3sat-Preisträger Ersan Mondtag ist bereits zum dritten Mal zum Theatertreffen eingeladen © Thomas Schröder

Genial exzentrisch: Porträt von 3sat-Preisträger Ersan Mondtag

Der junge Regisseur Ersan Mondtag ist ein Shootingstar der Theaterszene. Er überzeugt mit gewagten, bildgewaltigen Aufführungen. Mit seiner fulminanten Inszenierung „Das Internat“ ist er zum Theatertreffen in Berlin eingeladen und erhält dort am Samstag, 4. Mai 2019, um 11.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele den diesjährigen 3sat-Preis. Theatertreffen-Jurorin Shirin Sojitrawalla stellt ihn vor.

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Mit „Tyrannis“ gelingt Ersan Mondtag 2016 der Durchbruch: Fürs Staatstheater Kassel ersonnen, ist es die erste Inszenierung, mit der er zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, und obendrein zum Münchner Festival „radikal jung“. Sein Stück sperrt fünf Personen in einen mysteriösen Haushalt, mal formieren sie sich um einen Esstisch, mal verbarrikadieren sie sich in ihren Zimmern, mal vertreiben sie sich einfach nur die Zeit, schauen fern – oder sonst wohin. Nie kommt ihnen ein Wort über die Lippen, und ihre Bewegungen wirken eckig und mechanisch. Der Alltag als Fließbandarbeit. Bis plötzlich eine geheimnisvolle Fremde vor der Tür steht und die Gleichförmigkeit durchbricht. Till Briegleb, Juror beim Theatertreffen, attestierte Mondtag damals eine reife Bilderzählung an der Grenze von Kunst und Theater, die sich mit zwanghaften Verhaltensweisen und Angst als Politikform beschäftige.

Geboren wurde Ersan Mondtag 1987 in Berlin als Ersan Aygün, doch in einer Teenagerkrise übersetzt er seinen türkischen Nachnamen ins Deutsche. Aygün = Tag des Mondes = Mondtag. So lautet seitdem der Künstlername von einem, der sich wirklich als Künstler begreift und nicht bloß als Theatermacher. Nach Hospitanzen bei den Regisseuren Frank Castorf und Claus Peymann assistiert er auch dem exaltierten norwegischen Theatermacher-Duo Vegard Vinge und Ida Müller. Sein Regiestudium an der Otto Falckenberg Schule in München bricht er ab und wird in der Spielzeit 2013/2014 Mitglied im RegieStudio am Schauspiel Frankfurt, wo er wie zuvor in München mit exzentrischen Arbeiten auf sich aufmerksam macht. Mehrmals ist er beim Festival „radikal jung“ zu Gast.

Das Zwischenreich von Theater und bildender Kunst lotet er zuverlässig aus. Die künstlerische Geste ist groß, der theatrale Überschwang gewagt. Seine Anleihen bei der bildenden Kunst sind unübersehbar, lustvoll zitiert er sich quer durch Hoch- und Populärkultur. Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst kuratiert er 2017 eine eigene Ausstellung mit Werken der Sammlung. Die Schau mit dem Titel „I am a Problem“ entwirft einen an- und aufregenden Parcours zu Frauen- und Menschenbildern jeglicher Art. Dem Körper im Raum und seinen Verpuppungen kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Genau wie in Mondtags Inszenierungen.

Häufig tritt er nicht nur als Regisseur, sondern auch als sein eigener kongenialer Ausstatter in Erscheinung. 2016 wählt ihn die Zeitschrift „Theater heute“ zum Nachwuchsregisseur des Jahres und zugleich zum Nachwuchsbühnenbildner des Jahres. Eine Doppelbegabung, die sich schon bei der Arbeit „Tyrannis“ zeigte, für die sich Mondtag sowohl die Story als eben auch die spektakulär bunte Ausstattung ausgedacht hatte: kreischende Farben, schräge Frisuren, üppige Dekors. Ein psychedelischer Trip. Beim Schlussapplaus merken dann alle, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler das ganze Stück blind gespielt haben, mit geschlossenen Lidern, ihre großen Augen entpuppen sich als aufgemalte Attrappen. Blind spielen – eine Zumutung, die ihnen einiges abverlangt, wie Mondtag überhaupt als ein Regisseur gilt, der seinem Ensemble und den Gewerken einiges abverlangt. Kompromisse im Kunstbetrieb hält er schlicht für kunstfeindlich. Zuverlässig bringt er seine Schauspieler aus ihren Routinen, indem er sie etwa in ungewöhnliche Kostüme steckt oder sie rückwärts laufen lässt. Die falsche Annahme, er möge keine Schauspieler, dürfte auch damit zu tun haben, dass sie bei ihm oft nicht in ihrer Individualität glänzen. Ja, häufig kann man die einzelnen Figuren kaum voneinander unterscheiden. Gern steckt Mondtag seine Spieler auch in ebenso kunstvolle wie gleichmachende Ganzkörperanzüge.

