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Was ist Arthouse? Einblicke in ein außergewöhnliches Genre

Ein bisschen anders als andere Filme: Arthouse-Kino ist überraschend vielfältig – und lässt sich in keine Schublade stecken

Arthouse-Filme haben vor allem eines gemeinsam: Sie lassen sich nicht in eine Schublade stecken. Sie können Horrorvision oder Actionthriller sein, US-Independent-Movie oder deutscher Autorenfilm. Wie vielfältig das Arthouse-Kino ist, zeigt 3sat begleitend zur Berlinale in einer 14-teiligen Filmreihe. Filmkritikerin Carolin Weidner erklärt, was genau es mit diesem Genre auf sich hat.

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Was ist Arthouse? Die meisten Menschen besitzen ein intuitives Gespür dafür, welche Art von Film in diese Kategorie fällt und welche nicht. Der neueste Marvel-Blockbuster ist kein Arthouse und auch nicht der aktuelle Schweighöfer. Was in den Multiplex-Kinos zu sehen ist, in den großen Sälen mit 3D-Projektionen, ist nicht Arthouse. Aber das bedeutet wiederum nicht, dass 3D und Arthouse sich automatisch ausschließen: Man denke nur einmal an Wim Wenders' "Every Thing Will Be Fine" (2015) mit James Franco und Charlotte Gainsbourg, in dem der Schnee zum Greifen nah in den Kinosaal rieselte. Auch Franco und Gainsbourg sind das, was man als klassische Arthouse-Schauspieler bezeichnen könnte. Und mehr noch: Franco selbst gilt sogar als Arthouse- Regisseur und Gainsbourg als Indie-Musikerin, also quasi das Arthouse-Pendant aus der Musikwelt. Es ist kompliziert.

 

Vielleicht muss man draußen in der Warenwelt schauen, um zu verstehen, was Arthouse ausmacht. Hin und wieder durchstöbern Menschen noch die Filmabteilungen in den Kaufhäusern. Wenn sie nach etwas suchen, das arthousig ist, haben sie es leicht: Seit 1994 existiert der Arthaus Filmvertrieb, der stets mit dem Slogan "Besondere Filme" auftritt und im Gründungsjahr einen ersten Schwung Filme auf den Markt brachte, darunter: "Das Hochzeitsbankett" (1993) von Ang Lee, Zhang Yimous "Rote Laterne" (1991) und "Orlando" (1992) von Sally Potter. Einen queeren taiwane sisch-US-amerikanischen Berlinale-Gewinner also, einen chinesischen Historienfilm, prämiert in Venedig, und eine euro päische Koproduktion, die sich Virginia Woolfs gleichnamigen Roman von 1928 vorknöpft.

 

Nach Auffassung von Arthaus ist Arthouse ambitioniert, anspruchsvoll, ist Label und nicht Genre. Wenn man so einen Film verschenkt, hat man Geschmack bewiesen, gezeigt, dass man das Kino auch als Kunst ernst nimmt und nicht nur als Unterhaltung begreift. Die US-Filmkritikerin Pauline Kael (1919–2001) formulierte in ihrem Text "Fantasies of the Art-House Audience" (erschienen in "I Lost It at the Movies. Film Writings 1954–1965") ungleich schärfer: "Doch wenn sie natürlich wirklich Kino als Kunst genießen wollen, dann gehen sie in ausländische Filme oder 'erwachsene' oder ungewöhnliche oder experimentelle amerikanische Filme. Ich möchte unterstellen, dass das gebildete Publikum 'Kunst'-Filme auf ähnlich schwelgerische Weise nutzt wie das Massenpublikum das Hollywood-'Produkt' – als Erfüllung seiner Wünsche in Form einer billigen und bequemen Beglückwünschung zu seinen Befindlichkeiten und seinem Freisinn."

 

Trotz aller Härte lässt Kaels Kommentar durchblicken, dass man es beim Arthouse mit einer Gattung Film zu tun hat, die sich auf andere Art als der Mainstream mit der Gegenwart auseinandersetzt. Ein Beispiel dafür ist "The Lobster" (2015) des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos, der sehr subtil und kühl den grassierenden Zwang zur unbedingten Verpaarung in eine beinahe mathematische Anordnung übersetzt. In ihm wird der partnerlose Erwachsene in ein rigoroses System eingespeist, das ihn auffordert, innerhalb einer bestimmten Zeit zu einer neuen "Liebe" zu finden. Sollte dies nicht gelingen, droht eine Zukunft als Tier. Lanthimos’ klare, deswegen aber nicht minder mehrdeutige Bildsprache – blutleere Lippen, die das Fehlen von Leben und Leidenschaft in dieser Welt symbolisieren – ist lesbar, aber man muss sich für sie öffnen, ihr einen gewissen Raum zugestehen, in dem sie wirken, anstoßen und vielleicht auch provozieren kann.

