Ingolf Baur ist für seine Dokumentation auch in Island unterwegs, hier im Gespräch mit Edda Sif Arradotir vom isländischen Energieversorger Reykjavik Engergy. (c) ZDF und SRF

"Wir haben nur einen Versuch" - Interview mit Ingolf Baur, Filmautor von "Ingenieure schrauben am Klima"

Die Klimaerwärmung ist in vollem Gange. Wissenschaftler arbeiten unter Hochdruck an unterschiedlichen Lösungen, um das Klima in den Griff zu bekommen. Eine Methode ist das sogenannte Geo-Engineering. Ingolf Baur, Physiker, Autor der 3sat-Dokumentation "Ingenieure schrauben am Klima" (Donnerstag, 19. März, 20.15 Uhr) und "nano"-Moderator, über die Möglichkeiten und Risiken solcher Eingriffe in das Klima.

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Interview

Weltweit arbeiten Wissenschaftler daran, die Klimaerwärmung aufzuhalten. Neben dem Einsparen von CO2 ist das sogenannte Geo-Engineering, bei dem das Klima mit technischen Eingriffen beeinflusst wird, ein großes Thema. Was muss man sich darunter genau vorstellen?

Hinter dem Begriff Geo-Engineering steckt die Idee, das Klima auf der Erde selbst zu gestalten. Im Grunde genommen tun wir das ja schon seit der Industrialisierung, allerdings im negativen Sinne: Wir heizen den Planeten immer weiter auf. Geo-Engineering soll das umdrehen, und dafür gibt es prinzipiell zwei Ansätze: zum einen den, die Atmosphäre so zu manipulieren, dass weniger Sonnenenergie auf der Erde ankommt. Dazu gehört etwa das Solar Radiation Management (SRM), bei dem Schwefel in die Stratosphäre ausgebracht werden soll. Eine weitere Idee ist, Myriaden von kleinen Spiegelchen an einem stabilen Punkt zwischen Erde und Sonne zu platzieren, die die Sonnenstrahlung teilweise reflektieren. Auch gibt es Überlegungen, die Meeresoberfläche mit weißem Schaum zu versetzen, um die Wärmerückstrahlung zu erhöhen. Bei dem grundsätzlich anderen Ansatz sollen die Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre geholt werden. Wir stellen im Film zum Beispiel vor, wie in den Meeren das Wachstum von Algen angeregt wird, diese CO2 binden, irgendwann absterben und dann das Klimagift mit in die Tiefsee nehmen. Es gibt auch schon die ersten sogenannten Direct Air Capture Verfahren (DAC), bei denen das CO2 in der Luft chemisch gebunden wird, um es dann in Gewächshäusern zu nutzen oder auch im Boden in Gestein zu verpressen. Die Kosten für diese bereits funktionierende Technik sinken. Mal sehen, ob und wann sie in dem gigantischen Maßstab zur Verfügung steht, in dem sie gebraucht wird. Denn zu diesen sogenannten negativen Emissionen gibt es keine Alternative: Das CO2 muss wieder aus der Atmosphäre gefischt werden, sonst steigt die Temperatur langfristig weit über zwei Grad hinaus.

Welche positiven Ergebnisse kann die Wissenschaft inzwischen vorweisen? Und worin liegen die möglichen Nachteile solcher Anwendungen?

Die Methode, die am einfachsten, schnellsten und billigsten die Erde kühlen könnte, ist SRM, das solare Strahlungsmanagement. Die Wissenschaft weiß schon lange, dass das funktioniert: Dreck in der Atmosphäre kühlt, und ohne Luftverschmutzung wäre die Durchschnittstemperatur etwa ein halbes Grad höher. Wenn Vulkane ausbrechen – wie zum Beispiel 1991 der Pinatubo –, sinkt die Temperatur zum Teil noch stärker. Es kann allerdings niemand sicher vorhersagen, was passiert, wenn wir über lange Zeiträume gezielt in großem Maßstab Schwefel in die obere Atmosphäre kippen. Die Natur und vor allem das Klima reagieren komplex. Es könnte völlig instabil werden, Wettermuster könnten sich verschieben. Die Sonneneinstrahlung zu manipulieren erzeugt einen Sack voller Probleme. Einzelne Player könnten sogar Klimakriege führen. Das größte Risiko scheint mir aber zu sein, dass allein schon durch die Forschung der Eindruck entstehen könnte, wir dürften so weitermachen wie bisher – als gäbe es eine Alternative zum schnellen Verzicht auf fossile Energien.

Beim Solar Radiation Management (SRM) kann man nicht schlagartig aufhören, sobald die Prozesse einmal in Gang gesetzt sind. Gibt es auch Methoden, die man problemlos stoppen kann?