Ersan Mondtag ist einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, auch öfter mal aneckt und in einer so selbstbewussten Art auftritt, dass ihm das manche als Arroganz auslegen. Vielleicht auch deswegen scheiden sich an ihm die Theatergeister: Die einen verehren ihn als bilderstürmenden Erneuerer, die anderen sehen in ihm einen großspurigen Angeber. Sicher ist, dass vor fünf Jahren noch kaum einer seinen Namen kannte, während sich heute niemand im deutschsprachigen Theaterbetrieb findet, der noch nie von ihm gehört oder nichts von ihm gesehen hat. Ein klassischer Shootingstar, der regelmäßig für die angesehensten Häuser arbeitet: die Münchner Kammerspiele, das Thalia Theater in Hamburg, das Berliner Ensemble, das Maxim Gorki Theater und so weiter. Zu tun hat er wahrlich genug. Er inszeniert Uraufführungen, befasst sich mit Stückentwicklungen, adaptiert Roman- und Filmstoffe und scheut auch Klassiker nicht. Demnächst will er seine erste Oper inszenieren. Mondtag erzählt oft keine geordneten Geschichten, sondern friert vielmehr Gefühlswelten in Bilder, wobei seine Inszenierungen den Menschen häufig als kollektives Wesen inspizieren. Seine Bühnenwelten spiegeln die diffusen Ängste unserer Gegenwart intensiv wider und spielen mit ihnen.

Am Theater Dortmund inszeniert Mondtag Anfang 2018 den jetzt zum Theatertreffen eingeladenen Abend „Das Internat“, eine extrem düstere Arbeit, welche die Zuschauerinnen und Zuschauer mit Vogelgekrächze und Gruselgeräuschen empfängt. Diesmal beherrscht ein Spukschloss die Drehbühne: Schlafraum, Speisesaal, Duschen erinnern an echte Internate, wecken aber auch Assoziationen an Lager, Stätten der Unterordnung und der Qual. „Das Internat“ inszeniert diese unterschiedlichen Angsträume so, wie wir sie uns in unseren kühnsten Alpträumen nicht ausmalen möchten. Die Bewohner erscheinen überwiegend uniform, sie erinnern an vieles und wenig Konkretes. Gleichgeschaltete im Gleichschritt. Handelt es sich um Schüler? Um Insassen? Gefangene? In jedem Fall werden hier aus Opfern im Handumdrehen Täter, und Mondtag zeigt sich einmal mehr als bildmächtiger Regisseur, der gekonnt mit der Furcht seiner Zuschauer spielt. „,Das Internat‘ ist die Geschichte einer Gehirnwäsche, in der die Ideologien beständig umschlagen und immer neue Handlungsfährten gelegt werden“, konstatiert die Theatertreffen-Jurorin Dorothea Marcus. Wie schon in „Tyrannis“ verknüpft Ersan Mondtag auch in „Das Internat“ zahlreiche Märchenund Horrormotive mit vielfältigen Assoziationsmöglichkeiten zu einer Feier des Unheimlichen.

Dass Mondtag eine ausgesprochene Faszination für den Horrorfilm hegt, erweist sich dabei als Glücksfall für das Theater. Es gibt nämlich nicht viele Theaterregisseure, die derart geschickt mit den Ängsten ihres Publikums spielen. Was ihn darüber hinaus von vielen Regisseuren unterscheidet, ist sein unbedingter Formwille. Bei Mondtag bricht sich ein regelrechter Ausstattungsfuror Bahn, der hier und da durchaus ästhetische Parallelen zu den Arbeiten von Vegard Vinge und Ida Müller aufweist. An die Ästhetik der beiden erinnert auch seine Inszenierung „ Kaspar Hauser und Söhne“, 2018 am Theater Basel entstanden. Dort steckt er seine Kreaturen in unförmige Fatsuits und arrangiert sie zu einem grotesken Ballett der Gewalttätigkeit.

Das Uneindeutige, Unausdeutbare, Vage gehört zu Mondtags Werk wie die Forderung an die Zuschauer, sich ihre eigenen Geschichten auszumalen. In gewisser Hinsicht fordern seine Arbeiten den autonomen Zuschauer, also einen, der im Theater nicht an die Hand genommen werden möchte, sondern selbstständig schaut und denkt. Das war auch schon in seiner Inszenierung „Die Vernichtung“ so, die 2017 zum Theatertreffen eingeladen wurde. Olga Bachs Text umkreist das Lebensgefühl großstädtisch Scheiternder, doch stranden ihre Sätze immer wieder in Andeutungen. Sie laden zu großzügigen Assoziationen ein, ebenso wie die grandiose Cinemascope-Bühne von Mondtag, eine herausragend ambivalente Landschaft, Paradiesgarten und Höllenschlund in einem. Theatertreffen-Juror Stephan Reuter sieht hier einen Bühnenzauberer am Werk, der Natur sampelt, und spricht von einem atmosphärischen Gesamtkunstwerk. Kurz: Ganz egal, welche Inszenierungen man sich von Ersan Mondtag auch ansieht, immer gebären sie rätselhaft tolldreiste Bilder und Stimmungen, die im Kopf haften bleiben.

 

Shirin Sojitrawalla arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Theater und Literatur für „Theater der Zeit“, nachtkritik. de, „taz“, „Deutschlandfunk“ u.a. Seit 2016 gehört sie der Theatertreffen- Jury an. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.

Ersan Mondtags Dankesrede bei der Verleihung des 3sat-Preises 2019 finden Sie hier