"Theater bedeutet mir eigentlich alles" – Claudia Bauer im Interview

Regisseurin Claudia Bauer erhält beim 59. Berliner Theatertreffen den 3sat-Preis für ihre Inszenierung "humanistää! - eine abschaffung der sparten" am Volkstheater Wien - und ist bereits zum vierten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Im Interview spricht sie über ihr Stück, was Theater ihr bedeutet und was es in Zeiten des Krieges leisten kann

 

Sie sind eine der renommiertesten Regisseurinnen im deutschsprachigen Raum. Für werktreue Klassiker-Inszenierungen sind Sie nicht bekannt. Wie würden Sie Ihr Theater beschreiben?
Das ist nicht einfach zu beantworten. Aber tatsächlich interessiert mich in meiner Arbeit all das, was nur im Theater möglich ist, obwohl auf den ersten Blick zum Beispiel irgendwie seltsame Romane, Fließtexte, Gedichte oder wahnsinnig schlimme postpostmoderne Machwerke von jungen oder älteren Autorinnen komplett untauglich sind für das Theater. Das ist für mich aber die Herausforderung. Stücke, von denen ich weiß, dass sie genau so gemacht werden sollen und nicht anders, das interessiert mich nicht. Ich will etwas fürs Theater urbar machen, das da eigentlich erstmal nicht hinwill oder hingehört oder hindrängt.

Und welche Themen interessieren Sie?
Es sind Themen, die sich um das Phänomen Deutschland drehen. Wo kommen wir alle her, wo wohnen wir? Was haben wir für eine Geschichte? Ich wurde in Bayern sozialisiert und bin irgendwann in Ostdeutschland gelandet. Dort habe ich Schauspiel und Regie studiert, und durch diesen Wechsel – da war ich ja gerade Anfang zwanzig – in ein damals noch sehr anderes Deutschland wurde dieses Interesse bei mir geweckt.

Also geht es Ihnen um Politik und um Sprache?
Politik und Sprache hört sich gut an, aber eigentlich fasziniert mich vor allem, wie die Sprache aus dem Körper kommt. Also tatsächlich das Körper-Sprach-Verhältnis. Sprache allein würde mich nicht interessieren, sonst kann ich auch einfach lesen. Es geht mir darum, wie die Schauspieler die Sprache gebären. Dazu gehört herauszufinden, aus welcher Not die Sprache kommt. Also aus welcher Not beginnt ein menschliches Wesen, so zu sprechen, wie es im Text steht. Dann geht es darum, das zu beleben und den Ursprung der Sprache zu finden, die erstmal nur auf irgendeinem Blatt Papier steht.

Worum geht es in "humanistää!"?
Es ist wahnsinnig schwer, in Bezug auf das eigene Kunstwerk zu sagen, worum es da eigentlich geht. Weil das Verhältnis, das man zu seinem eigenen Kunstwerk hat, nonverbal ist, denn man müsste es ja gar nicht machen, wenn man es erklären könnte. Aber irgendwie geht es um alles in "humanistää!" – um private Konflikte, um politische, um Hitler, Terrorismus und Krieg.

"humanistää!" ist voller Wiederholungen. Was hat es damit auf sich?
Das stimmt eigentlich nicht so. Vielleicht entsteht der Eindruck, weil Ernst Jandl natürlich wahnsinnig gerne Dinge wiederholt und das serielle Prinzip bei "humanistää!" eine große Rolle spielt. Ich liebe das sehr, aber ich würde das nicht Wiederholung nennen, sondern ich würde es Rhythmus nennen. Und Ernst Jandl ist ja ein absoluter Rhythmus-Papst, den ich einfach ernst genommen habe. Denn ich liebe es, wenn Sprache zur Musik wird, wenn Sprache mehr ist als nur Information, wenn sie selbst zur Kunst wird. Das finde ich bei Ernst Jandl halt großartig, dass Sprache für ihn etwas Plastisches, Formbares ist, also fast ein Element, mit dem er umgehen kann wie ein Bildhauer mit Stein oder Ton.

Der Untertitel von "humanistää!" heißt "eine Abschaffung der sparten". Sie machen gerne Musik, Tanz, Choreografie und Text in einem. Wären Sie dafür, die Sparten abzuschaffen?
Also das ist mein größter Traum, und ich schaffe es fast in jeder Inszenierung.

Was kann denn Theater in Zeiten, in denen Krieg herrscht und wir uns auf atomare Rüstung einstellen müssen, für eine Bedeutung haben?
Theater kann im besten Fall unser Bewusstsein erweitern, uns zum Denken bringen und uns vielleicht eine neue Perspektive auf ein bestimmtes Thema eröffnen – und das möglichst sinnlich und lustvoll. Theater ist immer ein hoffentlich ganzheitlicher Denkanstoß, der alle Sinne gleichzeitig trifft. Aber Theater wird nicht die Welt retten. Es kann nur dazu beitragen. Oder es kann in einem Menschen etwas auslösen, der dann vielleicht die Welt rettet. Aber ich finde es immer ganz schwer, wenn man auf Theater diese Last legt.

