Hühnchen, VOGUE, 1994 © ZDF/Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Helmut Newton: "Für mich gibt es in der Fotografie zwei dreckige Worte: Eins ist Kunst, das andere guter Geschmack"

O-Töne aus dem Dokumentarfilm "Helmut Newton. The Bad and the Beautiful"

... am 31. Oktober, dem 100. Geburtstag des Ausnahmefotografen, um 20.15 Uhr in 3sat in Erstausstrahlung zu sehen. 

Dokumentarfilm

Helmut Newton:

… über das Urteil anderer:

"Was die Leute sagen und wenn´s denen nicht gefällt, das ist mir vollkommen schnuppe, solange es mir gefällt. Das ist die Hauptsache."

 

… über die Kamera als Schutz:

"Wenn ich mit schwierigen oder peinlichen, unangenehmen und schmerzhaften Situationen konfrontiert werde, hilft mir meine Kamera. Sie schafft einen Schirm, einen Schutz zwischen mir und dem, was in meiner Umgebung passiert. Dann sehe ich die Welt durch das kleine Loch, den Sucher, und irgendwie bin ich dann abgesetzt von dem, was geschieht."

 

… über Berlinerinnen:

"Hier in Berlin kommt die Sonne nur selten raus, deshalb haben sie (die Berliner Frauen, Anm. der Redaktion) diese leicht ungesunde bläulich-weiße Hautfarbe. Das finde ich großartig. Und sie haben hübsche, slawische Lippen, hohe Wangenknochen und sind gut gebaut. Und sie sind witzig. Alle Berliner sind witzig. Die anderen Deutschen sind langweilig, aber die Berliner …"

 

… über den Tod:

"Ich weigere mich, über den Tod nachzudenken – das sind sehr unproduktive Gedanken. (...) Wenn er kommt, ist es entweder zu früh oder zu spät, und ich kann nichts dagegen tun. Damit will ich meine Zeit nicht verbringen. Ich glaube daran, meine Zeit mit positiveren Dingen zu verbringen. Und ich glaube nicht, dass der Tod positiv ist."

 

June Newton:

"Für den Model-Job bezahlt hat er mich nie. Stattdessen hat er mich geheiratet. Oder besser, ich ihn."

"Ich wurde oft gefragt, ob ich eifersüchtig auf die Mädchen sei, die er fotografiert. Das ist sein Job, sein Broterwerb. Davon lebt er. Aber es ist mehr als ein Job: Es ist eine Leidenschaft. Er ist besessen."

 

Grace Jones

"Er war ein bisschen pervers, aber das bin ich auch. Das ist ok. Seine Bilder sind gleichermaßen erotisch und tiefgründig. Es war nicht nur Erotik, es gab auch eine Geschichte dahinter."

"Mir war nicht bewusst, dass es so ein Skandal war (das "Stern"-Cover mit Grace Jones in Ketten, Anm. der Redaktion). Ich habe etwas von Sexismus und Rassismus gehört, aber ich habe das nie so gesehen. Es ist ein Schauspiel, wie im Film. Natürlich gab es das, Menschen in Ketten. Aber ich habe da nichts reininterpretiert. Der Mann kann ja experimentieren, auch sexuell. Ich habe auch Männer gefesselt. Weiße Männer. Große, weiße Männer. Ich sage nicht, wen." (lacht)

 

Anna Wintour

"Ich traf ihn am Anfang meiner Karriere das erste Mal in London. Er war ein Freund des Redakteurs, mit dem ich damals zusammenarbeitete. Helmut Newton war diese mythische Figur und ich war gerade erst neu im Geschäft. Wir hatten ein Shooting in Kalifornien, er wollte Autos und Mädchen in einer Garage fotografieren, das mochte er ja besonders. Ich hatte so große Angst, mit ihm zu arbeiten, dass ich log und sagte, ich sei krank, und schickte meine Assistentin. Alles nur, weil ich solche Angst vor dem großen Helmut Newton hatte."

