Für uns war die Arbeit daran auch eine Art kollektive Trauerarbeit, ein Abschied von einer vergehenden Welt. Ein Aufbruch, ein Mut machen, Veränderung als die einzige Konstante anzunehmen.

Vielleicht ist uns da einfach was gelungen. Max und Karin führen uns so zärtlich, fast tröstend an der Hand durch die Tessiner Dunkelheit, dass wir es kaum merken, wie wir verschwinden. Vielleicht haben wir mit dem "visual poem" da eine Form gefunden, die auf einen visionären Text trifft, der zum Akzeptieren einlädt. Klimawandel, Demenz, Einsamkeit und Fürsorge, aber auch der aktuelle Generationenkonflikt sind Themen, denen sich gerade niemand entziehen kann. Das berührt Menschen aller Altersschichten.

Jetzt ist es an uns: Alle Reden übers "Wetter". Aber (noch fast) keiner tut was dagegen. Wir haben die Welt zu effizient gemacht. Jetzt ist es an uns ein anderes, ein besseres "Klima" zu schaffen.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Jessica Zobel
zobel.jwhatever@3sat.de
Mainz, 20. Oktober 2020
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