Luzia Schmid (c) Hajo Schomerus

"... , dass wir alle Teil dieses Systems sind und wir alle von diesem System profitieren." - Interview mit Luzia Schmid

Zu ihrem neuen Dokumentarfilm „Der Ast, auf dem ich sitze – Ein Steuerparadies in der Schweiz“

Du widmest Dich in Deinem neuen Film einem komplexen Wirtschaftsthema, nämlich der Steuerflucht und verknüpfst es mit Deiner Familiengeschichte. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Konzept?

Tatsächlich beschäftigte ich mich seit meinem Abgang von der Kunsthochschule für Medien in Köln immer wieder mit dem Thema. Der erste Arbeitstitel war irgendwas mit "Erbvorbezug und Steuern". Das verrückte ist ja, dass Zug seit 40 Jahren, also schon länger als ich politisch denke, für seine Wirtschaftspolitik verurteilt oder beneidet wird. Auch in Zug selbst ist das permanent ein Thema. Der erste - überregional wahrgenommene - Artikel über Zugs Wirtschaftspolitik war 1984 im renommierten Wirtschaftsmagazin "Bilanz" von Nikolaus Meienberg erschienen! Seither hat sich grundsätzlich nichts verändert. Die Politik blieb die Gleiche und die Kritik auch. Mir war klar, dass wenn ich das Thema nochmal aufgreifen möchte, dann muss da ein anderer Blick darauf. Ebenso klar war mir, dass ich - und mit mir alle Zuger*innen - von dieser Politik profitiert haben. Und ich eben ganz speziell, weil wir z.B. diese Firmen zu Hause hatten: Da ich mich als Teenager diffus politisch links verortete, schimpfte ich zwar über steigende Wohnungspreise reflexartig mit, aber mir ging es wie meiner Freundin Regi, die ja im Film auch sagt, dass sie die Ausmaße nicht wahrgenommen hat. Erst mal ist es ja das ganz normale alltägliche Umfeld, in dem man zu Hause ist. Man denkt ja nicht, ich wohne im Steuerparadies, weil das hätte ja was Zwielichtiges gehabt. Das hatte Zug aber nicht. Und unser Zuhause schon gar nicht. Zumal ich ja wusste, dass mein Vater der oberkorrekteste Anwalt vor dem Herrn ist. Sich im Rahmen der Gesetze zu bewegen, war ihm oberstes Gebot. Und die Zuger*innen sind ja keine schlechteren Menschen als andere sonst irgendwo auf der Welt. Sie sind aber - wenn Du so willst -"my tribe". Also war meine Motivation herauszufinden, warum ihnen die Kritik egal ist. Oder zumindest keine Konsequenzen daraus ziehen und das seit 40 Jahren! Also fing ich, mich mit der Ambivalenz zu befassen, die dieser Wirtschaftspolitik innewohnt, die ja die ganze Schweiz betrifft - und zwar den ganz kleinen Familienkreis wie die Gesellschaft insgesamt.

 

Nach welchen Kriterien hast Du Deine Gesprächspartner ausgewählt? Wirtschaftsfachleute, die man bei dem Thema hätte erwarten können, sind die Ausnahme.

Zuerst wollte ich Zugs Wirtschaftsgeschichte nur von unserem Haus, respektive den vier Häusern aus erzählen, die baugleich sind und quasi als Ensemble zusammengehören. Weil da alles, was zur Wirtschaftsgeschichte Zugs gehörte, drin wohnte. Der Direktor der alten vergangenen Industrie, die einst Haupteinnahmequelle in Zug war, sowie ein junger Wirtschaftsanwalt und ein Zahnarzt, der durch die internationale Klientel steinreich wurde. Aber dann merkte ich schnell, dass das zu viele Themen werden. Aber ich wollte bei dem Ansatz bleiben, dass ich Protagonisten wählte, die mit meiner Biographie zu tun haben. Der Entscheid, meine Familie zu bitten als Interviewpartner vor die Kamera zu treten, war ja kein einfacher. Daraus ergab sich aber für mich die Konsequenz, dass ich mich zumindest als Autorin auch sichtbar machen muss. Mich als Autorin quasi mehr in die Schusslinie zu begeben, und da war es denn naheliegend, dass ich meine Gesprächspartner danach auswähle, dass ich sie schon vor der Recherche kannte. Sie sollten in meiner Biographie vorkommen und maßgeblich für die Entwicklung Zugs stehen. Bei Uster war das klar, weil er als erster linker Regierungsrat natürlich ein Meilenstein in Zugs Geschichte war. Gerhard Pfister kannte ich von einer Recherche in ganz anderem Zusammenhang und ich schätzte ihn damals als extrem offenen Gesprächspartner. Als Präsident der CVP Schweiz holt er darüber hinaus das ganze Land mit in den Blick.