"Helmut stand mitten im Leben. Er schirmte sich nicht ab wie andere Stars. Er war immer offen und zugänglich. Und ja, die Modewelt mag sich geändert haben, eine neue Generation von Designern trat hervor. Aber weil er ein so brillanter Fotograf war, mit soviel Intelligenz und Witz, blieb sein Stil erhalten. (…) Die Designs änderten sich, die Mädchen änderten sich, aber man erkennt auf jedem Foto: Das ist ein Helmut Newton. Das kann man nicht über viele Fotografen sagen. "

 

Isabella Rossellini

"Helmut zeigte uns, wie sich Männer fühlen. Er sagt uns nicht nur etwas über die Frau, sondern auch über seine eigene Gefühlswelt: Ich mag dich, verdammt. Ich mag dich, aber das sollte ich nicht, denn Du bist gefährlich."

"Helmut war ja nicht einfach ein Macho. Es war komplizierter. Er sieht Frauen als Sexobjekte, als anziehend, und gleichzeitig hegt er auch einen Groll gegen sie. Das ist schon sehr machohaft. Männer, die von Frauen angezogen sind, und ihnen das übelnehmen, weil es sie, die Männer, selbst verwundbar macht. Das tolerieren sie nicht. Sie denken: Du bist der Teufel, weiche von mir. Ich finde das sehr interessant, denn es enthüllt wirklich eine ganze Kultur. Und wenn Helmut das repräsentiert hat: Warum nicht?"

 

Charlotte Rampling

"Es ist gut, zu provozieren. Das braucht die Welt. Provokation gibt Denkanstöße. Sie stimuliert Ideen und regt zu Konversationen an, die nichts mit dem Mann selbst zu tun haben. Und wen kümmert schon der Mann? Es geht um seine Kunst!"

"Wenn Helmut mich fotografierte, spürte ich eine enorme Kraft in mir. Ich trug Pelze und Juwelen, hatte eine tolle Frisur, Lippenstift und falsche Nägel. Da geht man vollständig in eine Rolle hinein. Die Nägel auf der Haut sind ein Symbol dafür, wie tief er in einen hineinschaute, dabei genau den interessanten Teil traf und ihn eben nach außen holte."

 

Nadja Auermann

"Als mich Helmut dann gefragt hat, ob ich mit ihm ein Aktfoto machen würde, haben wir danach, ich glaube ein oder zwei Jahre nicht miteinander gearbeitet, weil ich das nicht wollte – zu dem Zeitpunkt. (…) Ich war damals zu unsicher, um das zu machen. Und es hat ihn vielleicht eben verletzt, dass ich ihm da nicht genug vertraut habe, dass es toll wird."

 

Marianne Faithful 

"Ich glaube nicht, dass ich solche Bilder mit irgendeinem anderen Fotografen gemacht hätte. Ich war eher prüde. Das bin ich vermutlich noch immer. Ich wurde von Nonnen in einem Kloster aufgezogen. Es hat ehrlich gesagt Jahre gedauert, das abzuschütteln. Helmut hatte all diese Vorbehalte nicht. Er hat mich geöffnet."

 

Claudia Schiffer

"Er hatte so ein Funkeln in den Augen, nahm nichts wirklich ernst, war sehr locker und ungezwungen."

"Das bin eindeutig nicht ich selbst auf den Bildern. Es ist seine und meine Vorstellung. Ich liebte es, durch seine Linse jemand anderes zu sein, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Er war immer auf der Suche nach den verschiedenen Facetten, die ich darstellen konnte."

 

Hanna Schygulla

"Ich fand ihn ganz amüsant. Und diese Mischung aus Leichtigkeit und Humor, und dann aber auch Besessenheit. Nicht einfach so Machen-Machen-Machen, sondern man hat gemerkt: Der Mann sucht irgendwas."

 

Sylvia Gobbel

"Wenn man jung ist, 20 Jahre, 1,80 Meter groß ist und lange blonde Haare hat, kommt man sich doch irgendwie wie ein gejagtes Reh vor. Und die Fotos von Helmut Newton haben mich verstärkt: Ich habe die Situation beherrscht, ich war nicht das Reh, ich war dem Jäger gleichgestellt. Ich konnte entscheiden, was ich tun wollte. Ich denke, das haben eben viele missverstanden."

 

Fotos finden Sie hier.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 01. September 2020
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