Wenn man einmal begonnen hat, alljährlich mit großen Flugzeugflotten durch die Ausbringung von Schwefel die Stratosphäre zu verdunkeln, und dann damit aufhört, wird der Treibhauseffekt die Temperatur auf den Wert steigen lassen, den sie ohne die Manipulation gehabt hätte. Denn das Treibhausgas CO2 wird Hunderte von Jahren nicht abgebaut. Manche Studien kommen sogar zu dem Schluss, dass die Temperatur nach einem Stopp auf noch höhere Werte schießen könnte. Bei anderen Methoden, wenn es etwa gelingt, den Kohlenstoff in die Tiefsee zu versenken und er dort tatsächlich bleibt, wäre das nicht zu erwarten. Denn dann ist das CO2 ja weg. Allerdings müsste jede Form von Geo-Engineering in gigantischem Maßstab ablaufen: Beim momentanen Lebenswandel der Menschheit müssten wir jede Sekunde über 1000 Tonnen CO2 kompensieren – so viel stoßen wir aus. Egal welche Technologie in diesem Maßstab eingesetzt wird: Ihre Auswirkungen sind nicht vorhersehbar.

In der Dokumentation reisen Sie zu Forschern in der Schweiz, in Island, in Peru und in den USA. Gibt es ein Land, in dem besonders intensiv am Geo-Engineering gearbeitet wird? Und woran liegt das?

In den USA ist die Forschung viel stärker privat finanziert. Und dort gibt es natürlich auch private Geldgeber, die ein Interesse daran haben, dass alles so weiterläuft wie bisher. Nämlich die, die davon profitieren, dass wir fossile Rohstoffe verbrennen. Milliardäre wie Bill Gates oder auch Richard Branson haben beispielsweise die Forschung von David Keith an der Harvard University in Boston unterstützt. Er ist der prominenteste Forscher zum SRM.

Der Klimawandel schreitet schnell voran und es besteht dringender Handlungsbedarf. Haben wir überhaupt genügend Zeit, Geo-Engineering-Projekte ausreichend zu testen? Und wie aussagekräftig können solche Tests letztlich sein?

Das Ballonexperiment SCoPEx zum SRM an der Harvard University könnte helfen, die Atmosphärenphysik und -chemie genauer zu verstehen. Allerdings wird es immer wieder verschoben – die Genehmigungen fehlen. Ob SRM wirklich funktioniert, würde das Experiment aber immer noch nicht verraten; das merkt man erst, wenn SRM tatsächlich eingesetzt wird. Das heißt, wir haben nur einen Versuch. Und da wir auch nur einen Planeten haben, sollte man sich das vorher gut überlegen.

Eine Studie der Uni Kassel, an der über 700 Klimaexperten teilnahmen, ergab im vergangenen Herbst, dass die meisten von ihnen Geo-Engineering gegenüber eher skeptisch sind. Auf der einen Seite wird an solchen Möglichkeiten verstärkt geforscht, auf der anderen steht man den – dann doch recht massiven – Eingriffen in das Klima kritisch gegenüber. Wie passt das zusammen?

Vielleicht wird es ja eines Tages doch gut sein zu wissen, wie man die Temperatur auf der Erde wieder senken kann. Alle Klimaforscher hoffen, dass wir vorher die Kurve kriegen, aber was, wenn nicht? Wenn wir Kipppunkte des Klimas überschreiten, wenn plötzlich Meeresströme – wie der Humboldtstrom drohen, ihre Richtung zu ändern, oder der Amazonas beginnt, abzusterben. Vielleicht sagt dann die Risikoabwägung, dass es klug wäre, die Spitze der Klimaerwärmung mit Geo-Engineering-Maßnahmen zu kappen. Für Klimaforscher ist das ein Dilemma, das sie sich nicht gewünscht haben.

Wenn Sie persönlich entscheiden könnten, was in Bezug auf den Klimawandel getan werden sollte: Welche Maßnahme halten Sie für die sinnvollste?

Die Antworten liegen alle längst auf dem Tisch: Wir müssen besser heute als morgen mit der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas aufhören – auch wenn es ungemütlich wird. Ein global gültiger, sehr hoher CO2-Preis wäre wahrscheinlich das Beste, um das durchzusetzen und die kapitalistischen Kräfte in Richtung Klimaschutz zu lenken. Wie man allerdings alle Länder dazu bringt, dabei mitzumachen, weiß ich leider auch nicht.

ZDF
HA Kommunikation/
3sat Presseteam

Marion Leibrecht
leibrecht.mwhatever@3sat.de
Mainz, 06. Februar 2020
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