Andreas Goldstein © ZDF und A. Goldstein

Acht Fragen an Andreas Goldstein und Co-Autorin und Kamerafrau Jakobine Motz

Film
Sa 26. Sep
23:15 Uhr
Interview

Was hat Euch an Ingo Schulzes Roman "Adam und Evelyn" angesprochen?

Andreas Goldstein: Da gab es viele Gründe. Geblendet hat mich zunächst die filmische Erzählweise, also ein Erzählen in Auslassungen. Dann fand ich die Idee des Romans, das Ende der DDR außerhalb der DDR zu erzählen, schön und vor allem eine Möglichkeit, den komplexen historischen Vorgang greifbar zu machen. Der eigentliche Punkt der Anziehung, war aber ein anderer. Die Dialoge des Romans - und er besteht eigentlich nur aus Dialogen - haben eine Besonderheit. Sie schrammen am Naturalismus, dann aber gibt es da plötzlich diese Sätze, die herausstechen und - wie eine Kamerafahrt rückwärts - die Figuren in die Totale setzen. Momente, in denen die Figuren verwundert auf sich selbst schauen. Diese Momente haben in mir einen Film evoziert. Inhaltliche Gründe gab es natürlich auch. Aber über Selbstverständliches denkt man nicht nach. Was wirklich in einer Geschichte steckt, offenbart einem sowieso erst die Arbeit an der Geschichte selbst.

Jakobine Motz: Der Roman erzählt diese Beziehungsgeschichte in einem leichten, oft lakonischen Ton und beschreibt fast wie nebenbei das Ende der DDR, einen Wendepunkt der Geschichte, dessen Dimensionen uns heute bekannt sind. Außerdem gibt es diese prägnanten Sätze der Figuren, die dann plötzlich ganz viel auf den Punkt bringen. Der Roman ist ja von 2008. Er schaut 19 Jahre zurück und erzählt von den Wünschen und Hoffnungen, die diese Zeit hervorgebracht hat. Das provoziert natürlich einen Abgleich mit der Gegenwart. Diese Verbindung aus Leichtigkeit und Tiefe mochte ich sehr.

 

Wie habt Ihr den Entschluss gefasst, diese Vorlage in ein Drehbuch und eine filmische Form zu bringen?
Andreas Goldstein:
Beim Lesen wusste ich, dass ich das machen will. Dann hab ich Ingo Schulze einen Liebesbrief geschrieben. Er erzählt die Geschichte anders herum. Er hätte einen Regisseur für sein Buch gesucht und Jenny Erpenbeck gefragt, ob sie nicht einen kenne. In dieser Zeit lagen die Rechte aber schon bei einer großen Produktionsfirma, die mich den Film nie hätte machen lassen. Weil da aber kein Film zustande kam, waren die Rechte drei Jahre später wieder zu haben.

Jakobine Motz: Ja, Andreas kam eines Tages mit dem Roman und sagte: "Lies den mal. Das könnte ein Filmstoff sein!" Also habe ich das Buch auch ein bisschen schon mit diesen Augen gelesen. Andreas hat zunächst die Romanhandlung auf seine Lieblingsszenen reduziert. Das war der Anfang von vier, fünf Jahren Drehbucharbeit, in denen sich Adam und Evelyn zu dem entwickelt haben, was sie dann im Film sind. Es ging viel ums Reduzieren und Austarieren zwischen den Figuren, aber auch ganz neue Szenen haben wir dazugeschrieben. Uns ist bei der Drehbucharbeit klar geworden, dass der Film eine ganz eigene Erzählform braucht. Wichtig war uns, die Haltung des Romans zu bewahren. Neben dem lakonischen Tonfall haben wir versucht den Blick zurück spürbar zu machen und damit unsere heutige Perspektive auf diesen Moment der Geschichte mitzuerzählen.


Was hat Euch an dieser Darstellung des Sommers 1989 interessiert?

Jakobine Motz: Der Roman beschreibt das Ende der DDR, jenseits der üblichen Polarisierungen von Opfern und Tätern, das ist eine Perspektive, die uns sehr interessiert hat. Adam und Evelyn sind Figuren unserer eigenen Generation, einer bestimmten DDR-Generation, die auch ganz spezifische Erfahrungen teilt, deren Jugend geprägt ist durch die festgefahrenen 80er Jahre, eine Zeit, die sich anfühlte, als würde sich nie etwas ändern. Unsere Figuren erleben diesen historischen Moment ohne sich dessen voll bewusst zu sein, verstrickt in ihre persönlichen Probleme. Lediglich Adam trägt eine Ahnung vom Ausmaß der Ereignisse in sich.

