Stefanie Brockhaus © Fanny Villier

Stefanie Brockhaus: "Es war eine intensive Erfahrung für Julika diesen Film zu machen"

Interview mit der Filmemacherin zu "Frei im Kopf"

Julika und Sie sind Halbschwestern. Wie war es für Sie, über eine Ihnen nahestehende Person einen Film zu drehen? Wie würden sie den gemeinsamen Drehprozess beschreiben?

Die Inspiration den Film zu machen kam von Julika. Im Rahmen ihres Studiums hatte sie einen Kurzfilm gedreht, in dem es um die Blicke und die Reaktionen geht, die sie wahrnimmt, wenn sie unter Menschen geht. Als ich ihren Film sah, schlug ich Julika vor etwas Längeres zu ihrer Erfahrung zu drehen. Ich habe in der Vergangenheit bereits einen persönlichen Film („Some Things Are Hard To Talk About“) gemacht, in dem es um meine Familie geht. Ich interessiere mich für persönliche Geschichten, die ich gerne auf intime Weise erzähle. Julika und ich hatten das Glück uns in Ägypten zu treffen, wo wir zu zweit und fast alleine, drehen konnten. Das gab uns die Freiheit, zu tun was wir wollten. Die Landschaft der Wüste, die leer und still war, bot die Ebene für die Dreharbeiten und hat eine gewisse Intimität geschaffen. Julika war sehr offen und sie hat keine ‘Angst’ vor der Kamera, daher war der Dreh mit ihr einfach. Dazu kam ihre Bereitschaft zu erzählen, ohne dass ich viel fragen oder ‘bohren’ musste. Das hat mir geholfen. Sie war bereit diesen Film zu machen und wollte ihre Erfahrung teilen.

 

Sie haben mit Filmen wie „The Poetess“ (2017) schon an großen, langen Dokumentarproduktionen gearbeitet, die auch international ausgezeichnet wurden. Wie war es für sie nun dieses sehr intime, kurze Porträt zu verwirklichen?

Das Format von 30 Minuten gefällt mir. Es erlaubt schneller zu arbeiten und damit schneller zu einem Ergebnis zu kommen. Man kann sich auf eine "kleinere" Geschichte fokussieren, das hilft Geschichten zu erzählen. Bei einer Länge ab 40 Minuten wird die Erzählung sehr viel komplexer und erfordert mehr Recherche, mehr Drama, mehr Wendepunkte. Das bedeutet für mich in der Regel, dass ich sehr viel länger an einem Film arbeite. Die Intimität in einem Film interessiert mich persönlich immer, egal welche Länge der Film hat.

Dokumentarfilm
Interview

Der Film beginnt in einer äußerst imposanten Kulisse in einer bergigen Wüstenlandschaft. Wie kam diese Reise zu Stande und war sie immer schon als Bestandteil des Films geplant?

Der Dreh in der Wüste war ein Geschenk, das war nicht geplant. Auf Grund der Covid19- Pandemie verbrachte Julika einige Wochen in Ägypten. Ich stieß zu ihr, da wir mit den Dreharbeiten beginnen wollten. Als ich die Landschaft sah, entschied ich, mit Julika in der Wüste zu drehen. Die Entscheidung war intuitiv und hat sich als symbolische Kulisse für Julikas Erzählung angeboten..

 

Welche Aspekte aus Julikas Leben waren Ihnen besonders wichtig aufzuzeigen, und inwieweit war die Protagonistin selbst in die Planung des Films eingebunden?

Für mich war es wichtig, Julika in ihren Gedanken und Aussagen zu folgen. Ich wollte erfahren was Julika fühlt, und wie sie die Erfahrung ihre Haare zu verlieren, geprägt hat. Der Film hat seinen eigenen Lauf genommen und hat sich vom ursprünglichen Exposé frei gemacht. Für mich war es (wieder mal!) gut zu sehen, dass ich auf die Protagonisten und ihre Situation vertrauen kann, ohne etwas vorzugeben oder zu wollen. Stilistisch war es für mich wichtig, dass der Film eine poetische Note bekommt und sich vom nüchternen Bild, das dokumentiert entfernt. Daher die Projektionen der Fotos im Interview, wie auch die Wüste. Ich habe bestimmte kreative und inhaltliche Ideen, die ich hatte, angestoßen. Immerhin geht es im Film um die Frage von Schönheit im unkonventionellen Sinne.

 

Der Film ist durchzogen von assoziativen Momenten – zum Beispiel, wenn Julika rauchend im Cabrio durch die Straßen Berlins fährt, oder ein Projektor Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend auf ihren Köper projiziert. Was glauben Sie gewinnt ein dokumentarisches Porträt durch solche ausgewiesen inszenatorischen Elemente?

Die Projektionen auf Julika sollen dazu beitragen imaginär eine Brücke aus dem Jetzt und der Vergangenheit zu bilden. Erinnerungen und Realität vermischen sich, wie so oft, fast traumhaft. Julikas Gedanken, ‘wie sähe ich mit Haaren aus?’, oder ‘wäre ich die gleiche Person, hätte ich nicht meine Haare verloren?’, spiegeln sich in diesen Projektionen wieder. Das hat mir an der Idee der Projektionen gefallen. Die Bilder erzählen hier fast mehr als ihre Worte. Zudem ist Julikas Kopf wie eine Leinwand, das hat uns ästhetisch gut gefallen und unterstützt ihr Argument, dass Haarlosigkeit schön ist. Julika fährt tatsächlich ein Cabrio. Die Szene von wehenden Haaren im Cabrio unter freien Himmel, kennt jeder. Diese Situation gibt es in vielen Filmen zu sehen. Ich fand Julikas Bild einen schönen Kontrast zu unseren Sehgewohnheiten. Zudem etabliert die Szene Julika in Berlin, wo sie lebt.

 

Wie hat Julika auf den fertigen Film reagiert?

Es war eine intensive Erfahrung für Julika diesen Film zu machen. Sie hat sehr viel von sich Preis gegeben, von sich erzählt und mit uns geteilt. Bei diesen Gesprächen kamen auch Zweifel auf und Gedanken, die sie sich lange Zeit nicht getraut hatte, auszusprechen. Das machte sie verletzbar, gab ihr aber auch eine neue Sicherheit und Kraft. Der Film gefällt ihr gut und hat sie sehr berührt. Sie mag die Bilder und die Erzählweise. Sie mag auch sich selbst im Film, aber es gibt einige Momente an denen sie zweifelt. Nachdem sie den Film gesehen hat, haben wir darüber gesprochen, dass ein Film eine Momentaufnahme ist, ähnlich wie ein Foto, aber anders gesehen wird.

 

Das Interview führte Simeon Scholz.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Claudia Hustedt
hustedt.cwhatever@3sat.de
Mainz, 29. September 2021
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