Konzentrierte Kraft: Sarah Fischer beim Training an der Langhantel © ZDF/Moritz Mössinger

"Ab18! - Die Gewichtheberin" - Film und Interview mit Filmemacherin Annelie Boros

Die Gewichtheberin Sarah Fischer ist U20-Europameisterin und gilt als stärkste Frau Österreichs. Die 19-Jährige trainiert für einen Olympia-Startplatz. Während sie nicht nur als Athletin, sondern auch als junge Frau ihren Platz in einem männerdominierten Umfeld zu finden versucht, kommt es immer wieder zu Spannungen mit ihrem Trainer und Vater Ewald. Da ist auf der einen Seite der Leistungssport, dem sich Sarah seit ihrer frühen Kindheit kompromisslos widmet. Auf der anderen Seite wünscht sich die junge Frau mehr Selbstbestimmung und ein Leben außerhalb des Trainingsplans und Leistungsdrucks. Constantin Hatz und Annelie Boros blicken in den Alltag einer jungen Leistungssportlerin.

Dokumentarfilm
Mo 02. Nov
23:45 Uhr
Erstausstrahlung

Ein familiäres Kammerspiel

Interview mit der Filmemacherin Annelie Boros

 

Was hat Sie als Filmemacher*innen an der Person Sarah Fischer interessiert oder fasziniert. Wie kam es zu der Idee, ein dokumentarisches Porträt zu realisieren?

Constantin (Hatz) kam mit einem ausgearbeiteten Konzept zu mir und bat um Unterstützung bei seinem Film. Die Idee, in die Lebenswelt einer Extremsportlerin einzutauchen, hat mich sehr gereizt, schließlich unterscheidet sich ihre Welt vollkommen von meiner eigenen. Die Struktur, die Disziplin, die öffentliche Aufmerksamkeit, die ständige Beobachtung durch den eigenen Vater - es ist eine vollkommen andere Lebensrealität, und ich war neugierig, diese dokumentarisch erfahrbar zu machen.

 

Zu Beginn des Films beobachten Sie eine Situation während eines Wettkampfs, die recht deutlich die Spannungen zwischen Sarah Fischer und ihrem Trainer/Vater zeigt. Welche dramaturgischen Überlegungen hatten Sie dabei?

Dass Sarahs Vater als ihr Trainer so aufmerksam über ihren Körper wacht, war für uns seit Beginn ein Kern der Erzählung. Es ist ein interessanter Widerspruch, wie Sarah sich als junge Frau einen Weg in die männerdominierte Gewichtheber-Welt erkämpft und gleichzeitig in einer patriarchalen Familienstruktur aufwächst, der sie auch teilweise unterworfen scheint. Die Wettkampf-Situation zeigt gleich am Anfang des Films sehr deutlich auf, gegen welche Erwartungen Sarah ankämpft und wie sie beginnt, sich von ihrem Vater zu emanzipieren.

 

Ihre Dreharbeiten standen zum Teil unter dem Einfluss der durch das Corona-Virus bedingten Einschränkungen. Welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Team dabei gemacht?

Sarahs Wettkämpfe wurden abgesagt - was zunächst für die Familie eine schwere Herausforderung war. Für uns bedeutete es, unseren dramaturgischen Schwerpunkt vom zielgerichteten Training und den hitzigen Wettkämpfen in Richtung heimisches Training und familiäres Kammerspiel zu verlagern. Uns hat das fast in die Hände gespielt: Eine klassische Sportlerinnen-Dokumentation unter der Frage "Wird sie es schaffen?" wollten wir nie machen. Durch die Reduktion auf die Trainingshalle und das Zuhause gelang uns vielmehr zu erzählen, wie ein gesamter Familienapparat sich hundertprozentig der möglichst perfekten Ausbildung von Sarahs Körper widmet: Training, Essen, Schlafen, Training, Essen, Schlafen - der Rhythmus muss immerzu stimmen, und dazu braucht es das Mitwirken der gesamten Familie.

 

In Ihrem Film verzichten Sie konsequent auf gesetzte Interviews oder eine Off-Erzählung und setzen ganz auf die Beobachtung. Warum haben Sie sich für diese filmische Form entschieden?

Sarah und ihr Vater sind Personen der Öffentlichkeit und in ihren Antworten sehr geübt. Sie haben bereits alle Fragen gehört und ihre Antworten sitzen. Wir wollten den bereits existierenden Dokumentationen etwas entgegensetzen und ein intimes Portrait schaffen, statt einem oberflächlichen Abfragen von Fakten. So war es für uns der einzige Weg, uns beobachtend unseren Weg in die Familie zu bahnen.

 

Bei vielen jungen Leistungssportler*innen stellt sich die Frage, wessen Traum oder Ehrgeiz sie eigentlich leben, den eigenen oder doch den ihrer Eltern. Wie schätzen Sie in dieser Hinsicht Sarah Fishers Motivation und Zukunftsperspektive ein?

Ich habe Sarah als eigenständige Person empfunden, die absolut bereit ist, ihrem Vater kontra zu geben. Selbstverständlich ist sie in das Gewichtheben hineingeboren. Sie selbst sagt, es gehöre einfach dazu, so wie bei anderen Familien andere gemeinsame Leidenschaften oder Rituale. Sicherlich ist sie einem besonderen Druck ausgesetzt, doch weiß sie auch für sich, dass in ein paar Jahren Schluss mit dem Gewichtheben ist. Sie will studieren und aus ihrem Elternhaus ausziehen. Ihr Ziel davor ist nach wie vor Olympia.

 

 Das Gespräch führte Luna-Belle Kuhrt.

 

Das PDF zum Presseheft "DOKUMENTARFILMHERBSTin 3sat" finden Sie hier.

 

Fotos zur Reihe "Ab 18!" finden Sie  hier.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 01. September 2020
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