 

Welche Funktion hat das Archivmaterial in dem Film?

Es soll die internationale Dimension reinbringen. Es ist ja ganz klar, dass Zugs Erfolg nur im Wechselspiel mit dem internationalen Steuerwettbewerb gelingen konnte. Erst bei meiner Recherche und der Auseinandersetzung mit dem Stoff, ist mir klar geworden, dass die destruktive Seite des Steuerwettbewerbes darin liegt, dass es ALLE machen. Und vor allem, dass die ganz großen Player eben der Finanzplatz London und die USA sind. Wenn es nur ein paar kleine Steueroasen gäbe, hätte sich nie diese Dynamik entwickeln können, deren Resultat wir heute sehen.

 

Wie bist Du bei der Montage vorgegangen? Und entstand der Kommentartext gleichzeitig oder erst danach?

Nachdem ich sehr lange mit dem Stoff gerungen hatte, lief der Montageprozess eigentlich recht ruhig. Die Editorin Yana Höhnerbach und ich haben uns - einem Dampfer gleich - ruhig aber stetig durch das Material gearbeitet. Erstmal war nichts verboten, dann merkten wir bald, dass wir nicht zu kleinteilig sein durften. Eine besondere Herausforderung war der Sambia-Part und die Teile über den Internationalen Steuerwettbewerb, weil ich mir da ungeheuer viel Detailwissen angeeignet hatte. Das auf die wenigen Eckdaten runter zu brechen, fand ich schwierig. Aber deswegen war sehr schnell klar, 1. dass wir einen Kommentar brauchen und 2. dass er parallel entstehen musste.

 

Steuern und Steuerpolitik sind ja nicht nur ein trockenes Thema, sondern auch ein ziemlich komplexes … Im Verlauf des Films tritt immer mehr die Frage nach den Grenzen des kapitalistischen Wirtschaftssystem in den Vordergrund. Sägt der Film an diesem "Ast"?

Ich hoffe doch! Aber mir ist es ungeheuer wichtig, mit dem Film zu thematisieren, dass wir alle das kapitalistische System sind. Im Gegensatz zum Staatskapitalismus, wie wir ihn - mit brutaler Härte - in China sehen, hat der Marktkapitalismus zumindest den Vorteil, dass wir es in der Hand gehabt hätten und immer noch haben, Systeme zu ändern oder zumindest zu bremsen. Ich fand, es gibt genug Filme, die empört auf die Ungerechtigkeiten dieser kapitalistischen Welt hinweisen, die durch die "Mächtigen" oder das böse System verursacht werden. Ich möchte mit meinem Film herausarbeiten, dass wir alle Teil dieses Systems sind und wir alle von diesem System profitieren. Zug ist dafür einfach ein besonders krasses Beispiel. Ein Umstand, der gerne verdrängt wird. Wenn Du so willst, leihe ich mich als Figur dem Film, um diese Ambivalenz, in der wir alle in der westlichen Welt leben, herauszuarbeiten. Die ganz große Ungerechtigkeit - gerade auch im Steuerwettbewerb - liegt im Nord-Süd-Gefälle und in der Frage, wo Steuern erhoben werden. Das ist zum Beispiel auch für Deutschland ein ganz heikler Punkt. Weil ich aber zutiefst daran glaube, dass Veränderungen nur durch Überzeugung und nicht durch Anschuldigung erreicht werden können, habe ich diese Form gewählt.

 

Das Interview führte Udo Bremer aus Redaktion Dokumentarfilm ZDF/3sat.

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Interview

Luzia Schmid, geboren 1966, studierte in der Schweiz berufsbegleitend Journalismus. Nach mehreren Jahren beim Schweizer Rundfunk und Fernsehen als Moderatorin und Redakteurin studierte sie an der Kunsthochschule für Medien in Köln, Fachbereich Fernsehen/Film Regie. Seit 1997 ist sie freiberuflich tätig als Journalistin, Dokumentarfilmerin und als freie Dozentin im Bereich Medienarbeit. Luzia Schmid arbeitet und lebt in Köln. Zu ihren früheren Arbeiten zählen "Geschwister Vogelbach" (2004, ZDF/3sat) und "Geschlossene Gesellschaft" (2011), für den sie 2012 einen Grimme Preis erhalten.

Hauptabteilung Kommunikation
Dokumentation und Reportage

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@zdf.de
Mainz, 29. September 2020
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