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Mein unbekanntes Amerika: "Sie hatten mich ja gewarnt. Aber Nein sagen?"

Persönliche Notizen des Schweizer Journalisten und "10vor10"-Moderators Arthur Honegger von der Drehreise zur vierteiligen Reihe "Mein unbekanntes Amerika" ab 25. Februar

"Acht Jahre lang war ich Korrespondent in den Vereinigten Staaten, häufig unterwegs, fast überall – aber eben nur fast. 47 der 50 Bundesstaaten hatte ich besucht, als es 2015 zurück in die Schweiz ging. Klar war seitdem, noch einmal Orte zu sehen, Menschen zu treffen, die mir neues vor Augen führen: mein unbekanntes Amerika. Ich hatte sofort Ja gesagt, diese vierteilige Reisedoku-Serie über die USA für 3sat zu drehen: Es sollte ein Erlebnis werden, das mir völlig neue Seiten des Landes zeigt – eines Landes, das ich doch so intensiv bereist hatte wie kein anderes. Vier Orte, vier Reisen, vier Erfahrungen."

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Im Land der Sioux: Sie hatten mich ja gewarnt. Aber Nein sagen? Das kam für mich nicht in Frage. Also saß ich da, in einem stockdunklen Zelt, dampfheiß wie eine Sauna, und hörte den uralten Gesängen der Lakota zu. Am Ende war diese Schwitzhütte genau das, was ich gesucht hatte. South Dakota war unser erstes Ziel, genauer gesagt das Reservat Pine Ridge. Hier leben die Lakota, deren Kultur in der Tradition der Sioux steht, darauf sind die Menschen stolz – trotz bitterster Armut, die beispiellos ist ein einem Land, das viele Arten kennt ganz unten anzukommen. Nie habe ich Männer so reiten sehen wie den jungen Nupa, ohne Sattel in vollem Galopp. Das lässt meine Versuche hilflos aussehen. Auch die stille Bescheidenheit von Everett wirkt, als wäre sie aus einer anderen Zeit: Als wir einen Büffel erlegen, sagt er leise, davon würden er und seine Familie nun "ein Leben lang" essen. Oder Nabi und seine Schwitzhütte: Ein Mann, der so gut wie nichts besitzt, teilt mit uns seinen heiligsten Ort – daran werde ich mich immer erinnern. Genau wie an den Staub von Loíza.

 

 

Puerto Rico - Im verwundeten Paradies: Das Städtchen Loíza an der Nordküste Puerto Ricos lag buchstäblich in Staub und Trümmern, als wir neun Monate nach Hurricane "Maria" hier landeten. Mit brutaler Wucht hatte der Sturm das Kindertheater "Flor de Cahíllo" erwischt, und damit mehr zerstört als ein Gebäude. Schon die Kleinsten konnten dort lernen, was Puerto Rico ausmacht, was anders ist an der Musik, an den Tänzen. Anders als im Rest von Lateinamerika, und vor allem anders als im Rest der USA. Die Insel gehört seit über 100 Jahren zu den Vereinigten Staaten – ohne jedoch ein Bundesstaat zu sein. Entsprechend kann Puerto Rico kaum mitbestimmen, nicht einmal über sich selbst: Einige sprechen gar von der "letzten Kolonie der Welt". In dieser Lage wird die eigene Kultur umso wichtiger, sie wird zum Fundament der Identität. Und das beginnt im Kindertheater. Also packen wir mit an bis zumindest die Bühne wieder steht. Auch die kämpferische Bürgermeisterin Julia tut, was sie kann – begleitet von der eigenen Hymne.

 

 

Grenzerfahrung New Mexico: Keine Musik, ach was: Keinen Mucks höre ich in New Mexico. Absolute Stille, unterbrochen nur vom Knarren der Bretter unter meinen Schritten. Oder vom Schwingen der Türen im verlassenen Saloon. Als wäre man mitten in einem Western gelandet: "Bonanza Creek" ist der Ort in den USA, an dem noch echtes Stiefel-Kino entsteht. In der Abgeschiedenheit der Wüste entdecken Filmemacher ganz neue Freiheiten. Überhaupt hat diese Ecke des Landes etwas Befreiendes. Das haben schon die Hippies gemerkt, als sie in den 1960er Jahren rund um Santa Fe ihren eigenen amerikanischen Traum wahr werden ließen. Doch diese Freiheit ist nicht allen vergönnt – das wird uns an der Grenze klar. Eine Wand aus Stahl hält hier die "Träumer" aus dem Süden davon ab, in die USA zu kommen. Einige versuchen es trotzdem: z. B. die Familie, die wir in der Notunterkunft von Juárez kennenlernen. Diese Menschen hält nichts auf. Zu schrecklich war der Banden-Terror in Honduras, zu beschwerlich die Flucht, um jetzt aufzugeben. Mauer hin oder her. Doch so absolut, wie die Grenze auf den ersten Blick wirkt, ist sie nicht überall. Zwei Autostunden von Juárez entfernt versammeln sich allmorgendlich hunderte Kinder, um am Zollbeamten vorbei zu marschieren. Sie gehen in den USA zur Schule, weil sie amerikanische Staatsbürger sind. Die neunjährige Gema nimmt uns mit.

 

 

Hawaii - Meine Suche nach dem Aloha Spirit: Seitdem ich als Kind fast ertrunken wäre, bleibe ich lieber auf dem Trockenen. Und jetzt Hawaii: mein 50. Staat. Um zu surfen, muss ich ins Wasser. Aber das muss jetzt sein, denn Surfing auf Hawaii ist für mich so etwas wie eine Pilgerfahrt: Die daraus entstandene Subkultur hat auch Snowboarding und Skateboarding hervorgebracht, und beides hat mein Leben geprägt. Also muss ich versuchen, die Wellen von Maui zu reiten – auch wenn ich dabei jede Menge Wasser schlucke. Meine Surflehrerin Dustin sagt, das gehöre dazu. Sie erklärt mir auch, dass "Aloha" hier mehr bedeutet als einfach "Hallo": Es ist auch der Spirit von Hawaii mit diesem Wort gemeint. Wir machen uns also auf die Suche nach diesem Geist, der weltweit so blumig wie möglich vermarktet wird, der auf Hawaii dennoch nie kitschig wirkt. Bio-Aktivist Alika spricht mit großer Ehrfurcht von "Aloha", als er von seinem Kampf für die hawaiianische Natur erzählt. Und Stefan weiß, warum er für dieses Lebensgefühl seinen Traumjob in New York City aufgegeben hat. Weil Aloha eben für das Paradies steht.

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HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 04. Februar 2019