Andreas Goldstein: Wichtig war es, den Zwiespalt der Leute damals zu zeigen. In der Tagesschau, die die ersten DDR-Flüchtlinge zeigt, die nach der ungarischen Grenzöffnung, in ihren Trabis nach Österreich rollen, sagt ein junger Mann in die Kamera, wie weh ihm die Flucht tut und was er alles zurücklässt. Das taucht in den Filmen heute nicht mehr auf oder wird von den Jubelbildern verschüttet. Diese Widersprüchlichkeit aber sollte spürbar werden. Wichtig war auch zu zeigen, wie hier Menschen aus einer Zeit in einen andere fallen. Die DDR war nicht nur in anderer Zeit, sondern auch aus anderer Zeit. Die Leute hatten mehr davon. Im Guten wie im Schlechten. Die Leute haben gewartet und auf Veränderungen gehofft. Gehofft, weil man sie nicht bestimmen ließ. Heute rotieren die Leute, damit sie nicht untergehen und es so bleibt, wie es ist. Aber es ist eben nicht nur eine Geschichte des Sommers '89, sondern eine des Herbstes und Winters danach. Ingo Schulze traut sich in seinen Geschichten die DDR und die Zeit nach ihr in ein Verhältnis zu bringen. Schulzes Roman evoziert auf diese Weise politische Fragen. Wenn man genau hinschaut merkt man, dass das die Wenigsten tun. Sie erzählen entweder bis zum Mauerfall oder fangen erst danach an.

Jakobine Motz: Der Blick auf den Sommer '89 und die folgenden Monate bildet eine Art Gegenpol zu unser Gegenwart, denn unser Wissen um die Veränderungen, die die vergangenen dreißig Jahre gebracht haben, lässt die Diskrepanz zu den Hoffnungen der damaligen Zeit spannungsvoll spürbar werden. Insofern ist es auch ein Film über die Gegenwart.

Andreas Goldstein: Und dann wird einem klar, dass sich von diesen Hoffnungen nicht viel eingelöst hat, es sei denn man wiederholt die Freiheitsphrase. Ein schales Argument in dieser ungeheuer brutalisierten Welt, in der die Leute vor allem ihre Abhängigkeit erleben.

 

Wie verliefen die Gespräche mit Ingo Schulze? Hat er Ideen für das Drehbuch beziehungsweise die Umsetzung eingebracht?
Andreas Goldstein:
Wir haben am Buch nicht zusammengearbeitet. Ich habe ihm Fassungen geschickt. Alle wird er nicht gelesen haben. Wichtiger war, dass ich ihm ab und an von der Arbeit und den Entdeckungen dabei schrieb. Da haben wir gemerkt, dass sich unsere Sichtweise ähnelt und wir politische und ästhetische Prämissen teilen. Und er war natürlich auch so klug zu wissen, dass wenn es mit der Sache etwas werden soll, sie ästhetisch eigenständig sein muss und nicht den Roman einfach filmisch wiederholt.

 

Welche Vorstellung hattet Ihr von der szenischen Umsetzung? Wie war das Kamera-Konzept?

Jakobine Motz: Es gab ein paar Bilder, die sich schon beim Lesen des Romans im Kopf festgesetzt hatten. Uns ist bei der Drehbucharbeit aber klar geworden, dass der Film eine ganz eigene Erzählform braucht, ein eigenes Tempo. Aber vor allem ging es darum, ein bestimmtes Zeitgefühl zu transportieren. Das schafft man nicht durch historisierende Ausstattung. Die Bilder sollten Räume schaffen, in denen die eigenen Erinnerungen, Gefühle und Phantasien Platz haben. Erinnerungen erwachen in den Zwischenräumen.

Andreas Goldstein: Das sind Sachen, die sich ganz organisch ergeben und über die wir gar nicht so viel geredet haben. Im Bildverständnis sind wir sowieso synchron. Jakobine baut Bilder, nicht um Menschen und Dinge zu exponieren, sondern um ein Maß zu finden und Gleichgewicht zwischen Figuren und Raum herzustellen. Wir teilen die Abneigung gegen das Affizieren von Wirkungen, die nicht aus dem Gesprochenen oder Gespielten kommen. Wir mögen Filme nicht, die etwas mit uns machen, uns wie einen Reizempfänger und nicht wie ein denkendes Wesen behandeln.

 

Was war Euch bei der Besetzung der Rollen wichtig?