Ihr aktuelles Stück "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" ist eigentlich ein Filmklassiker, in dem Luis Buñuel eine Gesellschaftsschicht in den Mittelpunkt stellt, die hauptsächlich um ihre Bedürfnisse kreist. Geht es in Ihrer Inszenierung um unsere heutige Kultur der Selbstdarstellung?
Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder von uns die Möglichkeit hat, sich extrem stark mit sich selbst und seiner Außendarstellung zu beschäftigen. Doch gerade herrscht in Europa Krieg, und all das spielt plötzlich keine Rolle mehr. Wir leben zwar immer noch in einer Wohlstandsgesellschaft, sind aber mit dem Hässlichen des Kriegs und dem Tod konfrontiert. Der Krieg steht vor unserer Haustür, sogar wir werden bedroht. Wir sehen Menschen, denen nichts anderes als eine Plastiktüte und eine Wollmütze auf dem Kopf bleibt. Wir erkennen, in welchem Wohlstand und Luxus wir alle leben. Und ich finde, da sollte man auch mal aufhören, sich mit sinnlosem Kram zu beschäftigen. Natürlich ist es interessant, der Gesellschaft zu zeigen – eben wie beim "Diskreten Charme der Bourgeoisie" und auch bei "Tartuffe" –, wie viel sinnloser Kram in unseren Köpfen und Seelen und Leben herumspringt. Gleichzeitig macht das aber auch totalen Spaß, weil es eben Luxus ist.

Das Weibliche und das Männliche wird in Ihren Stücken weitgehend aufgehoben. Wie besetzen Sie die Rollen?
Es ist eben toll am Theater, dass man darauf nicht achten muss. Mein Theater ist ja sozusagen ein Kunstraum, in dem ich entscheiden kann, dass Richard III. eine Frau ist oder dass ich bei Brecht den Bösewicht weiblich besetze. Diese Freiheit zu haben, finde ich sehr spannend. Ich gehe immer von der Schauspielerpersönlichkeit aus und schaue, ob eine Schauspielerin oder ein Schauspieler einen Text besonders gut wegtragen oder bearbeiten kann. Und dabei ist es mir dann egal, ob das ein Mann oder eine Frau ist. So war ich aber immer schon, denn ich bin in einem matriarchalischen Haushalt groß geworden. Diesen Einfluss habe ich schon in der Schauspielschule gespürt, denn da wurde ich gefeuert, weil ich zu wenig weibliche Impulse hatte. Nach denen habe ich immer verzweifelt gesucht, sie aber nie gefunden. Später wurde mir dann klar, dass es wohl keine weibliche oder männliche, sondern vor allem menschliche Impulse gibt.

Wünschen Sie sich Veränderungen am Theater?
Wenn ich mir Veränderungen wünsche, dann sind das natürlich mehr Zeit, mehr Geld, glücklichere Schauspieler und Schauspielerinnen. Aber das sind alles strukturelle Sachen. Und für meine Kunst bin ich sowieso selbst verantwortlich. Aber ich bin ja eine absolute Nomadin, was die Bühnen des deutschsprachigen Raums angeht. Ich finde schon, dass es sich extrem lohnt, innerhalb der Theaterstrukturen transparentere Entscheidungsfindungen oder transparentere Prozesse zu entwickeln.

Was bedeutet Ihnen Theater?
Das muss ich sagen, es bedeutet mir eigentlich alles, weil es tatsächlich das Erste war in meinem Leben, was mir wirklich Spaß gemacht hat. Und ich bin eine gesegnete Person, dass ich das zu meinem Beruf machen konnte. Aber erstmal wollte ich natürlich Schauspielerin werden. Auf Regie bin ich erst später gekommen.

Ist denn das Theater auch eine Kunstform für das Fernsehen?
Theater gut aufzuzeichnen, so dass man ahnt, was es als Live-Erlebnis sein könnte, ist, glaube ich, sehr schwer. Man muss auch damit leben, dass ein aufgezeichnetes Theaterstück ja dann wieder eine Kunstform für sich ist. Ich finde es manchmal befremdlich, meine eigenen Inszenierungen aufgezeichnet fürs Fernsehen zu sehen, weil natürlich auch der Fernsehregisseur einen komplett anderen Blick auf die Sache hat. Das ist sein eigenes Kunstwerk. Das ist dann halt ein Kunstwerk aus dem Kunstwerk abgeleitet.

Interview

Fotos der in 3sat gezeigten Inszenierungen vom 59. Berliner Theatertreffen sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: +49 6131 – 70-16100, und über https://presseportal.zdf.de/presse/starkestuecke

Pressefotos von allen Stücken der 10er-Auswahl stehen im Pressebereich Theatertreffen auf der Webseite der Berliner Festspiele zum Download bereit.

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Stefanie Wald
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Mainz, 05. April 2022