 

Es ist leicht, sich diesem Kino zu verweigern. Weil es Anstrengung kostet und man eine derart bittere Parabel auf unsere heutigen, von Algorithmen definierten Dating-Rituale nicht sehen möchte. Es diffamiert den Heilsbringer, an den sich Millionen klammern. Wie vielfältig die Schattierungen eines Begriffs wie Arthouse sind, zeigt indes die gleichnamige 3sat-Filmreihe: Arthouse wird hier als Horrorvision ("Ich seh ich seh") verstanden, als Actionthriller ("Victoria") oder Rape-and-Revenge ("Elle"), als Euro-Intellektualismus ("The Lobster") und französische Romantik ("Mit Siebzehn"), US-Independent- Movie ("Maggies Plan", "Lucky") und deutsches Autorenkino ("Hedi Schneider steckt fest", "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern", "24 Wochen", "Wild"). Und sogar ein Animationsfilm ("Mein Leben als Zucchini") hat sich hineingemischt.

 

Apropos hineinmischen: "The Lobster" ist nicht der einzige Film des Programms, der eine spezielle Sicht auf moderne Gefühlspolitik vermittelt. Auch in Rebecca Millers "Maggies Plan" (2015) geht es um Liebesangelegenheiten, vor allem aber darum, wie man sich aus ihnen lösen kann. Die Frau in diesem Film, Maggie, gespielt von Greta Gerwig, begegnet ihrem aufkommenden Kinderwunsch nämlich nicht mit aseptischen Vorstellungen von Familie, sondern mit etwas, das sich paradoxerweise als pragmatische Romantik beschreiben ließe: Maggie will mittels einer Samenspende Mutter werden. Dummerweise kommt ihr dann doch die Liebe dazwischen, aber eine gewisse Flexibilität behält sich Maggie den ganzen Film hindurch bei, indem sie dank smarter, mitunter ulkiger Manöver stets die Kontrolle über das Geschehen behält. "Maggies Plan" erzählt auch von der Solidarisierung unter Frauen, die nötig ist, um bestimmte Ziele zu erreichen – etwa, um einen Mann loszuwerden.

 

Millers Komödie wird gern als Offbeat beschrieben, eine Bezeichnung, die auch an seiner Hauptdarstellerin Greta Gerwig haftet und zu einem eigenen Markenzeichen geworden ist. Offbeat im Sinne von "etwas neben der Spur" oder "unkonventionell". Gerwig, die seit 2017 eigene Filme inszeniert ("Lady Bird") und in den Arbeiten ihres Ehemanns Noah Baumbach die scheinbar vertraute, aber doch merkwürdige Amerikanerin gibt ("Frances Ha" von 2012 , "Mistress America" von 2015), tritt häufig abwegig und schräg auf und bietet sich dennoch als Projektionsfläche an: Sie ist Außenseiterin, aber diese Außenseiterin kann man auch in sich selbst finden. Arthouse-Kino ist das bevorzugte Biotop dieser Individualisten. Ihnen zu begegnen, bedeutet immer auch, ein Stück weit auf Tuchfühlung mit dem eigenen Offbeat zu gehen.

 

Wie das Wort Arthouse verrät, liegen die Wurzeln im englischsprachigen Raum, wenn auch nicht nur. Seit Ende der 1920er-Jahre wurden in den USA in sogenannten Art Theaters (oder eben Art House Cinemas) Produktionen vorgeführt, die im Ruf standen, von besonders künstle- rischem Wert zu sein. Im Gegensatz zum filmischen Output der Studios, sprich Hollywood, standen die kommerziellen Interessen bei diesen Filmen nicht im Vordergrund. Gezeigt wurden aber keinesfalls nur Filme aus Europa, sondern durchaus auch inländische Arbeiten. Ihnen waren niedrige Budgets und ein gewisser selbstständiger (Independent–)Charakter gemein. Ihre Blüte erlebten die Art House Cinemas in den 1950er- und 60er- Jahren, also genau in jenem Zeitraum, in dem Pauline Kael sich über das selbstgefällige Selbstverständnis dieser hauptsächlich aus einem akademischen Umfeld stammenden "moviegoer" mokierte. Landesweit gab es über 500 dieser Spielstätten.

 

Vergleichbares fand sich in Großbritannien in den Specialised Halls, aber auch in Deutschland in den Filmkunstkinos. Auch dort widmete man sich der geistigen Auseinandersetzung mit dem filmischen Werk. Hierzulande verweisen noch immer einzelne Kinotheater auf dieses Erbe, indem sie das Wort "Filmkunst" in ihrem Namen tragen. Heute bringen Dienstleister wie Filmatique aus Brooklyn oder Fandor aus San Francisco die Idee von Art House Cinemas ins Wohnzimmer. Hybride wie Netflix oder Amazon, die gerade damit begonnen haben, eigene Studios zu kaufen, bedienen wohlweislich Segmente des Mainstreams und von Arthouse. Dass der kultivierte Gegensatz zwischen beidem heute nicht mehr aufrechterhalten werden kann, scheint klar. Dass man ihn deswegen dennoch als Etikettierung benutzen darf und vielleicht auch sollte – zur Marktorientierung oder Selbstvermarktung und warum nicht auch zur privaten Selbstverortung – täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass sich ein Film immer noch vor seinem Publikum beweisen muss.

 

 

Carolin Weidner ist freie Journalistin und arbeitet u.a. für die taz und Spiegel Online.

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Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 28. Januar 2019