Andreas Goldstein: Die Besetzung war insofern interessant, weil man da etwas von Geschichte versteht. Im Roman ist Evelyn Anfang/Mitte zwanzig und Adam ein wenig älter. Wenn wir uns bei der Besetzung an dieses Alter gehalten hätten, hätte wir eine Coming-of-Age-Geschichte bekommen, weil die Schauspieler heute noch mit Mitte dreißig Jugendliche sind. In der DDR aber hatte eine Frau in Evelyns Alter im Zweifelsfalle zwei Kinder und war geschieden. Wenn wir aber eine Coming-of-Age-Geschichte gehabt hätten, wenn das Paar am Ende im Westen landet und sie schwanger ist, hätte der Film gesagt: "Die DDR war ganz schön, denn wir waren jung, nun ist es aber Zeit erwachsen zu werden." Dann wäre die politische Dimension vollkommen weggebrochen. Oder hätte sich in ihr Gegenteil verkehrt. Der Kapitalismus als das Unumgängliche. Klar war, dass wir nicht die Darsteller wollten, die schon ständig den Ossi geben müssen. Entscheidend war auch hier eine gewisse Unbestimmtheit. Eine tastende, suchende Haltung, die auch unserer entspricht. Schauspieler heute sind es gewohnt, dem Gefühl oder dem vermeintlichen Gefühl direkt Ausdruck zu verleihen. In meiner Erinnerung haben sich die Leute im Leben so nicht exponiert. Da war viel Zurückhaltung, viel Verborgenes.

 

Was wolltet Ihr bei der Arbeit an dem Film vermeiden?

Andreas Goldstein: Ein Opfer der Ausstattung und eines Naturalismus der Dinge zu werden. Die Filme über die DDR präsentieren vor allem Gegenstände, von der Erbspackung bis zur Schrankwand. Man merkt ihnen den Stolz an, dieses ganze Zeug gefunden zu haben. Sie werden wie Beutestrücke vorgeführt. Sie glauben wirklich, auf diese Weise die DDR abzubilden. Das ist im Grunde ein Reflex einer Warenwelt, in der es um die Dinge geht. Eine Welt die nicht ausschließlich von Waren bestimmt ist, lässt sich so aber nicht abbilden. Jakobine Motz: Ich halte nichts davon, wenn Filme Deutungshoheiten beanspruchen, schon gar nicht wenn es um historische Ereignisse geht. Vor allem beim Schreiben des Drehbuchs haben wir viel über unsere Erzählperspektive nachgedacht. Wir wollten mit dem Film Fragen stellen, Fragen an die Erinnerungen, aber auch an die Gegenwart. Wir wollten keinen weiteren "So und nicht anders war es!"-Film drehen und damit auch filmischen Widerspruch leisten. Dieses Widersprechen zeigt sich dann auch in der Form, die sich einem Ausstattungsrealismus verweigert.

Andreas Goldstein: Ich glaube das geht noch weiter, ist noch grundsätzlicher. Ich will mir kein Bild machen! Mich interessiert es nicht, meine Vorstellungen zu illustrieren, sondern etwas herauszufinden, einen Punkt zu umschreiben, der sich nur filmisch umschreiben lässt. So eine Arbeit ist immer eine Suche. Mit unbekanntem Ausgang. Das ist ein ganz anderes Arbeitsverständis. Hier geht es darum, etwas freizulegen. Momente und Sätze.

 

In welcher Weise sind Eure eigenen Erinnerungen an den Sommer 1989 mit eingeflossen?

Jakobine Motz: Die letzten Monate der DDR, diese Umbruchphase, waren für mich - und damit bin ich sicher nicht allein - der Übergang in ein neues Zeitgefühl, die Uhren begannen schneller zu ticken. Wir kamen aus einer von Stagnation und Ratlosigkeit geprägten Zeit. Plötzlich begannen sich die Ereignisse zu überschlagen. Zuerst mit Hoffnungen, dann mit Skepsis blickten wir in die absolute Ungewissheit. Das ist sicherlich auch im Film spürbar. Andreas Goldstein: Mit den Erinnerungen ist das so eine Sache. Erinnerungen an die DDR werden heute verhökert, wie alte Abzeichen. Lustiges, Skurriles oder Unheimliches aus der DDR. Und dann sagen die Leute "Ach, das haben wir ja noch gar nicht gewusst, dass es sowas da auch gab ..." Schulze nennt das "Erinnerung als Souvenir". Die Grundvereinbarung, die diese Darstellungen verbindet, ist die Abwesenheit des Politischen. Eingeflossen sind weniger Erinnerungen als vielmehr Erfahrungen. Erfahrungen mit zwei politischen Ordnungen, in denen sich die Leute vor allem ohnmächtig erleben. Wenn Erinnerung in den Film eingegangen ist, dann bezieht sie sich auf die Art der Leute, mit sich und ihrer Zeit umzugehen. Diese wache, aufmerksame und zugleich skeptische Haltung. Diese infantilen Ossis, die erst Orangen bestaunen und später jammern, habe ich eigentlich nie erlebt.


Das Interview führte Ingrid Gränz, ZDF/3sat

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 14. August 2020
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