Die neue Juryvorsitzende der "Tage der deutschsprachigen Literatur vor": die Literaturkritikerin Insa Wilke (c) Mathias Bothor

Insa Wilke: "Lesen hat immer auch mit Gefühlen zu tun, nicht nur mit dem Verstand."

Interview mit der neuen Juryvorsitzenden der "Tage der deutschsprachigen Literatur"

Im Interview verrät Literaturkritikerin Insa Wilke, die neue Juryvorsitzende der "Tage der deutschsprachigen Literatur", warum der Lesemarathon in Klagenfurt so besonders ist, warum Kultur reale Begegnungen braucht - und was ein gutes Buch ausmacht. 

Literatur
Interview

Seit 2018 gehören Sie zur Jury des Bachmannpreises, ab diesem Jahr sind Sie Juryvorsitzende. Was macht für Sie die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ aus?

Die Form der Öffentlichkeit: Jury, Fachleute aus Verlagen und Medien und Publikum hören sich gemeinsam Lesungen an und machen sich gleichzeitig ein Bild vom Text. Alle können die Argumente der Jury mit ihren Eindrücken abgleichen. Die Jury steht damit genauso in der Kritik wie die Autor*innen. Die Übertragung im Fernsehen ist wichtig, um diese Öffentlichkeit so mit herzustellen. Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" (TddL) sind eine Schule des Lesens und ermöglichen zu zeigen, was Literatur zu bieten und was sie mit uns allen zu tun hat.

Die Jury ist durch die neuen Mitglieder Mara Delius und Vea Kaiser weiblicher geworden. Welche Akzente möchten Sie als Vorsitzende setzen?

Ich bin Vertreterin der Jury. Uns ist wichtig, im Gespräch miteinander darüber zu sein, wie wir diesen Raum der Öffentlichkeit nutzen wollen. Eine große Verantwortung, weil das Publikum uns Lebenszeit schenkt und die Autor*innen ihr Vertrauen. Wir möchten vermitteln, wie viel Spaß das Reden über Literatur macht und was für eine ernste Sache es ist. Das gelingt mal mehr, mal weniger, weil ja bei zunehmender Müdigkeit – die TddL sind ja ein Marathon für die Jury – die Gefühle offener liegen. Lesen hat immer auch mit Gefühlen zu tun, nicht nur mit Verstand.

Wie sehen Sie die Zukunft eines solchen Wettbewerbs: im Digitalen, wie es coronabedingt 2020 war und auch 2021 sein wird? Oder ist gerade im kulturellen Bereich der unmittelbare Austausch nicht zu ersetzen?

Ich bin sicher, würde man sich nicht mehr alljährlich in Klagenfurt treffen, um sich vor Ort über die Jurydiskussionen zu echauffieren und Interviews mit Kolleg*innen, Autor*innen und Jurymitgliedern auf der Luftmatratze im Wörthersee führen zu können, wäre der Bachmannpreis bald nur noch eine Randnotiz. Dass der Wettbewerb seit bald einem halben Jahrhundert Kult ist, liegt am Präsenzcharakter. Nicht nur Kultur, wir alle brauchen unmittelbare Begegnung. Auch, um kreativ zu sein. Gerade zu diesem Jurygespräch gehört körpersprachliche Kommunikation. Mal ehrlich: Wie langweilig würde alles werden, wenn es keine sozialen Situationen mehr gäbe? Der Bewerb hat 2020 – dank der fantastisch arbeitenden Technikabteilung – toll geklappt. Das große Interesse war aber auch der Effekt der Ausnahmesituation. Und 2020 hat auch gezeigt, wie viel Aufwand nötig ist, um es so hinzukriegen. Von wegen, "digital ist alles einfacher und günstiger".

Sie beschäftigen sich jeden Tag mit Neuerscheinungen. Haben Sie trotzdem ein Lieblingsbuch?

Ich kann Ihnen einige Autor*innen nennen, die für mich Zäsuren gesetzt haben: Von Thomas Brasch habe ich gelernt, was politische Literatur ist. Von Herta Müller, warum Schönheit ein Zeichen von Souveränität sein kann. Von Dorothee Elmiger und Daniela Seel, dass man nicht rauskommt, aus der eigenen Position, dass das aber kein Grund ist, den Stift fallen zu lassen, und von Giwi Margwelaschwili habe ich ein Lebensmotto erhalten: "Guck mal nach, wo die Lücken im Text sind!" Die Reihe lässt sich fortsetzen.

Was macht für Sie ein gutes Buch aus?

Jedes Buch bringt eigene Kriterien mit. Man kann nie sagen, jetzt hab ich das Rezept. Einige Kriterien gibt es aber: die Relevanz des Stoffes, das Verhältnis von Form und Inhalt, die Originalität des Ausdrucks, der souveräne Umgang mit Traditionen. Aber das sind keine starren Punkte, die man abhakt. Vielleicht noch: Das Leben ist zu kurz, um seine Zeit mit schlechten Büchern zu verschwenden. Sie sollten einem Lebenszeit schenken und nicht abknöpfen.

Was wünschen Sie sich für die diesjährige Veranstaltung?

Gute Texte, viel Publikum (an den Bildschirmen, am Radioapparat, im glücklichsten Fall: vor Ort) und uns als Jury den richtigen Ton, Witz und scharfe Argumente.

 

Das Interview führte Marion Leibrecht, ZDF-Pressestelle

 

Am Mittwoch, 16. Juni 2021, ist in "Kulturzeit", 19.20 Uhr, ein Gespräch mit der Juryvorsitzenden Insa Wilke sowie ein Vorfilm zu den Lesungen zu sehen.

 

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 25. März 2021
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